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Abschied aus dem Sportpark Unterhaching: Mario Himsl, Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, wechselt zum U17-Nationalteam.

Mario Himsl über seine Zeit in Haching, Unterstützung für den Kirchheimer SC und die Zukunft beim DFB

„Wenn du mit dem Adler auf der Brust spielst, muss es richtig scheppern“

  • vonGuido Verstegen
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Nach einer Corona-bedingt schwierigen Zeit als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums der SpVgg Unterhaching warten neue Herausforderungen auf Mario Himsl: Der 48-Jährige kehrt nach knapp zehn Jahren zum Deutschen Fußball-Bund (DFB) zurück und wird Co-Trainer der U17 (wir berichteten).

Mario Himsl spricht im Merkur-Interview unter anderem über die Hachinger Ambitionen, seine Aufgaben beim Kirchheimer SC und die Defizite in der deutschen Nachwuchsarbeit.


Herr Himsl, im Sommer 2019 haben Sie die Leitung des NLZ in Unterhaching übernommen, jetzt zieht’s Sie zum DFB. Wie fällt denn Ihre Haching-Bilanz aus?

Die Verantwortlichen bei der Spielvereinigung – allen voran Präsident Manfred Schwabl und Claus Schromm als Gesamtleitung Sport – geben in Sachen NLZ und Jugendförderung echt Vollgas und verfolgen einen komplett richtigen Ansatz. Es gibt aus meiner Sicht nur wenige Vereine, die so vielen Talenten aus dem eigenen Leistungszentrum die Chance geben, sich im Kader der ersten Mannschaft zu etablieren. Ich hatte hier – wie schon als Spieler Mitte der Neunziger - eine lehrreiche, schöne Zeit. Wenn sie auch wegen der Corona-Pandemie sicher nicht so intensiv war, wie ich es mir vorgestellt habe.

In Unterhaching stecken sie sich hohe Ziele und agieren mutig: Erst der Börsengang, dann der Aufkauf des Stadions am Sportpark. Nun endet die Saison mit dem Abstieg der Profis, die die Dritte Liga doch eigentlich in die andere Richtung hatten verlassen wollen.

Nun, grundsätzlich war ich in meiner Position mit anderen Dingen beschäftigt. Das Ganze ist äußerst unglücklich gelaufen: Der Mannschaft fehlte körperliche Präsenz, die Gegner waren meist deutlich abgezockter. Dazu kam großes Verletzungspech – Führungsspieler wie Josef Welzmüller, Dominik Stahl oder Stephan Hain sind eben schwer zu ersetzen. Ich finde allerdings auch, dass die Dritte Liga wieder eine Liga für Talente sein muss, damit sich die Spieler auf diesem Niveau ausprobieren können. Dafür braucht es Anreize, auch finanzieller Art. Vereine sollten belohnt werden, wenn sie dem Nachwuchs Einsatzzeiten geben.

Vielleicht liegt in der Corona-Krise ja auch eine Chance: Die Lage vieler Klubs wird zunehmend prekärer, die Klubs müssen sich etwas einfallen lassen.

Ja, die Sportdirektoren werden sparen müssen, Alternativpläne sind gefragt. Und vermutlich werden Sie vermehrt das Gespräch mit den NLZ-Verantwortlichen suchen.

Mario Himsl wurde am 9. Dezember 1972 in Otterskirchen im Landkreis Passau geboren und wohnt heute in Kirchheim. 1999 wurde er als Spieler des SV Lohhof Meister in der Bayernliga. Himsl (zwei Söhne, 13 und 19) coachte später die Bundeswehr-Nationalmannschaft, arbeitete als A-Jugendtrainer und Sportlicher Leiter bei Greuther Fürth und Jahn Regensburg. Zwischen 2016 und 2019 kümmerte sich für die belgische Firma „Double Pass“ im Auftrag von DFB und DFL um die Zertifizierung der Nachwuchsleistungszentren in Deutschland. guv

In der Pandemie haben Sie sich viel damit auseinandersetzen müssen, wie denn Fußballtraining auch im Lockdown abwechslungsreich und fordernd gestaltet werden kann. Davon haben doch sicher auch die Trainer des Kirchheimer SC profitiert...

…und ich will den Verein auch weiterhin im Rahmen meiner Möglichkeiten unterstützen, mit Rat und Tat zur Seite stehen. Es ist einfach schön mitanzusehen, was beim KSC passiert, da halten die Leute noch zusammen, die Strukturen passen. Während Corona habe ich einige Fortbildungen gegeben – auch mit Blick auf Online-Einheiten –, und auch ein bisschen was aus meiner Vergangenheit, über meinen Werdegang erzählt.

Unter anderem beendeten Sie die Ausbildung zum Fußballlehrer 2010 als Jahrgangsbester, waren Co-Trainer von Christian Ziege und Ewald Lienen bei Arminia Bielefeld. Nun kehren Sie zum DFB zurück, wo Sie vor rund elf Jahren schon einmal Stützpunkt-Koordinator waren. Der Verband erlebt unruhige Zeiten, hat nicht erst seit der Affäre um den zurückgetretenen Präsidenten Fritz Keller ein Image-Problem. Ist das eine gute Adresse?

Sicher sind einige sehr unschöne Dinge passiert, aber es geht mir vor allem darum, das nach dem deutschen Vorrunden-Aus bei der WM 2018 gestartete „Projekt Zukunft“ beim DFB mit Leben zu erfüllen – insofern reizt mich die Aufgabe im U17-Trainerteam sehr, diese Gelegenheit musste ich einfach nutzen.

Es wartet viel Arbeit auf Sie, das Jugendkonzept stößt durchaus auf Widerstand: Der freie Wettbewerb in der Jugend werde abgeschafft, weil man Amateure und die Lizenzligen mit ihren Leistungszentren komplett trenne, kritisiert beispielsweise Oliver Ruhnert, Geschäftsführer Profifußball beim Bundesligisten 1. FC Union Berlin. Und selbstverständlich müsse es im ältesten Juniorenbereich als Vorbereitung auf den Erwachsenenfußball auch um Ergebnisse gehen.

Es muss in jedem Fall was passieren. Es ist nämlich schon fünf nach zwölf, wir werden in der Nachwuchsarbeit links und rechts von der Konkurrenz überholt. In der Bundesliga spielen längst mehr ausländische als deutsche Talente. Das zum Beispiel in Unterhaching propagierte Motto „Aus der Region – für die Region“ mit dem Fokus auf der Weiterentwicklung eigener Talente greift hier gar nicht.

Was ist der Plan?

Wir brauchen wieder mehr Unterschiedsspieler, die top im Eins gegen Eins sind. Dazu muss der Jugendliche mehr lernen, das Spiel zu verstehen, darf sich aber nicht komplett in Schemata verlieren und nutzt innerhalb bestimmter Leitplanken seinen eigenen Handlungsspielraum kreativ aus. Wenn man sich völlig emotionslos mal anschaut, was Ex-Nationalspieler Mehmet Scholl vor Jahren schon kritisiert hat, muss man sagen, dass man über die Art und Weise streiten kann – aber im Prinzip trifft er den Nagel auf den Kopf. Wir verlieren die Basis! Scholl war als Spieler selbst ein Freigeist und hat den umgekehrten Fall erlebt: Zu seiner Zeit beim FC Bayern mussten elf Individualisten in ein System passen.


Wie kommt man denn dahin, dass sich junge Spieler wieder trauen respektive sich etwas zutrauen?

Das Projekt Zukunft spricht genau die richtigen Bereiche an: die Trainerausbildung und Begleitung, den Spieler viel mehr ins Zentrum rücken und das Talentförderprogramm zu verändern, inklusive der Wettbewerbe.


Arbeitsbeginn beim DFB ist der 1. Juli – welche Aufgaben stehen denn dann an?

Es ist ein bisschen wie ein Sprung ins kalte Wasser. Gleich am 4. Juli gibt’s einen Lehrgang mit Spielern aus dem norddeutschen Raum, Ende Juli steht eine Sichtung in Süddeutschland an. Aber ich freue mich schon sehr auf die Aufgabe an der Seite von Ex-Profi Heiko Westermann, der wie ich Chefcoach Marc Meister unterstützt. Es ist eine große Ehre, mit den besten Jugendspielern des Landes zusammenzuarbeiten, da werde ich alles geben.


Was erwarten Sie von Ihren Schützlingen?

Genau das. Wenn du mit dem Adler auf der Brust für dein Land auflaufen darfst, dann ist das das Größte, da muss es richtig scheppern.

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