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Bei Einfahrt in den Tunnel ausgewichen, dann bei Tempo 70  verherrend gestürzt: Dominik Nerz. 

Wenn Radprofis stürzen

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Der Fall des viermaligen Tour-de-France-Siegers Christopher Froome, der auf einer Trainingsfahrt schwer stürzte, zeigt, wie gefährlich Profi-Radfahrer leben. Stürze gehören freilich zum Berufsrisiko. Wie die Branche damit umgeht und warum die Pedaleure oft schwer angeknockt und blutend wieder in den Sattel steigen, erzählt ein Buch, in dem es um Dominik Nerz geht, eines der gescheiterten Talente des deutschen Radsports.

Bei Christopher Froome war es die fatale Kombination aus Lenken mit einer Hand, einer Windböe, hoher Geschwindigkeit und einer nahen Hauswand, dass er Sekunden später mit offenen Brüchen an Beinen, Hüfte und Armen, lädierten Rippen und inneren Verletzungen auf dem Asphalt lag. Er musste erst einige Stunden am Unfallort behandelt werden, ehe er transportfähig war.

Froome wollte sich – das ergab die Auswertung seines Radcomputers – bei 54 Stundenkilometern kurz die Nase putzen, als der Windstoß sein Vorderrad erfasste und dem Briten die Kontrolle über seine etwas mehr als sechs Kilogramm schwere Rennmaschine entriss.

Es geschah nicht einmal im Wettkampf, sondern auf einem Trainings-Ausritt während der Dauphiné-Rundfahrt, einem der wichtigsten Vorbereitungsrennen auf die Tour de France.

Auf der Dauphiné-Rundfahrt erwischte es vor vier Jahren auch Dominik Nerz, den damaligen Kapitän des aufstrebenden Bora-Teams aus dem oberbayerischen Raubling. Nerz, ein Allgäuer, ein guter Kletterer, ein Mann für gute Platzierungen im Gesamtklassement von Rundfahrten (14. und 18. bei der Vuelta), hatte auf der Königsetappe einen guten Tag, er gehörte zur Spitzengruppe, die nur noch eine lange Abfahrt ins Ziel vor sich hatte. „Ich habe da ernsthaft über den Etappensieg nachgedacht. Ich war so beflügelt, so befreit. Und dann kam der Tunnel.“ So erzählte Nerz es dem Journalisten Michael Ostermann, dessen hervorragendes Buch „Gestürzt. Eine Geschichte aus dem Radsport“ (covadonga Verlag, 288 Seiten, 16,80 e) kürzlich erschienen ist.

Nerz liegt an zweiter Position, es wird Tempo 70 gefahren. Der Kollege vor ihm greift vor Einfahrt in das Dunkel des Tunnels nach der Wasserflasche, nimmt einen Schluck, doch beim Versuch, das Gefäß zurückzunesteln in den Halter am Rahmen, entgleitet es ihm, fällt auf die Straße. Dominik Nerz macht einen Schlenker, um auszuweichen, er kommt von der Ideallinie ab, die man bei diesem Tempo halten sollte, dazu verändern sich schlagartig die Lichtverhältnisse. Von der prallen Sonne zum dämmerigen Kunstlicht. Nerz knallt gegen die Wand.

Er hat Schmerzen im linken Fuß, im linken Knie, vor allem brummt ihm der Schädel. Und er verspürt seelischen Schmerz. Nerz denkt weniger an seinen körperlichen Zustand als daran: „Oh Gott, was wird mit der Tour?“

Er soll das Bora-Team als Kapitän anführen, es wird von ihm – das hatten die Chefs offensiv formuliert – ein Platz unter den ersten Zehn erwartet. Es geht um den Vertrag fürs nächste Jahr. Und darum, einem Gebot des Radsports zu folgen: Wer gestürzt ist, steigt wieder auf. „Put me back on my bike“, das ist der Leitsatz. Im Original gesprochen von Tom Simpson, der 1967 auf der Tour de France – hochgedopt, wie man erfuhr – am Mont Ventoux starb. „Setzt mich wieder auf mein Rad“, waren seine letzten Worte an den Teamchef. Nach wenigen Metern kippte er erneut aus dem Sattel, es war sein Ende.

„Nach einem Sturz aufzustehen, sich wieder aufs Rad zu setzen, ist für Radprofis ganz selbstverständlich“, schreibt der Radsportexperte Michael Ostermann. Er kann Beispiele aus verschiedenen Jahrzehnten aufzählen, ein besonders markantes ist das des Belgiers Philippe Gilbert bei der vorjährigen Tour de France. Auf einer Pyrenäen-Abfahrt versteuert Gilbert sich, über die Begrenzungsmauer der Straße stürzt er in die Tiefe. Dem Fernsehpublikum stockt der Atem: Der Mann kann tot sein. Doch bald schon klettert er, das Fahrrad geschultert, zurück auf die Straße und nimmt das Rennen wieder auf. Noch 60 Kilometer fährt Gilbert, erreicht das Ziel – mit gebrochener Kniescheibe.

Vergleichbar: Vinzenco Nibali, der mit gebrochenem Wirbelkörper – Folge eines Sturzes – hinauf nach Alpe d’Huez fuhr. „Als Radsportler bist du Stürze gewohnt, hast das Stürzen gewissermaßen erlernt. Man hat sich gewisse Schutzmechanismen angeeignet, die der Körper dann anknipst“, erklärt der deutsche Star Tony Martin. Nerz’ Trainer Hartmut Täumler plädierte stets für die sofortige Rückkehr aufs Rad, damit sich das Erlebnis gar nicht erst festsetzt.

Die biologische Erklärung für das Immer weiter im Sattel liefert der Kölner Sportpsychologe Jens Kleinert: Der Körper produziert Endorphin, das sei „ein Derivat des Morphins, eines starken Schmerzmittels“. Richtig weh tut es meistens am Tag nach dem Sturz.

Dominik Nerz erlebte seinen ersten Sturz bei einem U 13-Rennen, kaum dass er vom baden-württembergischen Landesverband als Talent ausgemacht worden war. Im Training im Verein war man immer ordentlich in Zweierreihen gefahren, doch im Rennen geht es wild durcheinander. Als die Straße sich verengt, so erzählt es Nerz seinem Biografen Michael Ostermann, „hatte ich zwei Optionen. Entweder fahre ich in den Stacheldraht oder ich falle auf die Straße. Ich habe mich dann für die Straße entschieden.“ Das Knie blutet, der Ellbogen ist aufgeschlagen, die Haut war abgezogen, Nerz heulte. Der Trainer indes wischte dem jungen Fahrer nur kurz übers Knie: „Der hat mich erst einmal angeschnauzt: ,Willst du mich jetzt verarschen? Das sind doch nur ein paar Kratzer. Da musst du weiterfahren. Das Rennen ist noch nicht vorbei’.“ Nerz hatte seine erste Lektion gelernt: Ein Radfahrer kennt keinen Schmerz. Fortan fährt Dominik Nerz immer weiter.

Wie 2012 bei seiner ersten Tour de France. Auf einer schmalen Landstraße will ihn eines der Begleitmotorräder überholen.“ Nerz’ Lenker hakt sich am Koffer des Kraftrads ein. „Ich habe den Abflug gemacht.“ Schürfwunden und Prellungen ignoriert er und kommt mit 7:27 Minuten Rückstand auf den Tagessieger der dritten Etappe ins Ziel. Bis zur 14. Etappe hebt es ihn weitere vier Mal aus dem Sattel. Auch das war dabei die Ursache: „Ich habe mich am Hinterrad des Vordermannes aufgehängt.“ Der Auffahrunfall, ein klassischer Fehler im Peloton.

Das Fernsehpublikum quittiert Sturzszenen – vor allem bei Massensprints liegt die Gefahr eines Crashs immer in der Luft – mit wohligem Grausen. „Stürze sind im Zeitalter von Social Media längst zu einer Art Entertainment geworden“, schreibt Michael Ostermann, doch wenn man direkt danebensteht, „ist die Tonspur sehr viel lauter.“ Das Quietschen der Bremsen, die Schreie, das Knirschen des Carbons, aus dem viele Radkomponenten sind, und das Scheppern von Metall auf dem Asphalt seien beim Miterleben sehr viel verstörender.

Dominik Nerz schied nach seinem Tunnelsturz bei der Dauphiné-Rundfahrt 2015 aus, führte jedoch das Bora-Team in die Tour de France. Er erlebte dann sein Desaster. Teils selbst verschuldet. Dass er beim Sturz im Tunnel das Bewusstsein verloren hatte, verschwieg er dem Team. Es war sehr offensichtlich, dass er eine Gehirnerschütterung erlitten hatte, ihn begleiteten Schwindel und Unwohlsein. In den folgenden 46 Tagen fiel er drei weitere Male auf den Kopf: nach dem Tour-Prolog im Ziel wegen eines Defekts am Rad; bei einem Massensturz an einer Laterne (Ostermann: „Ein Gemetzel“, Nerz: „Überall auf der Straße war Blut“), schließlich bei der „Tour de Neuss“, einem der kleinen Rennen nach der Tour („Im Gitter wieder aufgewacht“).

Dominik Nerz hat sich aufs Äußerste geschunden, ist die Tour mit offenen Wunden und angebrochenen Rippen gefahren, er übersteht die Frankreich-Rundfahrt nur mit Schmerz- und entzündungshemmenden Mitteln, weiß nicht, wie er sich hinlegen soll, um Schlaf zu finden. Vor allem beschäftigt ihn der Kopfschmerz: „Als ob jemand ständig mit dem Presslufthammer auf die Birne klopft.“ 2016 hört er auf. Mit 27. Wegen der Stürze, aber auch wegen der Magersucht, die sich in sein Leben geschlichen hat - weil er um jedes Kilo weniger kämpfte, um schneller zu sein. Ein Jahre lang kann Dominik Nerz nach seinem Rücktritt keinen Sport machen.

Seit 2003 herrscht im professionellen Radsport Helmpflicht. Das hat geholfen, schwere Hirn- und Kopfverletzungen zu verhindern oder wenigstens zu verringern. Gehirnerschütterungen bietet der Helm aber nicht Einhalt. Laut einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln erlitten 23,8 Prozent der Radsportler schon mal eine.

Auch wenn sie nach einem Sturz das Gefühl haben, sie könnten sich eine zugezogen haben – sie fahren weiter. Das Feld wartet nicht.

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