Von Dschungelkämpfern und Partylöwen

- München - Adalbert Wetzel hatte schon in jungen Jahren dem Tod mehrmals scharf ins Auge geschaut. Ein Indio hatte ihm im kolumbianischen Dschungel mit einer Machete die Bauchdecke aufgeschlitzt, am Amazonas überstand er auch Malaria und Schwarzwasserfieber. Als Ölsucher brachte es Wetzel, der schon im Alter von 17 Jahren nach Südamerika aufgebrochen war, zu frühem Wohlstand, im Nachkriegsdeutschland war er Manager des Bürgerbräukellers und Direktor der Münchner Coca-Cola-Fabrik.

<P>Wetzel verpfändete für die Löwen sein Haus</P><P> Ein bewegtes Leben also, doch Wetzels größte Passion war der Fußball, genauer gesagt, der TSV 1860: Von 1952 bis 1969 war er dessen Präsident. Noch im hohen Alter besuchte Wetzel die Heimspiele und hegte dabei, so heißt es, einen späten Wunschtraum: Er wollte im Stadion sterben.</P><P><BR>Karl Auer, 56, ist da vergleichsweise ein Mann ohne besondere Eigenschaften: Der Fleischfabrikant aus Holzkirchen hat bislang ein unauffälliges Leben geführt, der Öffentlichkeit ist er höchstens als Spezi des berühmten Karl-Heinz Wildmoser aufgefallen. Nunmehr ist Karl Auer dessen Nachfolger als 28. Präsident des TSV 1860 und steht damit in einer illustren Reihe, aus der sich ein deftiger Schwank zusammenstellen ließe: neben dem Dschungelkämpfer Wetzel finden sich da in jüngerer Vergangenheit ein umtriebiger CSU-Finanzjongleur, ein Laienprediger, ein Partylöwe, eine eiserne Lady und zuletzt ein Promi-Gastronom.<BR><BR>Die erste und bis heute herausragende Kultfigur im Präsidentenamt war zweifelsohne Adalbert Wetzel. Unter seiner Führung errang der TSV 1860 den einzigen Meistertitel (1966) seiner Vereinsgeschichte und drang im gleichen Jahr bis ins Europacup-Finale vor (0:2 gegen Westham United). Wetzel war auch Financier dieser Erfolgsgeschichte, für den TSV 1860 verpfändete er sein Haus, setzte sein Vermögen ein. Als der einstige Abenteurer im Februar 1990 kurz vor seinem 86. Geburtstag verarmt in einem Münchner Krankenhaus (und nicht im Stadion) verstarb, titelte eine Münchner Zeitung: "Der Löwe ist tot."<BR><BR>Über ein Jahrzehnt lang stand der 1860-Präsidentenposten auch im Zeichen der Parteipolitik. 1969 übernahm Franz Sackmann das Amt, er war CSU-Staatssekretär und hatte keine glückliche Hand. Schon in seiner ersten Saison verabschiedete sich der TSV 1860 in die Zweitklassigkeit. Fortan galt die Losung: "Wir kommen wieder." Das Warten dauerte indes sieben lange Jahre. Ab 1974 versuchte sich dann der Parteifreund Erich Riedl. Dieser saß im Bundestag als Haushaltsexperte der CSU und warb im Wahlkampf mit dem Slogan: Wir bringen die Finanzen wieder in Ordnung. An dieses Versprechen hat sich Riedl beim TSV 1860 nur bedingt gehalten. Unter seiner Führung stieg das Fußballteam zweimal auf (1977 und 1979) und zweimal ab (1978 und 1981). Im Bundestag musste sich Riedl vom SPD-Polemiker Herbert Wehner beschimpfen lassen: "Sie Absteiger, Sie!" Am Ende drückten den Verein acht Millionen Mark Schulden - die Folge war der Zwangsabstieg ins Amateurlager. Ein Desaster.<BR><BR>"Sie Absteiger, Sie!"<BR>Herbert Wehner zu Erich Riedl</P><P>Der Neuanfang war bescheiden, als Präsident fand sich nur ein Mann mit - in Löwen-Kreisen - eher verpönter Vergangenheit: Richard "Ritschie" Müller wirkte dereinst als Physiotherapeut beim Erzfeind FC Bayern. Der evangelische Laienprediger war aber durchaus leutselig und populär. Am Ende seiner Amtszeit (1982 - 84) erklärte er: "Auch ich habe Schwächen und Fehler gemacht. Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir und Ihnen hoffentlich auch."<BR><BR>Am tristen Aufenthalt in der Bayernliga konnte aber auch der Bauunternehmer Karl Heckl (1984 - 1988) nichts ändern. Der schwerreiche Lebemann bereicherte die Münchner Schickeria mit seiner Lebensgefährtin Beatrice Prinzessin von Anhalt (zuvor hieß sie Maria Thurnhuber) und seinem Lebensmotto: "Barfuß oder Lackschuhe." Mehrwöchigen Fastenkuren ließ er meist rauschende Festtage folgen, den Spielraum des Münchner Nachtlebens wusste der Besitzer von 6000 Wohnungen wohl zu nutzen. Legendär war auch der Rausschmiss des Trainers Popescu. Diesem sagte er auf der Weihnachtsfeier: "Wir haben zwar 6:0 gegen Ingolstadt gewonnen - aber Sie sind entlassen." Heckl verpulverte Millionen. Am Ende seiner Präsidentschaft beklagte er "Enttäuschungen am laufenden Band". Im April 1988 trat der frustrierte Heckl zurück, im Sommer gleichen Jahres erlag er einem Herzinfarkt.<BR><BR>Mit Liselotte Knecht (1988 - 1992), die aus der Turnabteilung nachrückte und als eiserne Lady galt, kehrte wieder lang vermisste Solidität ein. Mit Hilfe von Manager Helmut Schmitz, einem Ex-Fußballer, ging es nun auch sportlich wieder aufwärts.<BR><BR>1991 kehrte der TSV 1860 in die Zweite Liga zurück, die Aufstiegsfeier fand im Gasthof Hinterbrühl statt. Der Wirt, ein stämmiger Mann mit bajuwarischer Aufmachung, hielt sich damals lächelnd im Hintergrund; und als wegen Überschreitung der Sperrstunde die Polizei erschien und der Trainer Wettberg mächtig schimpfte, war er ganz verschwunden.<BR>Bei dem unscheinbaren Gastronomen handelte es sich um Karl-Heinz Wildmoser, ein Jahr später schon hatte er bei den Löwen das Sagen. Der Verein etablierte sich alsbald in der Bundesliga, das Ehrenamt verwandelte Wildmoser in eine weithin schillernde Figur; er wurde so prominent, dass sein Sturz nun seit Tagen mindestens so wichtig genommen wird wie eine Regierungskrise. Kein leichtes Erbe für den Metzgermeister Karl Auer aus Holzkirchen.<BR></P>

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