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TV-Kritik: Totalversagen im Lockenwickler-TV

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Katrin Müller-Hohenstein findet das Olympia-Wetter "würklich zum Heulen" © dpa

München - "Wenn der ZDF-Sport eine Zeitschrift wäre, dann hieße er Gala und würde beim Friseur neben den Lockenwicklern liegen", stellt Jörg Heinrich in seiner TV-Kritik fest und verrät vier TV-Olympia-Geheimnisse.

Wundervolle Nachrichten für alle Freunde des deutschen Heimatfilms: Maria Schell lebt! Und sie moderiert jetzt Wintersport im ZDF. Niemand beklagt so tief bestürzt und feuchtäugig das nass suppende Olympiawetter („Es ist würklich zum Heulen“) wie Schnee-Seelchen Katrin Müller-Hohenstein. Und niemand findet nach Lena Neuners Sieg so bewegende Worte wie das olympische Rosenresli: „Mein Gott – sie sagt, sie holt Gold, und dann holt sie auch noch Gold. Unfassbar!“ Mein Gott: Wenn der ZDF-Sport eine Zeitschrift wäre, dann hieße er Gala und würde beim Friseur neben den Lockenwicklern liegen. Wir verraten Ihnen die Geheimnisse des gefühligsten TV-Olympia aller Zeiten, bei dem Sie nichts verpassen, außer Liveübertragungen.

Geheimnis 1: Emotionen! Den typischsten Olympia­satz im Zweiten hat Reporter Eike Schulz über Savchenko/Szolkowy zustande gebracht: „Wenn Sportlerseelen leiden, wenn zwei mit ihren Gefühlen nicht wissen, wohin, dann können Olympische Spiele auch einfach nur traurig machen.“ Moderator Sven Voss hat den beiden samt ihrem gruseligen Trainer Ingo Steuer dann noch drei Stoffexemplare des albernen ZDF-Bibers untergejubelt, „damit sie im Flieger was zu kuscheln haben“. Später tränt die Maria Schnell des Wintersports in ihrem Uschi-Glasstudio Hilde Gerg an: „Wir können gemeinsam die alpinen Skiwettbewerbe beweinen.“ Da schaute die milde Hilde dann auch schon ganz weinerlich. Niemand hat im warmen Kanada so nah am Schmelzwasser gebaut wie die ZDF-Sportler.

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Geheimnis 2: Möglichst wenig Journalismus! Grusel-Steuer hat Zoff mit seinen Schutzbefohlenen und grollt: „Soll ich selber wieder laufen? Diese Kür hätte ich auch noch hinbekommen.“ Doch die beste Geschichte des Eiskunstwettbewerbs kommt im Zweiten vorsichtshalber gar nicht vor, das könnte die harmoniebedürftigen Zuschauer verschrecken. Stattdessen dichtet Eike Schulz: „Nur wer einmal mehr aufsteht, als er hingefallen ist, wird im Sport wiederkommen.“ Journalistisches Totalversagen im Lockenwickler-Fernsehen, jeden Zeitungsvolontär würde man für so viel Blabla geißeln.

Geheimnis 3: Okkultes! Das zieht immer. Die ZDF-Beauftragte fürs Übersinnliche heißt Katja Streso und wirkt als Außenreporterin beim Rodeln. Frau Streso, very blond, wagte vor dem vorletzten Frauendurchgang die ungeheuerliche Prognose: „Katrin, ich leg mich einfach mal fest, ich glaube, die deutschen Damen holen mindestens eine Medaille.“ Und so geschah es tatsächlich! Ein Wunder! Deutsche Frauen holen Rodelmedaille! Die Frau Streso ist eine Wahrsagerin, eine Hexe womöglich, die Bibi Blocksberg von Whistler. Auf den Scheiterhaufen mit ihr, und den Biber gleich mit dazu!

Geheimnis 4: Möglichst wenig live! Die Gala wirkt ja beruhigend, weil alle Brangelina-Geschichten darin ein paar Tage her sind und man weiß: Wird schon nicht so arg sein. So macht es auch das ZDF. Live ist zu nervenbelastend, gerade nachts, und daher böse! Schenny Wolf läuft ihren ersten Lauf über 500 Meter – da zeigen wir lieber zeitversetzt das Eishockeyspiel USA – Schweiz, und tun danach so, als wäre der Eisschnelllauf live. Und überhaupt: Statt möglichst viel Livesport lassen wir lieber Gunda Niemann-Stirnemann faseln. Aber wie meinte Poschmann zur Niederlage von Schenny Wolf: „Das ist Olympia! Wenn du mit allem rechnest, dann passiert das andere!“ Wir geben ab zu Maria Schell-Hohenstein.

Jörg Heinrich

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