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Früher Geschäftsfreunde, heute Kontrahenten: Ex-Landesbanker Gerhard Gribkowsky (l.) und Formel-1-Boss Bernie Ecclestone.

Formel-1-Prozess

Die Widersprüche des Gerhard Gribkowsky

  • Philipp Vetter
    VonPhilipp Vetter
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München - Showdown im Prozess gegen Bernie Ecclestone: Erstmals musste Ex-Landesbanker Gribkowsky aussagen, warum der Formel-1-Boss ihm 44 Millionen Dollar zahlte. Der Hauptbelastungszeuge blieb aber seltsam vage.

Die beiden Männer, die eigentlich Gegner sein müssten, verstehen sich immer noch erstaunlich gut. Auf dem Weg in die Mittagspause bleibt Gerhard Gribkowsky bei seinem ehemaligen Geschäftsfreund Bernie Ecclestone stehen, die beiden wechseln ein paar Worte, dann klopft Gribkowsky dem zwei Köpfe kleineren Briten auf die Schulter. Schon bei der Begrüßung im Saal A101 des Münchner Strafjustizzentrums hatten sich der Ex-Landesbanker Gribkowsky und der Noch-Formel-1-Boss Ecclestone freundlich zugenickt. Erstaunlich, schließlich sitzt Gribkowsky gerade eine achteinhalbjährige Haftstrafe ab, weil er beim Verkauf der Formel-1-Anteile der Landesbank 44 Millionen Dollar von Ecclestone und dessen Familienstiftung Bambino angenommen hat. Nun muss Ecclestone auf der Anklagebank Platz nehmen, Gribkowsky ist der Hauptbelastungszeuge. „Als Zeuge muss man die Wahrheit sagen“, belehrt der Vorsitzende Richter Peter Noll Gribkowsky. „Das ist Ihnen bekannt, das haben Sie oft genug gehört.“

Tatsächlich muss einer der Männer lügen: Ecclestone will gezahlt haben, weil Gribkowsky ihm gedroht habe, grundlos bei den Steuerbehörden zu behaupten, es gäbe eine Verbindung zwischen Bambino und Ecclestone. Gribkowsky hingegen stützt die Version der Staatsanwaltschaft, die davon ausgeht, dass Ecclestone zahlte, damit die Formel 1 an den ihm genehmen Investor CVC verkauft wurde.

Tatsächlich bestreitet Gribkowsky nicht, dass er Druck auf Ecclestone ausübte – allerdings nur im Auftrag der Bank. Die stritt mit Ecclestone um Einfluss auf die Formel-1-Gesellschaften. Um „Einigungsdruck“ zu erzeugen, habe man auch recherchiert, ob es eine Verbindung zwischen Ecclestone und Bambino gebe, sagt Gribkowsky. Eine Mitarbeiterin fuhr sogar zu einem alten Kontrahenten von Ecclestone, um nach Unterlagen zu suchen, die die Verbindung belegen könnten. Zurück kam sie mit einem inzwischen sagenumwobenen Papier. Doch das hätten die Anwälte als „nutzlos“ eingestuft, sagt Gribkowsky. Er hinterließ es trotzdem bei einem Besuch auf Ecclestones Schreibtisch. Er habe dem Formel-1-Boss signalisieren wollen, „dass wir unsere Hausaufgaben machen“.

Formel-1-Boss Bernie Ecclestone auf der Anklagebank

Formel-1-Boss Bernie Ecclestone auf der Anklagebank

Bernie Ecclestone, Formel 1, München, Prozess, Bestechung
Bernie Ecclestone, Formel 1, München, Prozess, Bestechung
Bernie Ecclestone, Formel 1, München, Prozess, Bestechung
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Formel-1-Boss Bernie Ecclestone auf der Anklagebank

An all das erinnert er sich genau. Nur was auf dem ominösen Papier stand, will er vergessen und keine Kopie gemacht haben. Das hält Richter Noll nicht für sehr glaubwürdig: „Sie nehmen mir es nicht übel, aber wenn ich etwas habe, was zumindest einen gewissen Wert hat, mache ich mir doch eine Kopie.“

Es bleibt die Frage, ob es vielleicht tatsächlich Erpressung war und keine Bestechung. Denn auch als es um die Korruption geht, die er in seinem eigenen Prozess längst gestanden hat, bleibt Gribkowsky erstaunlich vage. Zwar habe Ecclestone ihm im April oder Mai 2005 gesagt, wenn Gribkowsky mit ihm den Verkauf stemme, werde er für ihn sorgen („I will take care of you“). Er habe das aber zunächst als Jobangebot betrachtet, sagt Gribkowsky. Ob diese Besprechung Einfluss auf den Verkauf an CVC hatte, will der Richter wissen. „Das ist für mich sehr schwierig zu beantworten“, windet sich Gribkowsky. „Natürlich schwingt das im Hinterkopf mit.“ Und hatte er das auch im Kopf, als er beschloss, nicht mehr auf Konfrontation mit Ecclestone zu gehen? „Sicher nicht bewusst.“

Eine konkrete Bestechungssumme soll bis zum Verkauf noch gar nicht ausgehandelt worden sein. „Die Bank war zufrieden, Herr Ecclestone war zufrieden und ich denke auch CVC war nicht unzufrieden“, sagt Gribkowksy. „Nur Sie waren noch nicht zufrieden“, stellt Noll trocken fest. Ecclestone habe ihn dann gefragt, ob er einen Bonus bekommen habe, sagt Gribkowsky. Das habe er verneint. „Fucking bank“, habe der Brite geantwortet. Dann habe er gesagt, Gribkowsky solle ihm eine Zahl nennen. „Daraufhin habe ich 50 gesagt“, erinnert sich Gribkowsky. „Haben’s Millionen auch dazu gesagt?“, fragt Noll. „Nein, das war eigentlich klar.“ Noll: „Sie können ja nicht einfach zu jemandem gehen und sagen: 50. Es muss ja Vorgespräche gegeben haben.“ „Ich denke, es hat Telefonate im Vorfeld gegeben“, antwortet Gribkowsky ausweichend. „,Es hat Telefonate gegeben‘: Das ist eine Formulierung, als wären Sie nicht dabei gewesen“, stellt Noll fest. Doch konkreter wird Gribkowsky nicht.

Auch nicht bei der „Gretchenfrage“, wie Noll sagt: Wofür waren die 44 Millionen, auf die man sich später einigte? „Ich habe diese Frage nie gestellt“, sagt der Ex-Banker.

Wirklich belastend klingt das nicht für Ecclestone. Dessen Verteidiger Sven Thomas sagt in einer Verhandlungspause: „Das Wort Bestechung ist nicht gefallen. Aus meiner Sicht gibt es keine Abweichung zur Darstellung von Herrn Ecclestone.“ Tatsächlich bleibt Gribkowsky auch bei der Frage vage, ob eine Millionen-Dollar-Provision von der Landesbank für Ecclestone gerechtfertigt war: „Ich habe es damals so wahrgenommen, dass ohne ihn der Deal nicht klappen würde“, sagt er. „Ich hatte aber auch schon im Hinterkopf, was eine Verärgerung von ihm für mich bedeuten würde.“

Am Nachmittag verstrickt sich Gribkowsky weiter in Widersprüche zu seinem früheren Geständnis. Damals hatte er ausgesagt, dass Ecclestone ihm schon einmal eine Aktentasche mit zehn Millionen angeboten habe. Gestern will er das plötzlich bildlich gemeint haben, einen Koffer habe es nicht gegeben. „Das ist schon ein Unterschied“, sagt Noll, „weil zehn Millionen nicht in eine Aktentasche passen.“ So zerlegt der Hauptbelastungszeuge seine Glaubwürdigkeit selbst – ganz ohne Ecclestones Starverteidiger.

Zuerst hatte Gribkowsky auch ausgesagt, dass er diesen Bestechungsversuch in der Bank gemeldet habe. Davon ist gestern kein Wort mehr zu hören. Nur viel später habe er einem Polizisten davon erzählt. Und die Staatsanwaltschaft hat nicht ermittelt?, fragt Noll nach. Beinahe beiläufig sagte Gribkowsky dann, in Singapur seien ihm sogar einmal 80 Millionen angeboten worden. Richter Noll reagiert verärgert: „Und damit kommen Sie jetzt?“, ruft er und vertagt die Verhandlung auf Dienstag.

Doch ganz so neu ist dieser Vorwurf nicht: In seiner allerersten Vernehmung bei der Staatsanwaltschaft hatte Gribkowsky diese Geschichte im Januar 2011 schon einmal erzählt: „Ecclestone habe ihm zu Beginn sogar 80 Millionen US-Dollar angeboten“, heißt es im Protokoll, das unserer Zeitung vorliegt. „Diese wollte er für Dr. Gribkowsky auf einem Konto in Singapur bereitstellen, damit Dr. Gribkowsky sich bedienen könnte. Das habe er, Dr. Gribkowsky, aber abgelehnt, da er nicht sein ganzes Leben lang ,Steuerhinterzieher‘ sein und auch kein Schwarzgeld haben wolle.“

Von Philipp Vetter

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