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Zuckerschnute Boonen: Tour ist für Masochisten

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- St. Quentin - Tom Boonen ist die Idealbesetzung fürs Podium. Ein Riesenkerl mit markanten Gesichtszügen, freundlichen Augen, dazu ein strahlendes Lächeln, das auf unwiderstehliche Art in die Breite geht. Seine weiblichen Fans nennen ihn Zuckerschnute, die Belgier feiern den Radfahrer wie einen Popstar. Klar, dass er sich da die große Boonen-Show nicht entgehen ließ. Am Tag vor seinem Heimspiel eroberte der 25-Jährige erstmals in seiner schon überaus glanzvollen Karriere das Gelbe Trikot.

Gestern war Start im belgischen Huy, auf den 113,5 Kilometern bis zur französischen Grenze wurde er von Ovationen begleitet. "Das passiert einem als Belgier bei der Tour höchstens alle zehn Jahre", sagte er.

Auf dem Boulveard Gambette von St. Quentin hat gestern allerdings ein anderer für das große Spektakel gesorgt. Der Australier Robbie McEwen hängte im Massenspurt die Verfolger um mehrere Fahrradlängen ab und feierte seinen zweiten Etappensieg. Bester Deutscher war David Kopp (Gerolsteiner) als Sechster.

Tom Boonen, gestern Fünfter, machte unterdessen keinen Hehl daraus, welch großen Genuss ihm der Triumphzug im Ehrenhemd bereitet hatte. Das Gelbe Trikot, das er nun mindestens noch einen Tag behalten darf, sieht der Hüne (1,92 m/80 Kilo) jedoch nur als Nebeneffekt seiner Anstrengungen. Boonen sagt: "Ich bin vor allem ein Sieger." Und als solcher hat er sich schon einen großen Namen gemacht in der Welt des Radsports. Der Belgier ist amtierender Weltmeister, gewann Paris-Roubaix, zweimal die Flandern-Rundfahrt und vier Tour-Etappen. Mit solchen Erfolgen wird man in der Velo-Branche zur Legende.

Zur Tour de France unterhält Boonen eher ein zwiespältiges Verhältnis. "Sie ist das größte Rad-Ereignis der Welt", sagt er, "aber ich bete sie nicht an." Der Grund: "Die Tour ist ein Wettbewerb, der für Masochisten reserviert ist." Schmerzhafte Erfahrungen musste der Kapitän des Quick Step-Teams vergangenes Jahr machen. Dreimal stürzte Boonen schwer, geplagt von Prellungen und Schürfwunden gab er auf; das kaum noch zu verlierende Grüne Trikot ging somit an den norwegischen Sprinter Thor Hushovd.

Boonen, der Spezialist für schwere Ein-Tages-Rennen, fand nach dem bitteren Tour-Aus jedoch alsbald zur Top-Form zurück. In Madrid erkämpfte er das regenbogenfarbene Trikot des Weltmeisters. Ein Triumph, der seither sein Sportlerleben begleitet: "Der Druck ist so groß wie nie zuvor, ich habe aber gelernt, mit dieser Last zu leben." Seine 18 Saisonsiege sind ein zwingender Beweis. Erik Zabel meint über Spurtgewalt seines Rivalen: "Tom steht über allen."

Dabei fühlt sich der bei dieser Tour überraschend noch sieglose Boonen überhaupt nicht als Sprinter: "Mein Potenzial geht darüber hinaus." Seine größten Erfolge hat er auf extremem Terrain errungen, wie zum Beispiel auf den Kopfsteinpflastern von Paris-Roubaix. Seit diesem Jahr lebt Boonen in Monaco und stählt seine Muskelpakete mit Begeisterung im bergigen Hinterland. "Ich warte nicht die letzten hundert Meter ab, um mich zu zeigen. So sind die wahren Sprinter - nicht ich", betont er. Es zeichnet Boonen aber als Ausnahmekönner aus, dass er an einem guten Tag auch auf den letzten hundert Metern kaum zu schlagen ist.

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