Warten auf Johansson

- Montreux/Hamburg - In exakt einem Jahr kürt die Europäische Fußball-Union (UEFA) ihren Präsidenten. Ob Franz Beckenbauer für den Platz auf Europas Fußball-Chefsessel kandidiert, könnte sich aber schon in den nächsten Tagen entscheiden. Am Rande der Auslosung der Qualifikations-Gruppen für die EM 2008 in Österreich und der Schweiz am Freitag in Montreux wird das entscheidende, öffentliche Wort von Amtsinhaber Lennart Johansson erwartet. Nur wenn der Schwede für das kommende Jahr seinen Rückzug in den Ruhestand verkündet, will "Kaiser Franz" Beckenbauer antreten und den Wahlkampf der Weltstars gegen Frankreichs Fußball-Idol Michel Platini aufnehmen.

Da Johansson sich bisher nur in Interviews ("Es ist Zeit für mich, häufiger zum Angeln zu gehen"), nicht aber vor den UEFA-Delegierten geäußert hat, sind von Beckenbauer nur diplomatisch geschliffene Statements zu hören. "Es wäre eine Aufgabe, die mich reizen würde. Zunächst muss geklärt sein, ob Herr Johansson wirklich aufhört." Der mögliche Konkurrent Platini zeigte sich weniger zurückhaltend und preschte mit seiner offiziellen Bewerbung beim Verband und konkreten Vorschlägen zur Reform des Europapokals schon vor zehn Monaten vor.

Pikant sind schon jetzt die direkten Begegnungen der möglichen Rivalen. Ausgerechnet kurz vor dem UEFA-Meeting trafen sich Beckenbauer und Platini am Dienstagabend in Paris. Auf seiner "Welcome-Tour" in alle WM-Teilnehmer-Länder reiste Cheforganisator Beckenbauer nach Frankreich und besichtigte mit Platini den derzeit unweit des Eifelturms aufgebauten Fußball-Globus. Das von Johansson erwartete Signal noch in dieser Woche käme Beckenbauer sicher nicht ungelegen. In den folgenden Tagen (30. Januar - 2. Februar) setzt der 60-Jährige seine WM-Besuchstour in Tschechien, der Schweiz, Spanien und England fort und könnte auf europäischen Parkett Punkte sammeln.

Obwohl sich Johansson zu Fragen seiner Nachfolge bisher zurückhielt, gilt Beckenbauer als Favorit des 76-Jährigen. Zumal Platini einst Johanssons Konkurrenten Joseph Blatter im Kampf um den Vorsitz beim Weltverband FIFA unterstützt hatte. Die im Vorjahr von Johansson durchgedrückte Verlängerung seiner dritten Amtszeit um ein Jahr bis zum Kongress am 25. Januar 2007 in Düsseldorf kam Beckenbauer angesichts seiner WM-Verpflichtungen auch recht gelegen.

In Deutschland kann sich Beckenbauer voller Unterstützung sicher sein. Nur der Grüne Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit wagte Widerspruch. Seine "Allianz gegen Franz" fand aber nur wenig Unterstützung und führte sogar zur ungewöhnlichen "Koalition" von Politikern aus CSU und Grünen, die sich für eine Kandidatur des "Kaisers" aussprachen.

Der Aufstieg auf Europas Fußball-Thron bliebe aber nicht ohne Konsequenzen. Gerhard Mayer-Vorfelder müsste nach seinem Ausscheiden als DFB-Präsident auch seinen eigentlich bis 2009 reservierten Sitz in der UEFA-Exekutive räumen: Dort ist nur Platz für einen Vertreter pro Nation. "Selbstverständlich werde ich eine Kandidatur von Franz Beckenbauer mit allen Kräften unterstützen", sagte "MV" dennoch.

Beim FC Bayern München hat sich Manager Uli Hoeneß für den Fall des Beckenbauer-Abschieds schon in Position für die Nachfolge auf dem Präsidenten-Posten gebracht. Und auch seine zahlreichen Werbeverträge würde Beckenbauer für seinen nächsten Schritt in der FunktionärsKarriere zum Jahresende auslaufen lassen, um Interessen-Kollisionen zu vermeiden.

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