Der Antreiber: Max Hauser hat den TSV Herrsching von der Regionalliga in die Bundesliga geführt.
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Der Antreiber: Max Hauser hat den TSV Herrsching von der Regionalliga in die Bundesliga geführt.

Volleyball

Max macht’s

  • Christopher Meltzer
    vonChristopher Meltzer
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In Herrsching am Ammersee organisiert und trainiert Max Hauser einen Volleyballverein, der weniger Geld für seine Spieler ausgibt als jeder andere Club in der Bundesliga, dort aber trotzdem von jedem gefürchtet wird. Wie schafft er das?

Manchmal, wenn Max Hauser sich besonders freut, wackelt er mit dem Popo. Er weiß gar nicht mehr genau, wann er damit angefangen hat, es muss vor ein paar Jahren gewesen sein, als er selbst noch viel Volleyball gespielt hat, fast nur auf Sand. Mit seinem Doppelpartner dachte er sich damals einen Jubeltanz aus, den sie immer aufführten, wenn sie mit dem Aufschlag einen Punkt machten. Sie formten mit ihren Armen über dem Kopf ein A wie in Ass und wackelten dazu eben mit dem Popo. „Wir haben viel Blödsinn gemacht“, sagt er. Eines macht Max Hauser mit Sicherheit nicht, wenn es um Volleyball geht: Blödsinn. 

Am Samstag vor Weihnachten sitzt Hauser, ein Mann mit breiten Schultern und Dreitagebart, in einer muffigen Umkleidekabine in der Nikolaushalle in Herrsching und starrt auf ein Stück Papier. Da steht, ganz oben, dass der TSV Herrsching am 11. Spieltag der Volleyball-Bundesliga die Netzhoppers Königs Wusterhausen mit 3:2 besiegt hat, aber Hauser, der Herrschinger Trainer, sagt: „Das Spiel gerade konnten wir eigentlich nicht gewinnen – außer es gibt sowas.“ Er fährt mit seinem Zeigefinger über das Papier, bei den Statistiken zum Aufschlag hält er an. In der Spalte von Herrsching steht: 20 Asse. Er hebt den Kopf. Dann lächelt er.

„Ich habe zwei Ziele in meinem Leben: Ich will zu Olympia und ich will Deutscher Meister werden.“

Er lächelt, weil er weiß, wie viel Aufwand hinter jedem Aufschlag steckt. Er hält ihn für das „entscheidende Element“ seines Sports, weshalb er vor jedem Bundesligaspiel stundenlang überlegt, was besser passt: der Sprungaufschlag, der hart ist und schnell, oder doch der Floataufschlag, der langsamer fliegt, aber extrem flattert. Jeder Volleyballer, der zu ihm kommt, lernt außerdem den „Ace-Dance“, so nennt er seinen Jubeltanz. Man kann denken, dass das albern ist, ja sogar Blödsinn, aber dann denkt man nicht wie Max Hauser. Er glaubt daran, weil es seine Spieler zum Lachen bringt und so chemische und physiologische Prozesse in ihren Körpern ausgelöst werden, die in Drucksituationen helfen. Er glaubt daran, weil es wirklich jeden Gegner nervt, manche richtig provoziert. Und seine Spieler glauben daran, weil Hauser daran glaubt, ihr Trainer, der so ehrgeizig ist, dass er ihnen sogar vorgibt, wann sie am besten mit dem Popo wackeln sollen.

In seinem Leben ist Max Hauser oft für seinen Ehrgeiz ausgelacht worden, sogar in Herrsching, seinem Heimatort. Mit 23 Jahren hat er den TSV in der Landesliga als Trainer übernommen. Jetzt, mit 35 Jahren, spielt er mit jenem TSV schon seit fünfeinhalb Saisons in der Bundesliga. Neulich hat Herrsching in der muffigen Nikolaushalle 3:2 gegen den VfB Friedrichshafen gewonnen, den Rekordmeister, seitdem gibt es kein Team mehr in der Liga, das Hauser nicht geschlagen hat. Viermal war seine Mannschaft im Playoffviertelfinale, dreimal im Pokalhalbfinale. Er sagt: „Ich habe zwei Ziele in meinem Leben: Ich will zu Olympia und ich will Deutscher Meister werden. Und ich sehe nicht ein, warum ich von diesen Zielen abweichen sollte.“ In Herrsching haben sie aufgehört, darüber zu lachen. 

Hauser sagt: „Es wird immer wieder unterschätzt, wie ehrgeizig ich bin.“

An vielen anderen Orten fragen sie sich aber bis heute, wie es eigentlich sein kann, dass es in Herrsching am Ammersee einen Volleyballverein gibt, der laut einer ligaweiten Erhebung weniger Geld für Spieler ausgibt als jeder andere Club in der Bundesliga, aber trotzdem von jedem gefürchtet wird? Man findet für diesen Widerspruch außerhalb von Herrsching wenig gute Erklärungen, in Herrsching dafür aber Max Hauser, der sagt: „Es wird immer wieder unterschätzt, wie ehrgeizig ich bin.“

An einem Montagmittag im Dezember, fünf Tage vor dem Spiel gegen Königs Wusterhausen, steht Hauser in der Sporthalle in Gilching, wenige Kilometer von Herrsching entfernt. Vor ihm spielen Zehntklässler Volleyball, einer, sagt Hauser und zeigt auf den größten von ihnen, darf schon in seiner Profimannschaft mittrainieren. Sie kommen vom Christoph-Probst-Gymnasium nebenan, an dem Hauser sein Abitur gemacht hat und seit zehn Jahren nun selbst als externer Sportlehrer unterrichtet. Eigentlich fehlt ihm dafür inzwischen die Zeit, aber letztens hat er trotzdem einen Antrag beim Kultusministerium eingereicht, um das Gymnasium zur Stützpunktschule des Volleyballs zu machen. Der TSV Herrsching ist 2014 in die Bundesliga aufgestiegen, seine Strukturen bis heute nicht. Der Trainer Hauser will nun aufholen und der Lehrer Hauser ist dabei ein wichtiger Verbündeter. Die anderen Sportlehrer in Gilching hat er für sein Schulprojekt ebenfalls begeistert – spätestens als er mit ihnen vor zwei Jahren die Bayerische Lehrermeisterschaft gewonnen hat.

Er plant nicht nur, wie seine Spieler aufschlagen, sondern manchmal auch, in welchem Hotel sie schlafen

Am Montagnachmittag sitzt Hauser in einem asiatischen Imbiss und löffelt in einer Nudelsuppe. Er hat den Rest des Tages frei, das kommt selten vor. Manchmal, sagt er, leide er schon darunter, so ehrgeizig zu sein, es lässt ihn einfach nie los. Er muss oft nur auf sein T-Shirt herunterschauen, da steht dann in kleinen Buchstaben GCDW, „Geilster Club der Welt“, so heißt die Marke und GmbH, die er im Sommer des Aufstiegs mitgegründet hat, um die Bundesliga zu stemmen. Seitdem ist er nicht mehr nur Trainer und Sportdirektor, sondern auch Gesellschafter, er plant nicht nur, ob seine Spieler beim Auswärtsspiel besser einen Sprung- oder Floataufschlag machen, sondern manchmal auch, in welchem Hotel sie schlafen. Nebenher betreut er kleine Sponsoren. Am Anfang hat er selbst Geld investiert, insgesamt eine sechsstellige Summe. Inzwischen ist mit der WWK ein großer Sponsor eingestiegen und es ist irgendwie nur logisch, dass der Deal damit angefangen hat, dass Hauser dem Vorstandsvorsitzenden mal Beachvolleyball-Unterricht gegeben hat. Und, ach ja, vor zweieinhalb Jahren ist Hauser zum ersten Mal Vater geworden. 

Ein Kind verändert alles, seinen Ehrgeiz aber nicht. Wenn er sich etwas in den Kopf setzt, will er es so sehr, dass es meistens darüber hinausgeht. Das ist heute noch immer so wie damals, 2003, als er durch einen Zufall bei den Bayerischen Meisterschaften im Beachvolleyball mitspielen durfte. Auf dem Stadtplatz in Nürnberg hechtete Hauser durch den Sand, vergeblich, sein Team wurde Letzter. Das Event gefiel ihm aber so gut, dass er es unbedingt mal gewinnen wollte. Die nächsten vier Jahre machte er an der TU München sein Diplom in Sportwissenschaften, arbeitete als Sportreporter beim DSF, fing als Trainer beim TSV Herrsching an, hörte nebenher jedoch nie auf, im Sand zu trainieren. Heute fehlt Max Hauser oft die Zeit für Beachvolleyball, aber die Bayerischen Meisterschaften hat er inzwischen viermal gewonnen.

In der Fußballbundesliga kennt Hauser sich nicht mehr aus, dafür in fast jeder Volleyballliga der Welt

Er wusste, dass es für ihn als Spieler nie für die internationale Spitze reichen wird. Es scheiterte am Körper, nicht am Kopf. Ihm selbst fehlte das letzte Talent, in wem es aber steckt, erkennt Hauser heute sofort. Er sitzt oft abends mit seinem Laptop auf dem Sofa und schaut sich Spiele an, zum Beispiel aus Kasachstan. In der Fußballbundesliga kennt er sich schon seit ein paar Jahren nicht mehr aus, dafür aber in fast jeder Volleyballliga der Welt, dort, wo die anderen Vereine nicht so genau hingucken. So findet er begabte Spieler, die sich auch Herrsching leisten kann. Den Außenangreifer Jalen Penrose zum Beispiel hat er in Tschechien entdeckt. Er spielte dort selten, weil sein Trainer mit dem hibbeligen US-Amerikaner nichts anfangen konnte, Hauser aber gefiel, was er sah. Als es die Chance gab, holte er ihn. In dieser Saison haben in der Bundesliga nur zwei Spieler mehr Punkte gemacht als Penrose. 

Es gibt in Herrsching zu viele Fälle wie den von Jalen Penrose, um an einen Zufall zu glauben. Daniel Malescha und Martin Krüger wechselten nach Friedrichshafen, Christoph Marks und Tom Strohbach nach Italien. Wer unter Hauser spielt, entwickelt sich. Er, der Sportwissenschaftler, forscht mit Statistiken der Liga und ab und zu findet er ein Detail, etwa beim Aufschlag, das seinen Spielern einen Vorteil verschafft. Das fällt auch anderen auf, im Sommer bekommt Hauser stets Jobangebote, aber verlassen wollte er seine Heimat bisher nie. „Hier geht‘s mir gut“, sagt er, „hier ist alles da. Nur die Halle nicht.“ 

Wenn es bis Frühjahr 2021 keine neue Halle gibt, zieht Herrsching sich in die 2. Liga zurück

In der Nikolaushalle in Herrsching hat Max Hauser zuerst die Grenzen verschoben und ist dort dann doch an welche gestoßen. Er besiegte Friedrichshafen, 1000 Zuschauer feierten mit, das ändert aber nichts an seinem Ultimatum: Wenn es bis Frühjahr 2021 keine neue Halle gibt, zieht er sich mit seinem TSV in die 2. Liga zurück. Die Nikolaushalle ist für Spitzenvolleyball nicht hoch genug, in der Bundesliga spielt Herrsching nur mit einer Ausnahmegenehmigung. Mit seinen Verbündeten sucht Hauser seit einigen Jahren schon eine neue Halle. Sie wollten sogar eine neue bauen, aber der Herrschinger Gemeinderat lehnte ab, seitdem sind die Volleyballer nicht gut auf die Politiker zu sprechen. Es finden sich aber Leute, auch unter den Volleyballern, die mit Hausers fordernder Art nicht zurechtkommen und sich fragen: Wer kontrolliert beim TSV Herrsching eigentlich den Mann, der alles kontrolliert? Er selbst sagt es so: „Mich überprüft nur mein eigener Ehrgeiz – und der ist extrem hoch.“ 

Man kann von dieser Antwort halten, was man will, aber ehrlich ist sie. Und so ehrlich muss man beim TSV Herrsching auch sein: Wenn es vor dem Ende der eigenen Frist eine Lösung des Hallenproblems gibt, dann vermutlich wegen Hauser, der in seinem Leben noch Ziele hat, die in der 2. Liga nicht zu erreichen sind. Er könnte sie auch woanders verfolgen, das wäre wohl sogar leichter, aber er hängt an seinem Verein. Also sucht er weiter. Ihm bleibt noch mehr als ein Jahr. Und solange macht Max Hauser, was er schon immer gemacht hat: Er setzt auf sich selbst.

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