Um weiterhin Lust auf das große Fußballturnier für E-Junioren zu machen, starten wir die neue Serie „Der Merkur CUP und seine großen Namen“. Den Auftakt macht Ex-Profi Sandro Wagner.
+
Herzensangelegenheit: Sandro Wagner spielte elf Jahre in der Jugend des FC Bayern und machte insgesamt 29 Bundesligaspiele für die Roten

„Der Merkur CUP und seine großen Namen“: Sandro Wagner im Interview

Sandro Wagner: „Man macht es sich zu einfach, alles zu verbieten“

  • vonUwe Vaders
    schließen

Um weiterhin Lust auf das große Fußballturnier für E-Junioren zu machen, starten wir die neue Serie „Der Merkur CUP und seine großen Namen“. Den Auftakt macht Ex-Profi Sandro Wagner.

Landkreis – Spätestens seit 2017 weiß die fußballbegeisterte Republik, dass Sandro Wagner ein Kind des Merkur CUP ist. Kurz vor dem Confed-Cup 2017 in einem Fernseh-Interview befragt, antwortete er: „Für mich ist das ein tolles Ereignis und eine Ehre, für mein Land spielen zu dürfen. Egal, ob Confed Cup oder Merkur CUP oder sonst was!“ Nach 180 Bundesligaspielen und 18 Monaten bei Tianjin Tede aus der 14-Millionen-Metropole Nordchinas beendete Wagner coronabedingt sein China-Engagement unter Trainer Uli Stielike in der höchsten chinesischen Liga, der Chinese Super League, im Sommer vergangenen Jahres.



Sandro Wagner: „Es war einfach etwas Besonders“



Das Wetter, der grüne Rasen, dieses Kleinfeld, die Jubelszenen. Bilder, die Sandro Wagner heute noch förmlich spürt. „Ich kann mich an kein Turnier in meiner Jugend bis zur U21-Europameisterschaft 2009 erinnern, das so prägenden Eindruck hinterlassen hat wie der Merkur CUP. Ich kann das gar nicht richtig in Worte fassen, das sind einfach großartige Gefühle, da fetzen zig Bilder durch den Kopf.“ Zu keinem anderen Turnier hätte er solche Erinnerungen wie an diesen Merkur CUP mit seinem Finale am 18. Juli 1998, einem Sonntag in Geretsried, dem Finalort der erst 4. Auflage des noch jungen Merkur CUP. „Es war einfach etwas Besonders“, schwärmt Sandro Wagner und lächelt voller Stolz über das ganze Gesicht. Hatte doch der FC Bayern München mit Sandro Wagner unter Jugend-Trainer Friedrich Bopp an diesem Tag den CUP gewonnen und den „Pott“ aus den Händen des damaligen Ministerpräsidenten und Merkur-CUP-Schirmherrn Dr. Edmund Stoiber empfangen. „Stoiber habe ich vor ein paar Monaten noch beim Sport1 Doppelpass wiedergesehen.“



Sandro Wagner: „Es ist gut zu wissen, wo man herkommt, das prägt“


Wagner ist förmlich seit Geburt mit dem FC Bayern verbandelt. Er spielte als Kind ein Jahr Fußball bei Hertha München, von wo aus nach einem Hallenturnier in Milbertshofen schnell die Tür zur Bayern-Jugend aufgestoßen wurde. Er hatte beim 2:0-Sieg seiner Hertha über seinen Lieblingsverein beide Treffer erzielt. „Mit acht oder neun Jahren ging’s dann zu den Bayern.“ Zu jener Zeit war Sendling sein Zuhause. „Es ist gut zu wissen, wo man herkommt, das prägt“, sagt Wagner. Mit seinem älteren Bruder Sascha und seinen Eltern („sie haben leider viel arbeiten müssen“) bewohnte der heute 33-Jährige dort eine Sozialwohnung, „und meine Oma begleitete mich stets zum Training und holte mich ab. Alleine durfte man damals noch nicht öffentlich fahren“. Später, mit elf oder zwölf Jahren, zog es die Arbeiterfamilie auf Giesings Höhen. „Wir wohnten direkt an der Grünwalder Straße, und ich habe in Untergiesing immer die Bayern-Fahne rausgehängt, wenn der FCB sein Heimspiel gewonnen hatte – zumal ich wusste, dass die meisten Bayern-Spieler von der Säbener über die Grünwalder Straße nach Grünwald fuhren. Die Fahne habe ich dann zwei bis drei Tage hängen lassen.“ Er schlief in Bayern-Bettwäsche, hatte Poster an den Wänden und im Italien-Urlaub auch immer die Bayern-Badehose im Gepäck. „Jaja, ich war schon ein Verrückter.“

Sandro Wagner: „Von Tag eins an habe ich mir das meiste selbst erarbeitet“


Hermann Hummels, der Vater von Mats und Jonas Hummels, glaubte bereits früh an ihn, ansonsten hatte sich Sandro Wagner vieles selbst erarbeiten müssen. „Ich hatte gute Trainer, aber kaum einen, der mich persönlich richtig gepusht hat. Von Tag eins an habe ich mir das meiste selbst erarbeitet. Sonst gibt es ja Jugendspieler, deren Trainer oder Vereine sagen, das ist unser Mann, den bauen wir auf. Bei mir war das nicht der Fall, dafür war ich damals wohl auch nicht gut genug.“ Hatte er mit Frust zu kämpfen? „Nein, Frust kam keiner auf, denn ich wusste ja, das ist mein Weg.“

Sandro Wagner: „Vor nichts Angst“


Es war allerdings schon nicht einfach damals. So eine Zeit prägt halt auch einen jungen Menschen. „So habe ich heute vor nichts Angst. Viele Menschen haben Angst davor, alles zu verlieren. So ein Gefühl kenne ich nicht, denn ich hatte früher kaum etwas, was ich überhaupt verlieren konnte.“ Auch Idole hatte Sandro Wagner nie. Er möge manche Menschen sehr, auch bekannte Persönlichkeiten seien darunter, „aber ich hatte keine Vorbilder im eigentlichen Sinne und auch nie das Gefühl, so sein zu wollen, wie andere. Ich wollte immer meinen eigenen Weg gehen und habe stets an mich geglaubt.“ Klingt hier Arroganz durch? Nein, das sei schlichtweg eine Prägung seines Lebens. So sei er schon immer ein Typ der offenen und klaren Worte gewesen, nicht angepasst und nicht glattgebügelt.

Und wer glaubt, Sandro Wagner habe sich jetzt, da er nicht mehr als Spieler aktiv auf dem Rasen steht, geändert, den straft er Lügen. „Ich bin auf dem Platz, auf dem grünen Rasen, anders als außerhalb. Es sind zwei verschiedene Welten, die ich auch nicht genau erklären kann. Ich habe immer versucht, für mich und die Mannschaft das Maximale herauszuholen. Meine Spielweise war emotional, durchaus auch mal in der Grauzone oder etwas drüber. Außerhalb war ich aber immer ein anderer Mensch. Nur die Leute wollten beziehungsweise konnten es nicht wissen.“

Ehrlichkeit ist eines der wichtigsten Attribute für Sandro Wagner

Der künftige Trainer der Unterhachinger U19 macht aktuell als Co-Kommentator auf DAZN von sich reden und wird überschüttet mit Lob. Er spricht halt gerade heraus, ohne Schnörkel und Herumgeeiere. Das ist sicherlich auch wieder einer Kindheits-Prägung geschuldet, und ist Ehrlichkeit eines der wichtigsten Attribute für Sandro Wagner. Dazu kommt noch die Herzlichkeit. Beides findet er in seiner Familie, mit seiner Frau Denise, mit der er bereits seit seinem 16. Lebensjahr zusammen ist, und seinen vier Kindern Luca-Marie, Hugo, Bruno und dem Nesthäkchen Alma.

Sandro Wagner zur aktuellen Lage im Amateurfußball: „Ja, das Thema ist komplex“

Während er darüber spricht, blättert er im Merkur CUP-Buch der Werte. „Kinder können nie früh genug lernen, was wahre Werte sind“, sagt er. Und diese Kinder waren jetzt annähernd ein Jahr weggesperrt. Ausgeschlossen vom Bolzplatz oder Trainingsgelände. Ausgeschlossen von dem, was sie in ihrer Freizeit gerne und mit Hingabe betrieben: Fußball spielen. Der Merkur CUP musste nach 2020 auch dieses Jahr coronabedingt abgesagt werden. „Ja, das Thema ist komplex“, sagt Wagner und verzieht dabei den Mund. Er wirkt sehr nachdenklich. Bei diesem Thema wird es ganz schnell politisch. Muss man laut sein? Ja, man müsse. Bringt das was? Nein, glaube er nicht. Dennoch: „Wenn alle die Einstellung haben, dass Debatten nichts bringen, ist das schlimm.“ Wenn niemand etwas sagt oder jeder die Einstellung hätte, dass den Mund aufmachen nichts bringt, dann würde vieles verkehrt laufen. Man müsse laut sein.

Felix Neureuther hat vor ein paar Wochen deutlich vor allem zum Umgang mit den Kindern seine Meinung gesagt und kritisiert, dass die Kinder keinen Sport ausüben können, nicht einmal unter freiem Himmel. Sandro Wagner nimmt einen Schluck aus der Espresso-Tasse, grüßt Hachings Präsidenten und Merkur-CUP-Schirmherrn Manni Schwabl und setzt noch einen drauf. „Die Kinder haben jetzt über ein Jahr zurückstecken müssen, haben genug gelitten. Wir haben ihnen schon zu viel wertvolle Zeit in ihrer kindlichen Entwicklung geklaut.“ Der vierfache Familienvater fährt fort: „Man macht es sich zu einfach, alles zu verbieten.“ Pause. Schweigen, fast betretenes Schweigen.

Sandro Wagner gibt Kindern mit: „Motivation sind nicht die Millionen“

Dann geht es wieder um die Zukunft, davon, was er, Sandro Wagner, den Kindern, die gerne einmal Profi werden wollen, mit auf den Weg geben möchte. „Spaß und Fleiß, das sind Voraussetzungen, die die Kids mitbringen sollen. Ein gewisses Talent vorausgesetzt.“ Und auch der Fingerzeig an die Erwachsenen bleibt nicht verborgen: „Es sollten weniger Menschen bei den Kindern mitreden. Wenn zu viel verkopft wird, geht der Spaß verloren. Motivation sind doch nicht die Millionen, die du vielleicht verdienen kannst, sondern der Spaß am Spiel. Der darf dir niemals verloren gehen auf der Reise!“

Sandro Wagner stöbert wieder durch die alten Finalfotos von 1998. Man sieht förmlich, wie bei ihm Bilder entstehen, als er die ersten Farbfotos betrachtet und plötzlich dabei bemerkt: „Dass ich damals meinen Arm gebrochen hatte, wusste ich gar nicht mehr.“ Die Namen seiner damaligen Mitspieler schüttelt er wie nichts aus dem Ärmel; keine Spur davon, dass das Turnier schon 23 Jahre her und Wagner als frisch gebackener Merkur-CUP-Botschafter auf dem Weg ist, in den nächsten sieben, acht Jahren als erfolgreicher Bundesliga-Trainer an der Seitenlinie zu stehen. Das ist sein erklärtes Ziel. Dass er es schafft, bezweifelt niemand, denn er glaubt an sich.

(UWE VADERS)

Auch interessant

Kommentare