"Wenn ich im Tor stehe, steigt 1860 nicht ab"

- München - Michael Hofmann musste lange warten, um Stammtorwart beim TSV 1860 zu werden. Abgesehen von der Saison 98/99, als er durchspielte, kam er zwischen 1996 und Sommer 2003 nur zu 16 Einsätzen. Die Geduld hat sich gelohnt. Inzwischen ist Hofmann (31) unangefochten.

<P>Fühlen Sie sich als richtiger Bundesliga-Profi?</P><P>Hofmann: Ich habe mal gesagt, dass ich mit 50 Spielen noch nicht zu den Etablierten gehöre.</P><P>Damals waren es 48.</P><P>Hofmann: Es gab aber auch Stimmen, die gesagt haben: Du bist schon so lange hier. Und als Torwart ist es auch schwer. Klar sehe ich die Vorrunde als Basis, aber richtig zufrieden bin ich erst, wenn es am Saisonende 34 Spiele sind.</P><P>Ihr 68. Bundesligaeinsatz gegen den 1. FC Kaiserslautern könnte einer der wichtigsten werden.</P><P>Hofmann: Auf jeden Fall. Ich schaue nicht auf jedes einzelne Spiel von mir persönlich, aber die Bedeutung für den Verein ist sehr hoch. Wir haben vor der Winterpause in fünf, sechs Spielen die gute Ausgangsposition verschenkt. Jetzt stehen wir enorm unter Druck.</P><P>Sie waren in der Hinrunde einer der Ersten, der auf die heikle Situation hinwies, obwohl 1860 im Mittelfeld stand. Kam die Warnung da schon an?</P><P>Hofmann: Wir haben auch im Oktober gewusst, dass wir aufpassen müssen, sonst geht im Januar, Februar das Zittern los. Wir können nicht erwarten, dass wir aus den ersten fünf Spielen wieder zehn Punkte holen. Aber wir müssen jetzt alles versuchen, weil wir die Heimspiele gegen Rostock und Gladbach so brutal verschenkt haben. Im Herbst war die Grundstimmung: Können wir den neunten Platz halten, wie viel Abstand haben wir zu den Uefa-Cup-Rängen? </P><P>Und dann kamen Sie und haben gewarnt, man müsse nach unten schauen.</P><P>Hofmann: Das war so eine Zeit, da haben wir das Derby ordentlich gespielt, aber ohne zählbaren Erfolg, oder das 2:2 in Leverkusen nach 2:0-Führung. Das sind Situationen, die uns jetzt nachhängen.</P><P>Konnten Sie im Urlaub überhaupt abschalten?</P><P>Hofmann: Ich habe mich schon erholt. Mittlerweile kann ich das ganz gut trennen. Ich habe die Vorbereitung verfolgt und einen sehr guten Eindruck. Ich glaube auch, dass jeder wieder das macht, was uns insgesamt stark macht. Das hat uns im November oder Dezember vielleicht gefehlt. Dass nicht mehr alle Befehle so umgesetzt wurden.</P><P>Warum nicht?</P><P>Hofmann: Vielleicht war es eine Frage der Sicherheit. Nach dem Bochum-Spiel (Anm.: 3:1 am elften Spieltag) hatten wir 17 Punkte, da hat jeder gesagt: Vielleicht schnuppern sie am Uefa-Cup. Und dann kommt man in so eine Dynamik. Sechs Spiele, zwei Punkte. Wenn du das hochrechnest! Das reicht nicht für den Klassenerhalt.</P><P>Seit dem Gladbach-Spiel hatten Sie viel Zeit, sich mit der Realität auf Platz 14 vertraut zu machen.</P><P>Hofmann: Die Pause war sicherlich gut, weil wir den Negativlauf gestoppt haben. Und weil eine neue Vorbereitung begann. Jeder Spieler kämpft, von 1 bis 27, das steigert die Konzentration automatisch. Die ersten drei, vier Spiele wird das so weiter laufen, dann muss man sehen.</P><P>1860 hat eine extrem junge Mannschaft, in der viele Spieler bei weitem noch keine 50 Partien haben.</P><P>Hofmann: Das ist nicht so einfach, aber es hilft kein Lamentieren, ob wir zehn junge Spieler drin haben oder zehn alte. Es gibt nur gute und schlechte. Ich denke, wir haben mehr gute als schlechte.</P><P>Der Trainer hat angedeutet, bei einem schlechten Start müsse man womöglich mehr auf Erfahrung setzen. Dann könnte eine ganze Philosophie in Frage gestellt werden.</P><P>Hofmann: Ich gehe davon aus, dass wir am Samstag gewinnen. Ich sehe den Weg nicht gefährdet, aber wir müssen alles dafür tun, damit das so bleibt. Wenn wir in den ersten vier, fünf Spielen wenig Punkte holen, kann es sein, dass wir ab Ende Februar in die Position rutschen, über die ich nicht so gerne spreche.</P><P>Ist die Lage so ernst wie 1998? Damals kündigten Sie für den Fall des Klassenerhalts an, von Ihrer Heimatstadt Bayreuth aus nach München zu radeln.</P><P>Hofmann: Ich werde nichts mehr setzen, man wird ja reifer. Damals war es für mich ein Ausdruck der Freude. Ich war stolz, dass 1860 mit mir den Abstieg verhindert hat.</P><P>Im Saisonfinale machten Sie Ihre ersten vier Spiele und holten neun Punkte.</P><P>Hofmann: Für mich war das der Grundstein meiner Profikarriere. Jetzt ist eine andere Situation. Erst mal bin ich überzeugt, dass 1860 nicht absteigt, wenn ich im Tor stehe. Zweitens möchte ich solche Dinge nicht mehr wiederholen. Vielleicht lässt sich ein anderer Spieler was einfallen.</P><P>Im Jahr nach der Radltour mussten Sie sich von Ihren Haaren trennen.</P><P>Hofmann: Da war ich ein bisschen blauäugig. Wir hatten nach der Vorrunde 31 Punkte, und ich habe gesagt, bei mehr als 40 Gegentoren lasse ich mir die Haare abrasieren. In den letzten fünf Spielen haben wir 15 Dinger kassiert.</P><P>Stimmt es, dass Ihre Frau bei der Radl-Wette hinterher fuhr und Sie zwang, ins Auto zu steigen?</P><P>Hofmann: Das stimmt. Ich habe es leider nicht ganz bis München geschafft, das Wetter war total schlecht. Das macht nicht jede Frau mit. Im Nachhinein kann ich darüber lachen, damals war ich noch ein bisschen verbissen.</P><P>Das muss ja niemandem unangenehm sein. Für die Fans sind Sie jemand, der für 1860 alles gibt.</P><P>Hofmann: Ich war früher schon so, in Bayreuth oder bei den Löwen-Amateuren. In gewisser Weise war ich selber ein Fan. In den letzten Jahren habe ich mich enorm etabliert und bin neben Kurz und Poschner der älteste Spieler.</P><P>Und nach Harald Cerny dienstältester. Sehen Sie sich als Führungsspieler?</P><P>Hofmann: Als Torwart muss ich dafür nicht 30 sein. Durch die Position hat man auch in jüngeren Jahren eine gewisse Führung inne. Ich sehe mich als wichtigen Spieler.</P><P>Ihr Vertrag läuft bis 2005. Gibt es schon Pläne für die Zeit danach? Man kann Sie sich schwer bei einem anderen Verein vorstellen.<BR><BR>Hofmann: Die Bundesliga-Spiele von Radi (Anm.: 215) schaffe ich nicht, aber 100 möchte ich schon vollmachen.</P><P>Mehr nicht?</P><P>Hofmann: Ich habe immer betont, dass ich lange bei 1860 bleiben will. Als ich 1996 kam, habe ich gesagt, ich will zehn Jahre bleiben. 2006 wäre eine sehr gute Sache.</P><P>Eine Herzenssache?</P><P>Hofmann: Natürlich. Ich habe für keinen anderen Bundesligisten gespielt. Für mich ist es hier optimal. Ich in meinem Alter werde sicherlich nicht mehr über irgendwelche anderen Vereine spekulieren. Da müsste schon viel passieren, dass ich von Sechzig noch mal weg gehe.</P><P>Vielleicht ein Angebot, das man nicht ablehnen kann.</P><P>Hofmann: Mir ist es nie ums Geld gegangen. Wichtig war immer, erst mal sportlich Fuß zu fassen. Dass man dann auch finanziell besser da steht, ist ja klar. Da denke ich heute aber auch anders drüber als mit 26, 27.</P><P>Wenn man alte Interviews mit Ihnen liest, klingen Sie viel angespannter.</P><P>Hofmann: Ich habe früher auch schon mal Topleistungen gebracht, aber dann teilweise im Training oder Spiel überzogen, wo man sagt: Das ist Kamikaze. In den letzten Jahren habe ich mich auf dem Gebiet brutal entwickelt, weil ich auch die Hilfe gekriegt habe. Nix gegen Werner Lorant, er hat mich sportlich in die Bundesliga gebracht, aber er hat mich auch übermotiviert. Zusätzlich hat sich privat viel geändert. Wenn man verheiratet ist, eine Tochter hat, dann muss ich Montagabend um halb elf nicht mehr unbedingt "LaOla" gucken.</P><P>Und früher?</P><P>Hofmann: Ich habe damals wirklich manchmal gedacht, so geht es nicht weiter. Wenn man immer Fußball, Fußball, Fußball im Kopf hat, wirkt man nach außen verkrampft oder verbissen. Das haben mir auch Leute zugetragen, Mannschaftskollegen oder von außerhalb.</P><P>Ihre Position kann manchmal aber auch sehr frustrierend sein. Als Torwart sind Sie von Abwehrfehlern unmittelbar betroffen.</P><P>Hofmann: Wenn wir die Spiele gegen Rostock und Gladbach nicht gehabt hätten, würde ich jetzt hier sitzen und vor Selbstvertrauen strotzen mit meinen 20 Gegentoren.<BR><BR>"Ich habe damals<BR>manchmal gedacht, so<BR>geht es nicht weiter"</P><P>Personell und taktisch wurde zuletzt viel an der Abwehr gearbeitet. Wie stark ist die Defensive?</P><P>Hofmann: Generell sind wir mit der Viererkette abwehrstärker geworden. Das einzige Problem ist aktuell, dass wir uns nicht immer verständigen können. Mit Janne Saarinen kann ich nur Englisch sprechen, der Fernando spricht gar kein Englisch, ich kann kein Portugiesisch. Da musst Du mit Händen und Füßen arbeiten.</P><P>Ein weiteres Handicap gibt es noch: Ausgerechnet Sie leiden unter Flugangst. Sie, der Torwart.</P><P>Hofmann: Es ist schon so, dass ich lieber mit Auto oder Bus fahre. Die Flugangst ist aber nur aufs Flugzeug beschränkt, nicht auf den Platz. Ich habe ein gutes Stellungsspiel. Hoffentlich muss ich nicht mehr so viel fliegen.</P>

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