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Dreijahresplan: Aygün will diese Saison 40 Punkte, nächste 50, übernächste 60 – in einem eigenen Löwen-Stadion.

Der 1860-Sportchef im Merkur-Interview

Aygün: „Fröhling unrauswerfbar? Ich sage ja!“

München - Löwen-Sportchef Necat Aygün spricht im Interview über das „top intakte“ Verhältnis zum Trainer, Stürmerpech und seine Vision 2017.

Die Löwen stehen früh in der Saison auf einem Abstiegsplatz, wichtige Spieler wie Okotie, Hain und Rama fallen aus. Dazu sorgte Ex-Sportchef Gerhard Poschner mit einer Generalabrechnung für Unruhe. Trotzdem erweckt Necat Aygün, 35, nicht den Eindruck, als sei er nervlich angeschlagen. „Das einzige, was mich wirklich stört“, sagt der Poschner-Nachfolger, „ist die Punkteausbeute.“ Unser Interview.

Herr Aygün, bei 1860 herrscht schon nach sechs Spieltagen jede Menge Unruhe. Sehnen Sie sich heimlich nach Ihrem alten gemütlichen Job als Scout?

Nein, wieso? Ich wusste, auf was ich mich einlasse und konzentriere mich nur um die sportlichen Belange. Was drumherum geschieht und geredet wird, interessiert mich herzlich wenig.

Sie wurden ja nach Poschners Rückzug ins kalte Wasser geworfen, ohne Bedenkzeit und Erfahrung auf diesem Gebiet. Wie ist das, wenn man über Nacht Sportchef wird und unter Zeitdruck Verstärkungen an Land ziehen soll?

Was heißt ohne Erfahrung? Jeder fängt mal irgendwo an. Und als Scout hatte ich ja schon hilfreiche Einblicke.

Aber 1860 ist zum Einstieg sicher nicht das leichteste Pflaster . . .

Das stimmt, aber ich bin ja kein Fremder hier, kenne den Verein seit 15 Jahren und war auch schon woanders. Ich habe spontan ja gesagt und losgelegt. Ich denke auch, zusammen mit den Geschäftsführern (Markus Rejek und Noor Basha/Red.) und der Sportlichen Leitung haben wir die Transferphase ganz gut überbrückt. Also, mir macht die Rolle viel Spaß.

Sie haben erst Stefan Mugosa, dann Michael Liendl präsentiert. Wie bewerten Sie Ihre Transfers nach den ersten Einsätzen?

Beide sind ja keine Unbekannten und haben sich schon in der 2. Liga bewährt. Klar, wenn du neu bist und keine Vorbereitung mit der Mannschaft hattest, dauert’s ein bisschen, aber das wird jetzt von Training zu Training besser. Beide werden die Verstärkungen sein, die wir uns erhofft haben.

Auf eine dritte Offensivkraft verzichtete Torsten Fröhling, obwohl sie der Etat noch hergegeben hätte. Der Trainer wollte dem Nachwuchs nicht den Weg ins Team verbauen, sagte er. Einen Jakub Sylvestr, der heiß gehandelt wurde, hätte man jetzt aber gerne in der Hinterhand, oder?

Man hätte viele Namen diskutieren können, aber die Spieler müssen auch als Typ zu uns passen. Wir haben eine Mannschaft mit einem einwandfreien Charakter, mit einer super Mentalität – das einzige, was nicht passt, sind die Ergebnisse.

Als sich am Dienstag auch noch Valdet Rama verletzte, kündigten Sie an, den Markt der vertragslosen Profis sondieren zu wollen. Dort finden sich Namen wie Pander, Obasi, Schlaudraff, Klasnic. Ist da einer für 1860 dabei?

Das sind interessante Spieler, alles Ex-Nationalspieler, aber es gab keinen Kontakt. Wir vertrauen unserer Philosophie und den Jungs, die wir in der Hinterhand haben.

Heißt das: Sie werden nicht mehr tätig?

Das heißt es. Wir werden nur etwas machen, wenn Rama oder ein anderer länger ausfallen sollte.

Dann hat sich auch eine Rückkehr von Benny Lauth erledigt?

Ja, er ist ein Freund von mir, ich kenn’ ihn seit über 15 Jahren, aber er ist kein Thema.

Das Problem bei 1860 ist ja, dass schon keine Tore fielen, als die Stürmer noch fit waren. Woran liegt das?

In erster Linie an der Chancenverwertung. Ich will nicht von Pech sprechen, aber Nürnberg spielen wir auswärts an die Wand, treffen Pfosten und Latte. Gegen Union verschießen wir den Elfmeter. Man sieht ganz klar eine Handschrift vom Trainer, aber jetzt ist der Zeitpunkt da, wo man das Tor auch mal erzwingen muss.

Ist Platz 17 eine unschöne Momentaufnahme oder schon Anlass, den Abstiegskampf auszurufen?

So weit würde ich noch nicht gehen. Man darf die aktuelle Situation nicht schönreden, aber Panik zu schüren bringt auch nichts.

Am Samstag beginnt eine Englische Woche, die es in sich hat. Heimspiele gegen Kaiserslautern und Leipzig, zwischendurch nach Sandhausen. Was erwartet der Sportchef aus diesem Dreierpack – und wieviele Punkte fordert er?

Ich erhoffe mir so viele Punkte wie möglich und dass wir vielleicht auch mal schlecht spielen und dafür gewinnen.

Angesprochen auf seine Zukunft, sagte Fröhling am Montag lakonisch: „Mit mir hat noch keiner gemeckert.“ Wie zufrieden sind Sie mit seiner Arbeit?

Sein Anteil, dass wir die Klasse gehalten haben, war riesig. Er kam ja in einer Extremsituation und hat dann alle mit seiner ehrlichen, emotionalen Art überzeugt. Mit der Punkteausbeute sind wir natürlich alle nicht zufrieden, aber gemeinsam kommen wir da unten wieder raus.

Gemeinsam heißt: Er steht nicht zur Debatte?

Nein.

Würden Sie auch so weit gehen und ihn als „unrauswerfbar“ bezeichnen, wie es Gladbachs Manager Max Eberl in Bezug auf Trainer Lucien Favre getan hat?

Ja, würde ich, klar. Unser Ziel ist, etwas aufzubauen. Die Mannschaft vertraut ihm, wir vertrauen ihm – das Verhältnis zum Trainer ist top intakt.

Ein Problem, das zuletzt für Unruhe sorgte, ist die ungeklärte Zukunft von Marius Wolf, dem Supertalent. Gibt es Hoffnung, dass der wochenlange Vertragspoker doch noch zu einem für 1860 positiven Ende findet?

Unser Wunsch und auch sein Wunsch ist, dass wir zeitnah zusammenkommen. Marius ist als Typ und Spieler absolut wichtig für uns – er hängt ja nicht ohne Grund überlebensgroß im Fanshop. Ich hoffe, dass das bald über die Bühne geht.

Und zu Ihrer eigenen Zukunft: Als was fühlen Sie sich – als Sportchef, Sportchef auf Zeit, Sportchef bis auf Weiteres?

Als Sportchef.

Einen entsprechenden Vertrag haben Sie aber noch nicht.

Das wird in Zukunft kommuniziert.

Bekanntlich haben Sie ja schon zu Spielerzeiten andere, für Fußballer eher ungewöhnliche Projekte ausprobiert. Sie hatten ein Café, eine Osteria – und Sie betreiben eine Kinderkrippe. Haben Sie für so etwas überhaupt noch Zeit?

Das macht komplett meine Frau, zusammen mit unserem Partner. Ich halte mich da raus, aber dieser Blick über den Tellerrand hinaus hat mir sicher geholfen, auch in kaufmännischer Hinsicht. Das kommt mir in meinem neuen Job auf alle Fälle zugute.

Würden Sie noch einen kleinen Ausblick wagen? Ein arabischer Partner, der eher sparsam ist, ein Stadion, dessen Miete zu teuer ist, dazu die anhaltende sportliche Misere. Wo sehen Sie die Löwen in ein, zwei oder drei Jahren?

Im Moment ist unser Ziel vor allem, 40 Punkte zu erreichen und Kontinuität reinzukriegen. Und nächstes Jahr? Da würde ich mich dann über 50 Punkte freuen (lacht). Und das Jahr darauf über 60 Punkte – in einem eigenen Stadion (lacht noch lauter).

Und wo sehen Sie sich selber?

Beim TSV 1860. Ist doch klar.

Das Gespräch führte Uli Kellner.

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