1. Startseite
  2. Sport
  3. Mehr Sport

"Zeit des Selbstbedienungsladens ist vorbei"

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

- St. Leonhard/Pitztal - Nach 25 Jahren als Trainer ist Wolfgang Maier (45) zum Sportdirektor Alpin im Deutschen Skiverband aufgestiegen - und ist nun direkter Vorgesetzter der beiden Cheftrainer Mathias Berthold (Damen) und Werner Margreiter (Herren). Maier ist verantwortlich für den gesamten sportlichen Bereich. Der Sportliche Leiter Walter Vogel kümmert sich unter anderem um den Nachwuchs, die Verwaltung und ist darüber hinaus maßgeblich als stellvertretender Generalsekretär in das Organisationskomitee der WM 2011 in Garmisch-Partenkirchen eingebunden.

Die Führung des Deutschen Skiverbands hat klare Zielsetzungen für die Alpinen ausgegeben: Zwischen 2006 und 2008 stabile Resultate und Podestplätze im Weltcup, ab 2009 bei den Damen und ab 2010 bei den Herren Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympia. Um diese Vorgaben zu erreichen, schlägt Maier einen radikal leistungsorientierten Kurs ein. Wir sprachen mit dem Alpin-Sportdirektor im Pitztal.

Die Ziele scheinen nicht gerade bescheiden. Was muss sich ändern?

"Wenn ich heute im Spitzensport überleben will, muss ich mehr tun"

Wolfgang Maier: Wir wollen eine Eliteförderung aufbauen. Das heißt ganz klar, den Leistungsgedanken in den Vordergrund stellen. Wir vertreten in diesem Punkt eine härtere Linie und scheuen uns auch nicht vor unpopulären Entscheidungen, wie Athleten zurückzustufen. Auf der anderen Seite stellen wir uns aber ganz klar hinter die Leute, die Leistung bringen wollen. Entweder ich mache so weiter wie bisher und gebe Parolen aus: ,Wir schaffen's im Jahr 3098 oder im Jahr 5000.’ Oder ich ändere was. Es muss sich einiges ändern, da wir sonst keine Chance sehen, unsere Ziele zu erreichen. Sonst fragen Sie mich in drei Jahren: Was ist eigentlich passiert? Und ich muss sagen: Gar nichts, denn ich habe bei kniffligen Entscheidungen zurückgezogen.

Sie werfen manchen Athleten vor, dass sich Bequemlichkeit eingeschlichen hat?

Maier: Die Athletinnen und Athleten sind in Zukunft aufgefordert, härter an sich und für ihren Sport zu arbeiten. Die Leistungs- und Kraftdiagnostik wird in den Vordergrund rücken. Daraus ziehen wir exakte Erkenntnisse über die Leistungsfähigkeit der Athleten. Wir wollen die Abteilung Alpin des DSV gegenüber der Öffentlichkeit und unseren Sponsoren wie Audi oder Bogner besser präsentieren. Das habe ich so auch in aller Deutlichkeit den Athleten persönlich gesagt. Die Zeit des Selbstbedienungsladens ist vorbei.

Was meinen Sie damit genau?

Maier: Der Skiverband ist kein Sozialstaat. Man kann nicht immer nur nehmen, ohne sich bewusst zu sein, eine Gegenleistung erbringen zu müssen. Wie gesagt, wir unterstützen jeden, der sich zum Leistungsgedanken bekennt. Das ist Grundvoraussetzung.

Wenn Sie so durchgreifen, kann es ja passieren, dass das deutsche Mini-Team bei den Herren bald noch kleiner wird.

Maier: Das kann durchaus passieren, weil wir, wie schon gesagt, den Leistungsgedanken in den Vordergrund stellen. Bei Nichterreichen der geforderten Kriterien werden wir unserem Grundsatz definitiv treu bleiben und Qualität statt Quantität fördern.

Das klingt nach einem ziemlich radikalen Schnitt.

Maier: Ich finde es nur konsequent. Nach 25 Jahren draußen an der Piste in verschiedenen Positionen kann man sich sicher ein Urteil erlauben, was zu tun ist, um Erfolg zu haben. Wenn ich heute im Spitzensport überleben möchte, dann muss ich mehr tun. Wir haben die Marschrichtung klar und deutlich formuliert.

So kennen wir den Wolfi Maier ja gar nicht. Fällt Ihnen die Umstellung vom Cheftrainer zum Sportdirektor leicht?

Maier: Ich war nach der letzten Saison extrem enttäuscht und ausgebrannt. Wir haben sehr viel im Vorfeld für Turin investiert, und dass dann unsere besten Leute im Krankenhaus lagen, da konnte ich keine Gerechtigkeit mehr im Sport erkennen. Das hat mich genervt und in mir den Wunsch reifen lassen, eine neue Herausforderung im Skiverband zu suchen. Ich werde aber auch in meiner neuen Position jede Gelegenheit wahrnehmen, draußen bei den Events vor Ort zu sein. Vom Nachwuchsrennen bis zum Weltcup.

Als eine Art Oberaufpasser, der immer durchgreift, wenn's sein muss?

Maier: Durchgreifen hat wieder so einen radikalen Hintergrund. Ich möchte die Leute dahin bekommen, dass sie sehen, was sie geleistet haben, und sich verändern können, wenn sie ihre Ziele nicht erreichen. Sie sollen aber nicht mit dem Diktat einer Faust im Nacken leben müssen.

Die harte Hand traf als Erstes Slalomfahrerin Monika Bergmann-Schmuderer. Sie wurde wegen fehlender Teamfähigkeit aus dem Team verbannt und muss sich alleine auf die Saison vorbereiten.

Maier: Der Skiverband stellt das Personal und sämtliche Kosten. Wer das annimmt, muss sich auch Spielregeln unterwerfen. Monika hat sich nicht an die Spielregeln gehalten und deshalb sind wir übereingekommen, dass siesich außerhalb der Mannschaft vorbereitet.

Die Maßnahme hatte also rein disziplinarische Gründe?

Maier: Monika Bergmann-Schmuderer hatte auch die Kaderkriterien nicht erfüllt, aber da wäre der DSV ja nicht so streng. Da hätte man schon ein Auge zugedrückt.

Sie darf nun aber weiter für den DSV Rennen fahren. Eine Art Probezeit?

Maier: Sie hat die Garantie, dass sie bis Weihnachten alle Slaloms fahren kann. Bis dahin muss sie sich unter den Top 15 platzieren. Wenn sie ohne Mannschaft besser fährt, dann war die Maßnahme ja richtig. Und wenn sie sagt: Im Nationalteam war's doch nicht so schlecht, kann sie jederzeit zurückzukommen. Aber nach den Spielregeln, die ihr der Cheftrainer vorgibt.

Eine andere Maßnahme war: Alle Arbeitsverträge im Alpin-Bereich wurden aufgelöst. Es gibt nur noch Jahresverträge. Warum?

Maier: Wir haben sämtliche Verträge auf Jahresverträge umgestellt, damit der Verband auch in Zukunft handlungsfähig bleibt und wirtschaftlichen Herausforderungen erfolgreich entgegentreten kann. Es gibt Trainer, die jetzt auf Honorarbasis arbeiten. Insgesamt wurde der Stab reduziert.

Es ist ja kein Geheimnis: Die Nordischen im Skiverband haben die Erfolge, die Alpinen verbrauchen das meiste Geld. Wie viel?

Maier: Das mag momentan so ausschauen. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass auch wir wieder Erfolge einfahren. Tatsache ist: Das Jahresbudget für alle Maßnahmen inklusive Personal und der Nachwuchsförderung bis in die Landesskiverbände und Gaue beträgt ca. sechs Millionen Euro. Wir müssen daher von unserem hohen Ross heruntersteigen, den Gürtel enger schnallen, solange wir nicht Weltspitze sind. Um wirtschaftlich zu arbeiten, greifen wir zu ganz pragmatischen Lösungen. Fahrgemeinschaften sind wieder an der Tagesordnung, da wir nicht mehr jedem Weltcup-Trainer automatisch einen Audi hinstellen. Auf Seiten der Aktiven gibt es heuer nur zwei Alpine, die ein Fahrzeug bekommen, Maria Riesch und Annemarie Gerg. Nur wer unter den Top 15 ist, bekommt einen Audi.

Die Ziele bei den Herren scheinen fast utopisch. Ist es zu schaffen, bis 2011 Siegläufer zu bekommen?

Maier: Natürlich wird es bis 2011 knapp. Aber wir haben einige sehr gute junge Fahrer im Alter von 16, 17 Jahren in den Nachwuchskadern, wie zum Beispiel einen Ferstl junior. Warum soll es uns nicht gelingen, dass wir bis 2011 einen von diesen Jungen aufs Podium bekommen?

Und es gibt Felix Neureuther, auf dem alle Hoffnungen ruhen. Auch den packen Sie hart an.

Maier: Der Felix hat zweifellos ein enormes skifahrerisches Potenzial. Es ist aber an uns, seine Leistungsfähigkeit so zu fördern, dass er in der Weltspitze ankommt. Hierfür sind klare Ansagen dem Athleten gegenüber notwendig. Trainer und Betreuer müssen ihn auf seinem Weg kritisch begleiten. Zu viel Respekt vor seinem Namen und seinem Hintergrund wäre hier fehl am Platz.

Sind die Trainer jetzt angehalten, ihm notfalls in den Hintern zu treten?

Maier: Wenn die Trainer seine Entwicklung nicht permanent überprüfen und kritisch hinterfragen, wäre die Gefahr groß, dass er im Mittelmaß versinkt. Trainer und Betreuer müssen, gerade weil der Bub Neureuther heißt, Rückgrat beweisen und auch einmal unpopuläre Entscheidungen treffen.

Das Gespräch führte Jörg Köhle.

Auch interessant

Kommentare