Zwei lausige Punkte

- Leipzig - Irgenwann im Laufe dieses nervenaufreibenden Abends wollte sich Stellian Moculescu sein braunes Jacket vom Leibe reißen. Mitsamt dem Hemd vermutlich. Wohin nur, wohin mit all dem Ärger, dem Frust? Er war ein machtloser, er war ein hilfloser Trainer in den Augenblicken der Entscheidung eines der wichtigsten Spiele seiner deutschen Volleyball-Nationalmannschaft.

<P>Er musste mit ansehen, wie der baumlange Norbert Walter im vierten Satz gegen Polen bei der Olympia-Qualifikation in Leipzig den Ball vom Gegner kommend nur zart berührte anstatt ihn mit brachialer Gewalt zu den Polen zurück zu schicken. Statt zweier Matchbälle stand es unentschieden. Danach verlor die deutsche Mannschaft diesen vierten Satz und am Ende auch den Tiebreak-Durchgang. "Zwei Punkte, zwei lausige Punkte haben gefehlt", jammerte Moculescu hinterher.</P><P>Moculescu kann das<BR>alte Manko nicht abstellen</P><P>Der fünfte Satz endete dann nämlich mit 13:15, das Spiel 2:3. Der Sieger hieß Polen und Deutschlands Volleyballer standen mit leeren Händen da und werden nach Lage der Dinge das Halbfinale nicht erreichen. Olympia adé und das schon nach dem zweiten Spiel. "Wir haben in entscheidenden Situationen nicht die erforderliche Qualität gezeigt", analysierte Moculescu trocken. Er hätte auch ein Band mit eben diesem Text abspielen können. Denn eben dieses Manko bei seinen Spielern, zu versagen, wenn es Spitz auf Knopf steht, wenn Nervenstärke gefragt, dieses Manko abzustellen, mag ihm nicht gelingen.</P><P>Deutschland hätte gegen Polen nicht verlieren müssen. Es waren genügend Möglichkeiten da, die erforderlichen Punkte zu erzielen. Doch Moculescus Schützlinge benötigen zu viele Anläufe, um sich durchzusetzen, und sie brachen im zweiten Satz so ein, wie das keiner Mannschaft passieren darf, die höhere Ansprüche anmeldet.</P><P>Es muss grausam gewesen sein für den Perfektionisten Moculescu, der außen an der Seitenlinie zum Marathonläufer wurde. Er wirkte angespannt wie selten und war sich hinterher der Tatsache klar bewusst, dass ihn zwei fehlende Punkte weiter zurückgeworfen haben als er zunächst registrieren wollte. "Als Volleyballer muss man in Deutschland Langstreckler sein", meinte er und fügte noch an, dass er gerade dabei sei, sich das anzueignen.</P><P>Nein, Moculescu wird nicht aufgeben, zumal er ja auch noch erklärte, dass man die grundsätzliche Steigerung nicht vergessen dürfe. Er spielt damit auf die Begegnung gegen Polen vor vier Monaten in Berlin im Rahmen der EM an. Damals hatten seine Mannen überhaupt keine Chance. Diesmal schon. "Wir sind", so Moculescu, "näher herangerückt."</P><P>Aber noch nicht dran. Und das wurmt ihn mächtig. Es ist dabei wenig tröstlich für ihn, dass es noch die klitzekleine Chance in Leipzig gibt, im abschließenden Vorrundenspiel morgen Russland zu besiegen, wie das in der Vergangenheit schon ein paar Mal gelang. Und wenn sein Team das wiederholen könnte, dann würde sich der Bundestrainer ein paar Meter seines Volleyball-Dauerlaufes sparen können und man müsste auch keine Angst um seinen Anzug haben.<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

DFB-Coach Löw zehn Monate ohne Länderspiel
Sechs Länderspiele - so wenige waren es noch nie in Joachim Löws Amtszeit als Bundestrainer. Die Corona-Krise beendet vorzeitig die Saison der Nationalelf. Kimmich war …
DFB-Coach Löw zehn Monate ohne Länderspiel
Planen und finanzieren: Sportler-Stress bis Olympia 2021
Die Coronavirus-Pandemie mit der Olympia-Verschiebung um ein Jahr stellt Sportlerinnen und Sportler vor vielfältige Herausforderungen. Einige verschieben ihr …
Planen und finanzieren: Sportler-Stress bis Olympia 2021
Corona-Krise: Olympia 2020 fällt aus - FIFA kommt Spielern bei Beschränkung entgegen
Das Coronavirus hat weitreichende Folgen für den Sport. Auch die Olympischen Spiele 2020 fallen der Pandemie zum Opfer. Alle Infos im News-Ticker.
Corona-Krise: Olympia 2020 fällt aus - FIFA kommt Spielern bei Beschränkung entgegen
Giani: "Dass so viele Leute sterben, tut mir sehr weh"
Andrea Giani ist seit 2017 deutscher Volleyball-Nationaltrainer. Mit dem Verband spricht er derzeit über einen neuen Vertrag. Den Italiener beschäftigt in der …
Giani: "Dass so viele Leute sterben, tut mir sehr weh"

Kommentare