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Als „passionierter Triathlet“ gilt Justizminister Heiko Maas. Tatsächlich startete er vor zwei Jahren in Roth - aber nur in einer Staffel, mit halber Etappe und außer Konkurrenz.

Wenn Politiker Sportler spielen

  • Günter Klein
    VonGünter Klein
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Ganz klar: Diesen Sonntag ist Sport nur Nebensache und nicht das Wichtigste in Deutschland. Die Nation wählt, die Politik ist das große Thema. Doch da kann man mal nachhaken: Wie halten es Politiker mit dem Sport? Nutzen sie ihn nur zur Inszenierung? Oder sind sie selbst richtig fit?

lichste Politiker, sondern überhaupt der größte Sportler aller Zeiten muss Kim Jong-Il gewesen sein, Nordkoreas Herrscher bis 2011.

Ein einzigartiges Naturtalent, das nicht einmal Training benötigte. Ein Genie!

Die Geschichte: 1994 wurde in Pjöngjang, Nordkoreas Hauptstadt, der erste Golfplatz des Landes eröffnet, ein 18-Loch-Kurs. Der Meister selbst spielte eine Runde. Es war die erste seines Lebens.

Und er zeigte allen Großen dieses Sports, die es bis dahin gegeben hatte, und allen Großen, die noch kommen würden, wie es geht. Kim Jong-Il schlug elf „Hole in one“, er benötigte für die 18 Bahnen nur 34 Schläge. Selbst Tiger Woods in der Form seines Lebens hätte sicher über 60 benötigt, und nicht jeder Profi kann von sich behaupten, mal ein Ass geschlagen zu haben in der jahrzehntelangen Karriere. Für das Hole-in-one-Kunststück sind bei Turnieren wertvolle Sachpreise (Auto) ausgesetzt.

Eine erfundene Geschichte? Nicht doch. Das nordkoreanische Informationsministerium hat die Heldentat des geliebten Führers damals publik gemacht. Es gibt ganz offiziell auch eine Scorecard zur golferischen Glanzleistung, und ein jeder der anwesenden Personen – 17 an der Zahl, die Leibwächter von Kim – hat sie bezeugt. Er war halt ein Teufelskerl. Wie ja auch die sechs Opern belegen, die er flugs mal komponiert hat und die viel schöner sein sollen als alles, was Mozart aufs Notenblatt gezaubert hat.

Als Staatschef gegen Weltmeister kicken

Ein Golfboom ist in Nordkorea durch die Performance des Meisters nicht entstanden – ein Glück für Donald Trump. Er gilt als der beste Golfer, der jemals im Weißen Haus regiert hat. Der amerikanische „GolfDigest“ verweist auf 19 Klub-Meisterschaften, die Trump, dem 16 Golfplätze gehören, gewonnen hat. Sein Handicap liegt bei 2,8, also auf fast schon professionellem Niveau. Die Gelehrten streiten, ob die langen Schläge oder das Putten die Stärke von Mister President ist. Jedenfalls: Er spielt ja oft genug, kann den Fleiß seines Vorgängers Barack Obama (330 Runden in zwei Jahren) überbieten.

16 der letzten 19 US-Präsidenten haben gegolft, sechs erreichten ein Handicap, das besser ist als 10. Schon klar also, was Politiker in Amerika zeigen wollen: Ich bin fit, ich habe was auf dem Kasten.

Vielleicht ist dieses Bedürfnis bei autokratisch veranlagten Menschen noch ein wenig stärker. Wladimir Putin, der ein respektabler Judoka gewesen sein soll, versteht es, sich in verschiedenen sportlichen Posen zu inszenieren. Er spielt – Nationalsportart in Russland – Eishockey mit Altstars, das legendäre Sbornaja-Trikot wertet den Präsidenten auf. Und er reitet und angelt – zumindest sind es, so wie von ihm betrieben, Semi-Sportarten. Hauptsache: Oberkörper frei.

Die Eitelkeit ist auch dem tschetschenischen Staatschef Ramsan Kadyrow nicht fremd. Sie gipfelte darin, dass er sich vor sechs Jahren ein Länderspiel in eigener Sache gönnte: eine tschetschenische Auswahl (mit ihm als Fixpunkt, jedoch auch mit Gastspielern wie Lothar Matthäus, Diego Maradona und Luis Figo) gegen die brasilianische Weltmeistermannschaft von 2002. Nun gut, die war, so wie sie in Grosny antrat, nicht original, wurde auch mit einigen Oldies aus den 90er-Jahren aufgefüllt oder mit dem Ex-Bayern Giovane Elber, der nie eine WM hatte spielen dürfen – doch wichtig war, dass der kleine stämmige Kadyrow zu seinen Torerlebnissen kam. Dreimal gab der Schiedsrichter Elfmeter für die Tschetschenen – und der Chef selbst nahm sich der Sache an. Verkauft wurde die Veranstaltung, bei der eine Halbzeit nur 25 Minuten dauerte, als „Spiel des Jahrhunderts“, die Platzansagerin jubilierte: „Ungeahnte Leidenschaften kochen hoch.“

Der klar bessere Fußballer als Kadyrow war mit Sicherheit der Gaddafi-Sohn As-Saadi, der zwischen 2003 und 2007 bei drei italienischen Serie-A-Vereinen unter Vertrag stand: AC Perugia, Udinese Calcio, Sampdoria Genua. Zweimal wurde er eingewechselt. Seinen Platz in den Kadern hatte sich Gaddafi junior, der 2011 während der lybischen Revolution als Oberbefehlshaber von Sondereinheiten der Regierung auftrat, erkauft.

Einige deutsche Fußballprofis, die sich, als sie keinen Klub hatten, in einem Camp ihrer Fußballergewerkschaft fit hielten („FC Arbeitslos“), trafen in einem Freundschaftsspiel mal auf die zweite Mannschaft von Perugia – mit Gaddafi. Ihr Urteil über den illustren Gegenspieler: Gar nicht mal so schlecht, in etwa Regionalliga-Niveau (die 3. Liga war damals noch nicht eingeführt).

Sportlicher Erfolg verhilft zu Prestige – auf Basis dieser Annahme haben Staaten den Kampf um Medaillen mit allen Mitteln forciert und tun das heute noch. Und im Kleinformat trifft es auch auf einzelne Personen zu. In sportaffinen Gesellschaften muss es gut ankommen, wenn man zeigt: Man wäre auch in diesem oder jenem Spiel ein Guter.

In Deutschland der Maßstab: Fußball. In eine Abgeordneten-Vita ist hineinprotokolliert, dass der Herr Politiker ja eigentlich auf bestem Wege gewesen sei, sich seinen Fußballprofitraum zu erfüllen. Bis die Knieverletzung dazwischen kam. Oder die Berufung, fürs Gemeinwohl tätig zu werden.

Von Gerhard Schröder ist bekannt, dass er Mittelstürmer beim TuS Talle war, den Spitznamen „Acker“ trug und mit seinem Heimatverein bis in die Bezirksliga aufstieg – was aber in den 60er-Jahren, als der Fußball noch ein sehr gemütliches Spiel war, nichts mit Leistungssport zu tun hatte. Kanzlerkandidat Martin Schulz verteidigte in seiner Heimatgemeinde Würselen, standesgemäß auf der linken Seite – erlitt aber schon mit 20 einen Totalschaden im Knie (Meniskus, Kreuzband). Ob er tatsächlich auf dem Weg zum Profi war?

Sieht man zufällig mal einen Filmausschnitt von einem Kick des FC Bundestag, der Parlamentarier-Auswahl, dann glaubt man eher nicht, dass der Fußball außergewöhnliche Bewegungstalente an die Politik verloren hat. Auch Edmund Stoiber als Leistungsträger beim BFC Wolfratshausen ist eine im Rückblick verklärte Episode. Reichte schon die Ernüchterung, als der damalige bayerische Ministerpräsident anlässlich einer Lifteinweihung in Garmisch-Partenkirchen öffentlich Skifahren musste (Frau Karin erledigte das ein paar Klassen besser).

Nachprüfbarer ist, was ein Politiker im Ausdauersport leistet. Bestens bekannt ist die Marathon-Geschichte von Joschka Fischer. In seiner „dünnen Phase“ legte er 1998 eine respektable Zeit von 3:41 Stunden hin. Zwei Minuten besser als etwa der Boxweltmeister Sven Ottke, 41 Minuten gar schneller als der ehemalige Fußballstar Olaf Thon. Bei allem Trainingseifer: An den politischen Widersacher, den österreichischen Rechtsausleger Jörg Haider, kam der deutsche Außenminister Fischer nicht heran. Haider lief im Jahr der Joschka-Bestzeit noch bessere 3:29 Stunden.

Laufen ist der perfekte Sport für Politiker. Geht überall und zwischendurch, ist volksnah, da nicht kostenintensiv. CDU-Generalsekretär Peter Tauber hat 2017 drei Marathons im Kalender stehen, in Jerusalem lief er 3:59:33 Stunden – persönliche Bestzeit, am 29. Oktober in Frankfurt ist er das nächste Mal am Start. Auch Linken-Star Oskar Lafontaine war in jüngeren Jahren flott unterwegs, konnte die 10 Kilometer unter 40 Minuten laufen. Seine Frau Sahra Wagenknecht fährt Rad, neulich war sie mit einem „Spiegel“-Reporter auf einer Tour im Saarland. Angestrebt: eine 100-km-Tour. Der Journalist machte schlapp, Wagenknecht sagte, sie werde die Strecke dann morgen eben noch einmal mit Oskar fahren.

Zu starken Ausdauerleistungen fähig war der kürzlich verstorbene Heiner Geißler. Der CDU-Mann kraxelte Felswände hoch, flog mit dem Gleitschirm (was einmal nicht gut endete) und war einer der ersten Trailrunner. „Er ist oft zweieinhalb Stunden lang die Berge rauf- und runtergelaufen“, erzählte im „Bayern 2 Tagesgespräch“ sein ehemaliger Mitarbeiter Lothar Frick, „die Personenschützer konnten ihm nicht folgen, weil sie auf Sprints und kurze Strecken trainiert waren“.

Als Minister zum Ironman?

Eine drahtig-sportliche Erscheinung im Bundeskabinett und gewiss eine Herausforderung für die Bodyguards ist Justizminister Heiko Maas. Der Saarländer wurde in diversen Veröffentlichungen als „passionierter Triathlet“ gefeiert – doch das ist eine sanfte Übertreibung.

Maas selbst ist gut mit Triathlon-Olympiasieger und Hawaii-Champion Jan Frodeno bekannt, er hat auch den Traum, selbst mal einen Ironman-Wettbewerb (3,8 km Schwimmen, 180 km auf dem Rad, Marathonlauf, also 42,195 km) zu absolvieren. „Aber ich übe Berufe aus, die das praktisch unmöglich machen.“ Woher sollte er die Zeit für 20 Wochenstunden Training nehmen?

Maas ist Mitglied im Verein Tri-Sport Saar-Hochwald, tatsächlich findet man ihn in einer Ergebnisliste des 3. Neunkircher Triathlons 2015, zugleich die Saarlandmeisterschaft. Aber es war nur die Sprintdistanz mit 500 Meter Schwimmen, 20 km Radfahren und 5,5-km-Lauf – also die Hälfte der Olympischen Distanz. Maas benötigte 1:21:50 Stunden, das war eine der langsamsten Zeiten. Aber: Es blieb nur ein Teilnehmer unter einer Stunde, das Niveau war ausgeglichen hoch.

Spektakulär klang die Ankündigung, Heiko Maas werde 2015 bei der Roth Challenge an den Start gehen. Deutschlands berühmtester Landistanz-Triathlon. Allerdings: Maas startete nur in einer Prominenten-Staffel (mit der Extremsportlerin Laura Schwarz und Musiker Joey Kelly), da übernahm er das Radfahren, und auch nur eine von zwei Runden. Einmal durfte er den Anstieg zum Solarer Berg bewältigen, topographischer und emotionaler Höhepunkt – dann musste der Minister auch schon wieder weg. Termine.

Sportskanonen unter den Politikern sind am ehesten die, die aus dem Leistungssport kommen und dann Karriere in einer Partei machen. Bestes Beispiel: Eberhard Gienger, deutscher Turnstar in den 70er-Jahren, gehört seit 2002 dem Deutschen Bundestag an. Für die CDU gewann er den Wahlkreis Neckar-Zaber, tritt auch zu dieser Wahl wieder an. Der ehemalige Reckweltmeister verstärkt selbstverständlich die Kicker des FC Bundestag und ist überdies Fallschirmspringer. Während der Olympischen Spiele 2016 war er auch Kolumnist für unsere Zeitung, den Job erledigte er an manchen Tagen zwischen den Absprüngen; es fanden stets mehrere statt.

Eine ungewöhnliche sportliche Vergangenheit hat der SPD-Bundestagsabgeordnete Matthias Ilgen aus Husum. Er finanzierte sich sein Studium durch die Showsportart Wrestling. Er trat auf als „Matthias Rüdiger Freiherr von Ilgen“ und musste den „bad guy“ geben, den alle in der Halle ausbuhten. Jetzt sieht er sich auf der anderen Seite: „Wir Sozis sind die Guten.“ Die Wrestler-Vorgeschichte verhalf ihm zu Bekanntheit, die er als Neuling im Parlament sonst nicht erlangt hätte. Heute steigt Ilgen nicht mehr in den Ring, pflegt aber noch Kontakte zur Szene, war vor einem Jahr auch Promi-Gast in München, als der Ex-Fußballtorwart Tim Wiese sein Debüt bei den wilden Ringern gab.

Die längste politische Karriere unter Sportlern machte Gustav-Adolf „Täve“ Schur. Er war der Liebling der Ostdeutschen, der Star der DDR, der sportlich aufrechte Dominator der Friedensfahrten in den 50er-Jahren. 1958 trat der Radfahrer in die Volkskammer der DDR ein, das war so üblich. Er behielt sein Mandat bis 1990, zum Zusammenbruch seines Staats. Von 1998 bis 2002 tauchte Schur dann für den SED-Nachfolger PDS im Bundestag auf. In dieser Zeit stimmte er gegen das Dopingopfer-Hilfe-Gesetz, Kritiker hielten ihm vor, er verkläre das Unrecht, das die DDR begangen habe. In die deutsche Hall of Fame des Sports wurde er auch darum nicht aufgenommen.

Eine Sportart, die deutsche Politiker meiden, ist Golf. Zu elitär, zu teuer, zu zeitintensiv. Und wer könnte Donald Trump bezwingen? Oder elf Asse spielen?

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