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Daniel Bierofka: „David soll mich spielen sehen“

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Daniel Bierofka in Aktion. © sampics

München - Löwe Daniel Bierofka über seinen Sohn, den täglichen Kampf in der Reha und die düstere Lage des Vereins.

Vier Einsätze in der 2. Liga (alle im Februar), drei Operationen (Leiste, Schambein, Bandscheibe) – das ist die traurige Jahresbilanz von Löwen-Profi Daniel Bierofka, 30. Der verletzungsbedingt abgelöste Kapitän arbeitet seit sechs Wochen im Reha-Zentrum an der Fortsetzung seiner Karriere, doch natürlich ist er in Gedanken bei der Mannschaft. Bei einer Mannschaft, die ihm fremd ist, wie er im Interview verrät.

-Daniel Bierofka, der Sport ist in dieser Woche in den Hintergrund gerückt, die Fußballwelt trauert um Robert Enke. Was hat diese Schreckensnachricht in Ihnen ausgelöst?

Als ich’s im Videotext gelesen hab, dachte ich: Das kann nicht wahr sein! Ich kannte ihn nicht gut, aber ich hab damals zwei U 21-Spiele mit ihm bestritten. Er war immer sehr freundlich und schien alles im Griff zu haben. Ich hätte nie gedacht, dass er solche Probleme hat. Das ist unfassbar, wirklich unglaublich.

-Enkes Krise verschlimmerte sich, als er wegen einer Darminfektion länger außer Gefecht war. Gehen Sportler in Phasen der Untätigkeit durch die Hölle?

Das sind wirklich die schwierigsten Phase. Wenn man sich selber in Frage stellt und grübelt: Wird das noch mal? Bei mir ging’s ab dem Moment besser, als ich die Reha angefangen habe. Da ist man dann abgelenkt. Wichtig ist halt, dass man merkt, es geht was vorwärts. Natürlich zwickt es mal hier, mal da, aber solange nichts mit der operierten Sehne ist, ist es okay. Ich kämpfe mich ja hier nicht durch, um eins, zwei, drei das Balli hochzuhalten, sondern um noch mal dahin zu kommen, wo ich schon war. Wobei ich weiß, dass das schwierig wird.

-Woher nehmen Sie die Kraft nach der inzwischen 17. Operation?

Das frag ich mich manchmal selber. Ich glaube, in mir drin sitzt ein kleiner Mann, der kein Selbstmitleid zulässt. Der sagt in solchen Momenten: Reiß di zsamm und mach weiter! Auch mein Kleiner (Sohn David/Red.) ist eine Riesenmotivation. Immer wenn wir ins Stadion fahren, fragt er mich: Papa, spielst du heute? Und ich muss sagen: Nein, leider noch nicht. Ich selber hab meinen Vater nie spielen sehen. Der war mit 27 Sportinvalide und musste in den alten Beruf zurück. Das war sehr hart für ihn, aber auch er war von der mentalen Seite unheimlich stark.

-Kann man sagen: Die Bierofkas haben anfällige Körper, aber einen unbändigen Willen?

Das mit dem anfälligen Körper muss man relativieren. Bei den meisten Verletzungen konnte ich nichts dafür. Bei den Bandscheiben bin ich vielleicht erblich belastet, aber was soll ich machen, wenn einer an der Mittellinie angerauscht kommt und mir das Wadenbein bricht? Die einen haben mehr Glück, die anderen weniger. Die einen spielen in der Abwehr, die anderen vorne und kriegen auf die Socken. Wenn du dribbelst und die Zweikämpfe suchst, wirst du natürlich mehr geklopft. Der Mehmet Scholl war auch oft verletzt.

-Wie sehr beeinflusst Sie die sportliche Notlage des Vereins? Steigert Sie den Antrieb nach dem Motto: ,Die Mannschaft braucht mich!’?

Überhaupt nicht. Weil ich genau weiß: Ich kann ihr erst helfen, wenn ich hundertprozentig fit bin. Mein Ziel ist: Ich will wieder Fußball spielen! Ich hatte eine unheimlich schwere OP, zu der es noch keine Referenzwerte gibt. Es wäre überragend, wenn ich ab der Rückrundenvorbereitung mittrainieren könnte, aber ich setze mich nicht unter Druck.

-Wie sehr sorgen Sie sich um Ihren Verein?

Die Situation ist bitter. Vor allem, weil ich zu Beginn ein gutes Gefühl hatte. Den Negativtrend, der dann kam, den kann ich nicht erklären, weil ich weit weg bin von der Mannschaft. Ich sehe sie seit Wochen nur bei den Spielen.

- Ist Ihnen die Mannschaft fremd?

Leider ist das so. Ich kenne die Neuen nicht, und auch nicht die ganzen Jugendspieler, die hochgekommen sind. Ich kenne die Alteingesessenen wie den Benny, den Torben und den Michel (Lauth, Hoffmann und Hofmann/Red.), mit denen telefoniere ich ab und zu. Ansonsten gibt es kaum Kontakt.

-Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Trainer Ewald Lienen beschreiben?

Er hat mich nach der Bandscheiben-OP angerufen, bei den Spielen fragt er, wie’s geht und sowas, mehr erwarte ich gar nicht. Der Trainer hat genug um die Ohren, da kann er sich nicht auch noch um die verletzten Spieler kümmern. Ich muss schauen, dass ich fit werde. Dabei helfen mir keine Gespräche.

-Benny Lauth wurde Kapitän, als Sie zum ersten Mal länger ausfielen. Er wirkt bisweilen überfordert mit der Rolle.

Er braucht halt auch Hilfe. Alles wird gerade auf ihm abgeladen, aber er kann nicht immer alle mitziehen.

-In Frankfurt wurde er vor der Pause ausgewechselt. Wie sehr belastet so ein Akt das Vertrauensverhältnis Trainer-Kapitän?

Da bin ich der falsche Ansprechpartner. Ich wäre ziemlich angefressen gewesen, aber der Trainer hat sich sicher was dabei gedacht. Ich denke aber, dass das alles wieder in Ordnung ist. Nach außen hin scheint es so.

-Wo, neben dem Verletzungspech, sehen Sie die Ursache für den rasanten sportlichen Absturz?

Ich denke, das kommt durch die vielen Negativerlebnisse. In Leverkusen damals waren wir nach dem FC Bayern die beste Mannschaft, plötzlich war das Selbstvertrauen weg und wir wären beinahe abgestiegen. Da misslingen die einfachsten Sachen. Du willst den Ball von A nach B spielen und kickst ihn ins Aus. Fußballerisch ist das nicht zu erklären, nur mental. Wichtig ist halt, dass man die neue Situation annimmt und entsprechend arbeitet. Wenn wir da mit Qualität und fußballerischen Mitteln rauskommen wollen, werden wir scheitern.

- Das klingt sehr düster.

Die Momentaufnahme ist auch ganz klar negativ. Das lässt sich nur durch Ergebnisse korrigieren. Wir müssen jetzt in Bielefeld ein gutes Spiel machen. Ich erwarte gar nicht, dass wir gewinnen, aber jeder muss sehen: Wir leben noch! Da muss jeder volle Kanne gegenhalten. Jedem muss klar sein: Der Zug nach oben ist abgefahren. Wir müssen aufhören zu träumen.

-Eben war die Vision der Aufstieg, jetzt ist das Ziel der Nichtabstieg. Was löst so ein Kurswechsel im Kopf eines Spielers aus?

Vor allem, wenn er nicht so mit dem Verein verwurzelt ist wie Sie und Lauth? Das sind alles Profifußballer, und es ist völlig egal, ob sie aus dem In- oder Ausland kommen: Sie werden von 1860 bezahlt, also ist es ihre Pflicht, alles für den Verein zu geben. Ich hoffe, dass jeder diese Einstellung hat. -Werden Sie Ihre Karriere auf jeden Fall bei den Löwen beenden? Davon gehe ich aus. -Auch in der 3. Liga? Auch dann. Aber so weit wird es nicht kommen.

Das Interview führte Uli Kellner

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