Neue Verträge, alter Ärger: Boss Schäfer (r.) hat mit Sportchef Hinterberger (l.) und Trainer Schmidt verlängert – gegen den Willen des Investor. sampics
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Neue Verträge, alter Ärger: Boss Schäfer (r.) hat mit Sportchef Hinterberger (l.) und Trainer Schmidt verlängert – gegen den Willen des Investor.

"Überflüssige Provokation"

1860: Endgültiger Bruch mit Ismaik

München - Investor Hasan Ismaik wertet die jüngsten Personalentscheidungen beim TSV 1860 als „überflüssige Provokation“ und schickt eine Art Abschiedsbrief.

Kurz bevor es ernst wurde und der TSV 1860 Fakten mit Zündstoff schuf, kam noch einmal ein eher erheiternden Beitrag von der Investorenseite. Hassan Shehata, seit Freitag täglicher Gast auf dem Vereinsgelände, stellte sich vor die Presse und teilte mit, wie er die Löwen im Sinne von Hasan Ismaik auf die Erfolgsspur bringen würde: „Die Idee, wie man das Ganze verbessern kann, ist Trainingscamps in Deutschland oder im Ausland zu veranstalten. Auch eine Prämienliste für die Spieler wäre ein Ansporn.“ Der 63-jährige Ägypter schien diese Selbstverständlichkeiten für revolutionär zu halten. Oder aber er hat sich einen Scherz erlaubt, den keiner der anwesenden Reporter verstanden hat. Danach ging er und überließ die Bühne den Vereinsvertretern.

Deren Beitrag zum geplanten sportlichen Aufschwung war seit Mitte letzter Woche erwartet worden: die Vertragsverlängerungen mit Florian Hinterberger und Alexander Schmidt. Sportchef und Trainer saßen links und rechts von Geschäftsführer Robert Schäfer, der im voll besetzten Medienhaus hastig sprach, konkrete Daten wie Laufzeiten schuldig blieb („Keine Auskunft“) und insgesamt nur schwer seine Anspannung verbergen konnte. „Mit dieser Entscheidung gehen wir unseren vernünftigen Weg weiter“, sagte er tapfer, was im Umkehrschluss bedeutet: Jede andere Entscheidung wäre unvernünftig gewesen – erst recht das Hoffen auf weitere Ismaik-Millionen, verbunden mit einem „Strategiewechsel“ und teurem Personal. Inniger Wunsch des Investors war bekanntlich, „einen neuen Sportchef“ zu installieren. Einen, den der sportlich ahnungslose Jordanier selbst ausgesucht hätte.

Exakt acht Tage ist es her, dass die Zahlungsfrist verstrich, die die Löwen dem Investor gesetzt hatten. Viel ist seitdem passiert. Der Ägypter Shehata kam, und Ismaik ging zu Promianwalt Michael Scheele, der den Klub warnte, voreilig Personalentscheidungen zu treffen. Noch in der Früh soll er um „Aufschub“ gebeten haben. Wenig später, kurz bevor die Löwen vor die Presse traten, schickte Scheele dann ein Schreiben los, das den endgültigen Bruch der Gesellschafter in Worte goss.

Scheele wertet die Vertragsverlängerungen mit Schmidt/Hinterberger als „überflüssige Provokation des Investors“. Weiter schrieb er: „Der mehrfach geäußerte gute Wille von Herrn Ismaik wurde damit im Keim erstickt. Es dürfte nicht weiter verwundern, wenn dies schwerwiegende Konsequenzen zum Nachteil des Vereins provoziert.“ Wie die aussehen könnten, ließ Scheele offen. Die Palette denkbarer Sanktionen reicht von einem sofortigen Zahlungsstopp, der die Lizenz gefährden würde – bis hin zum Ausstieg durch den Verkauf seiner Anteile.

Shehata lobt zwei Hinterberger-Transfers

Klingt dramatisch. Doch die Löwen-Bosse wussten um die Tragweite ihrer Entscheidung. Trotzdem – oder gerade deswegen – haben sie ihre Linie durchgezogen, die Schäfer als planerische Notwendigkeit verkaufte. Leitidee sei „sportlicher Erfolg ohne wirtschaftliche Unvernunft“. Ismaik sei über jeden Schritt informiert worden: „Was er für eine Reaktion zeigt, ist seine Sache.“ Alles sei „ordnungsgerecht und vertragsgemäß“ vonstatten gegangen.

Trotzdem: Es ist ein riskantes Spiel, das die 1860-Bosse treiben. Wie ein Pokerprofi, der mit kleinem Blatt auf der Hand auf dicke Hose macht. Laut Schäfer bleibt der Etat für die neue Saison unverändert (9 Millionen Euro), weitere Spieler „für alle Mannschaftsteile“ (Hinterberger) sollen kommen, doch schon am 23. Mai könnte es erstmals eng werden. Da fordert die DFL: Karten auf den Tisch! Nachweise müssen erbracht werden, wie das alles finanziert werden soll. Letzte Saison waren 6,5 Ismaik-Millionen nötig, damit Teil eins des Dreijahresplanes aufging.

Offenbar vertraut man darauf, dass der Investor auch diesmal keine andere Wahl hat, als den Geldsack zu öffnen. Wie sagte Präsident Hep Monatzeder kürzlich? „Herr Ismaik kann ja kein Interesse daran haben, sein Investment in die Luft zu schießen.“ Erst recht nicht, wenn er vorhat, noch ein bisschen Geld für seine Anteile zu bekommen.

Ismaik-Aufpasser Shehata: Fotos seiner ersten Löwen-Inspektion

Ismaik-Aufpasser Shehata: Fotos seiner ersten Löwen-Inspektion

Ismaik-Aufpasser Hassan Shehata war am Freitagmittag an der Grünwalder Straße zu Gast: Die Fotos seiner ersten Löwen-Inspektion
Ismaik-Aufpasser Hassan Shehata war am Freitagmittag an der Grünwalder Straße zu Gast: Die Fotos seiner ersten Löwen-Inspektion
Ismaik-Aufpasser Hassan Shehata war am Freitagmittag an der Grünwalder Straße zu Gast: Die Fotos seiner ersten Löwen-Inspektion
Ismaik-Aufpasser Hassan Shehata war am Freitagmittag an der Grünwalder Straße zu Gast: Die Fotos seiner ersten Löwen-Inspektion
Ismaik-Aufpasser Shehata: Fotos seiner ersten Löwen-Inspektion

Was Scheele im Schlussteil seines Schreibens formulierte, las sich bereits wie ein Abschiedsgruß: „Herr Ismaik wird trotz sicherlich nachvollziehbarer Empörung seine Begegnungen mit zahlreichen Mitgliedern und Fans in guter Erinnerung behalten. Er bittet nachhaltig zu verstehen und zu akzeptieren, dass die nun unweigerlich auf die Vereinsführung zukommenden Konsequenzen ausschließlich von der Vereinsführung zu verantworten sind.“ Worte, die unversöhnlich klingen und nur eine Option lassen: eine baldige Scheidung.

Shehata, Ismaiks Berater, hat das alles nur am Rande verfolgt. Schmidts Vertragsverlängerung sei „Sache der Vereinsführung“, sagte er. Er selber werde wie geplant bis Ende April bleiben und an seiner Expertise arbeiten. In St. Pauli, beim 1:3, habe er zwei hoffnungsvolle Spieler gesehen: „The Number 9. And the 5.“ Rob Friend (Nummer 9). Und Guillermo Vallori (5). Der Mann, der die beiden Spieler geholt hat, ist ihm womöglich nicht geläufig: Florian Hinterberger.

Uli Kellner

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