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Brav wie noch nie: Harmonie bei der Löwen-Versammlung

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Mit neuer Harmonie ins Jubiläumsjahr: 1860-Präsident Rainer Beeck. © sampics

München - Die Löwen halten eine harmonische Versammlung ab – auch weil die Stadt-Vertreter Ude und Monatzeder fernbleiben.

Ewald Lienen betrat den Versammlungssaal aufrechten Ganges – und er wurde von den Delegierten des TSV 1860 mit kräftigem Beifall begrüßt. Das war nicht unbedingt zu erwarten gewesen. „Fußball ist Tagesgeschäft“, ist dem erfahrenen Coach bewusst. „Hätten wir in Bielefeld verloren, hätte ich mich unter den Tischen reinschleichen müssen – mit Stahlhelm auf dem Kopf.“

Einen Stahlhelm brauchte niemand im Unterschleißheimer BallhausForum, wo das höchste Vereinsorgan zum 41. Mal ordentlich tagte. Das Wort „ordentlich“ hätte man am Samstagnachmittag auch ersetzen können durch: Harmonisch, zivilisiert, professionell. Die Löwen, die mit ihren Versammlungen schon für manche Posse und nicht wenige Negativschlagzeilen gesorgt hatten, versammelten sich brav wie noch nie. Sie vermieden formale Fehler, sie entlasteten ihr Präsidium, und sie winkten fünf neue Aufsichtsräte durch. Alles ohne Geschrei und Gegenstimmen, das Ganze „in der Rekordzeit von drei Stunden“, wie Präsident Rainer Beeck mitgestoppt hatte. Vize Franz Maget, der mit charmantem Humor durch die Veranstaltung geführt hatte, sprach in seinem Schlusswort von der „diszipliniertesten Versammlung“, seit es 1860 gibt, „das war wunderbar!“

Dass Beeck die Sitzung als „Zeichen für ein neues Miteinander“ werten durfte, lag nicht nur daran, dass ein 40-minütiger Bericht aus den Abteilungen das Auditorium schläfrig gemacht hatte; Referent Horst Strelow (Ski) hatte in einer angeblich „stark gekürzten Fassung“ einen Überblick über das Wirken von Wassersportlern, Ringern und Kegel-Vereinsmeister Willi Winziger gegeben. Der ungewohnt kultivierte Umgang lag vermutlich auch daran, dass sich zwei Protagonisten mit Auspfeif-Potenzial kurzfristig abgemeldet hatten. Oberbürgermeister Christian Ude, der nach 13 Jahren aus dem Aufsichtsrat schied, ließ sich schriftlich entschuldigen, er hatte eine „ganztägige terminliche Verpflichtung in Hannover“. Grünen-Bürgermeister Hep Monatzeder, der in das Kontrollgremium zurückkehrt, weilte auf dem Klimagipfel in Hamburg.

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass das Klima beim Löwen-Gipfel mit der Teilnahme der beiden Stadt-Vertreter ein anderes gewesen wäre. Ude und Monatzeder stehen für die „sehr restriktive Haltung“ (Beeck) der Stadt zum erstligatauglichen Ausbau des Grünwalder Stadions – bereits im Vorfeld hatten beide Politiker ihre Skepsis gegenüber den Umzugsplänen zum Ausdruck gebracht. Nun ist es nichts Neues, dass die Stadionfrage zwiespältige Emotionen auslöst. Neu ist aber, dass sich der ganze Verein – vom Präsidium abwärts – dem Thema verschrieben hat. In der andauernden sportlichen Misere stellt der Traum von einer Rückkehr nach Giesing so etwas wie einen Lichtblick dar. Ein Fanvertreter verriet, dass sich die Delegierten auch deshalb so zusammengerissen hätten, „damit wir nicht wieder als Chaosverein dastehen“. Motto: Nur wer sich seriös benimmt, dem ist zuzutrauen, solch ein Großprojekt anzugehen. Man klammert sich an jeden Strohhalm. Dass Ude in einem Schreiben mitteilte, die Stadt werde den Löwen eine dreimonatige Fristverlängerung gewähren, um die technische Machbarkeit eines Umbaus zu prüfen, wertet der Verein als Erfolg. „Diese Chance“, sagte Beeck, „wollen wir nutzen.“

In punkto Anteilnahme gibt es derzeit nichts, das mit dem Stadionthema mithalten kann: Hier und da wurde gegrummelt, weil die Hälfte des neu gewählten Aufsichtsrats durch Abwesenheit glänzte („Mal kommt der Steiner, dann geht er, dann kommt er wieder“). Ansonsten saßen die Delegierten stoisch auf ihren Stühlen, raschelten mit ihren Lunchpaketen (Apfel, zwei Semmeln, kein Bier) und reckten, wenn sie dazu aufgerufen wurden, brav ihre grünen Abstimmungskarten. „Warum sind die eigentlich grün?“, sorgte Maget zwischendurch für einen Lacher. „Hat die der Monatzeder eingeschleust?“ Nicht mal beim Tagesordnungspunkt „Aussprache“, wo es früher gerne mal folkloristisch zuging, regte sich Unruhe im Saal. Ein Delegierter erkundigte sich nach dem angedachten Sportausschuss (Beeck: „Kommt“). Ein anderer monierte die gewöhnungsbedürftige Farbgebung der Fanartikel für die 150-Jahr-Feier. „Der Schal erinnert mich an eine Kranzschleife“, meinte er, „sollen wir damit im Jubiläumsjahr unsere Beerdigung feiern?“ So weit ist es noch nicht.

Auch wenn es am Samstag nicht immer so wirkte: Der Verein ist nach wie vor quicklebendig, man arbeitet halt neuerdings mit- statt gegeneinander. Gestorben ist nur die einst so derbe Streitkultur.

Uli Kellner

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