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Einmal Löwe, immer Löwe: Mit 25 Toren in 67 Bundesliga-Spielen stieg Olaf Bodden in den 90ern zur Legende auf. 

1860-Legende wird 60

Ein Löwe im Rollstuhl - Bodden leidet an Pfeifferschem Drüsenfieber

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Heute ist es mal wieder soweit. Karsten Wettberg wird einen Umschlag mit 1000 Euro einstecken, von seinem Wohnort in der Holledau in den Münchner Osten fahren und dort Olaf Bodden besuchen, den seit den 90er-Jahren schwerkranken Ex-Torjäger des TSV 1860. „Das mache ich alle zwei, drei Monate so“, berichtet Wettberg: „Immer, wenn ich wieder was gesammelt habe, bringe ich es dem Olaf vorbei. Ist doch eine Selbstverständlichkeit.“

 Eine Löwenlegende hilft der anderen – auch das ist 1860. Dazu wird Wettberg heute Blumen im Gepäck haben, denn ein anderes Ereignis ist noch wichtiger als die Übergabe der Spendengelder: Bodden wird 50 Jahre alt. Es soll ein freudiges Treffen werden. Eines, an dem Boddens unfassbare Leidenszeit mal etwas in den Hintergrund rückt.

Kulttrainer Wettberg zählt zu den treuen Besuchern, die der an den Rollstuhl gefesselte Bodden in seiner Truderinger Wohnung empfängt. Zusammen mit Boddens Tochter, die quasi um die Ecke wohnt. Auch eine Abordnung um Ex-Torhüter Michael Hofmann war kürzlich da, um einen Scheck über 10 000 Euro zu überreichen. Einen Besuch der Presse lehnt der Jubilar dagegen ab. Ebenso ein Interview, dasnichtden TSV 1860 zum Inhalt hat. „Tut mir sehr leid“, sagt Bodden ins Telefon: „Ich habe den Entschluss schon vor Jahren gefasst und bin da absolut konsequent. Es ist so viel über mich berichtet worden, aber nie richtig über meine Krankheit. Irgendwie kann ich’s ja verstehen, denn es würde Monate dauern, sich da seriös einzulesen.“

Die Kurzfassung ist die, die auch Spezl Wettberg nicht anders schildern kann. 1996, auf dem Höhepunkt von Boddens Bundesligakarriere (25 Tore bei 67 Einsätzen für die Löwen), erkrankte der baumlange Stürmer an Pfeifferschem Drüsenfieber. Der Heilungsprozess verlief schleppend. Der geschlauchte Stürmer mühte sich im Mai 1997 zu einem kurzen, spektakulären Comeback (drei Tore gegen Bielefeld). Doch danach wurde alles nur schlimmer: Chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS). Die Vorstufe zur Hölle, der sich Bodden seit nunmehr zwei Jahrzehnten ausgesetzt sieht.

Das Karriereende im Alter von 29 Jahren war unausweichlich. Noch steiler bergab mit seinem Immunsystem ging es aber, als Bodden in seiner Verzweiflung an einer Studie der Berliner Charité teilnahm. Ein aus Norwegen stammendes Krebspräparat versprach Linderung, bewirkte aber das Gegenteil. „Einer der zehn Probanden ist meines Wissens gestorben“, sagt Wettberg und schildert, wie sich Bodden heute fühlt: „Als hätte er eine nie endende Grippe. Kopfweh, Abgeschlagenheit, das volle Programm. Er wünschte, es wäre bei den Symptomen des Drüsenfiebers geblieben, doch dieses in Deutschland nicht zugelassene Mittel hat alles dramatisch verschlechtert.“

Die tragische Folge ist, dass der einst so furchteinflößende Angreifer zum Pflegefall geworden ist. Er ist bettlägerig, abgemagert, alles strengt ihn an. Ein Zeichen seiner inneren Stärke ist, dass er sich nie aufgegeben hat – und immer noch Strohhalme findet, an die es sich zu klammern lohnt. „Er lebt ja gewissermaßen im Internet“, berichtet Wettberg: „Seine aktuell größte Hoffnung ist ein Mittel aus den USA – das allerdings würde 180 000 Euro kosten.“ Man ahnt, dass eine deutsche Krankenkasse eher keine Zuschüsse gewähren würde. Die Spendenbereitschaft der Löwen-Familie hilft ihm – und tut auch seiner Seele gut.

Nie endende Grippe

Die Fans verehren Bodden wie eh und je. Bei einem Benefizspiel im Herbst 2013 wurde er vor 3500 Zuschauern auf einer fahrbaren Liege ins Grünwalder Stadion geschoben, es war ein mehr als emotionaler Abend – und nicht nur beim bekennenden Bauchmenschen Reimund Callmund kullerten Tränen. Von Thomas Häßler bis Rudi Völler – alle nehmen Anteil an seinem Schicksal. Wenn überhaupt etwas positiv ist an Boddens Geschichte, dann die Tatsache, dass er nicht in Vergessenheit geraten ist.

Umgekehrt ist es genau so. Über seine Krankheit will er bekanntlich nicht sprechen. Dafür umso lieber über seine Löwen, die als Parallele einen langen, sportlichen Leidensweg hinter sich haben. Hat er Hoffnung, dass der Weg des Regionalliga-Tabellenführers wieder nach oben führt? Bodden räuspert sich. „Ich hab ja das Derby am Sonntag im Fernsehen gesehen – das war gar nichts“, lautet sein vernichtendes Urteil. Besonders die Einstellung gab ihm zu denken – auch im Hinblick auf die Aufstiegs-Relegation. „Mit so einer Leistung brauchen sie da nicht anzutreten“, sagte er: „Da kommen sie komplett unter die Räder.“

Schonungslose Analysen wie diese sind es, die Wettberg bei 1860 vermisst. Er sagt: „Olaf hat ein hohes Maß an Sportkompetenz – und ein natürliches Durchsetzungsvermögen. Er wäre genau der Typ gewesen, der uns im Managerbereich gefehlt hat.“

Was Wettberg seinem Freund zum „Fuchzger“ wünscht, ist unschwer zu erraten: Eine Therapie, die anschlägt – damit der dann genesene Bodden mithelfen kann, dass auch die gemeinsame weißblaue Liebe wieder auf die Beine kommt.

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