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Ziffzer: „Eine Lernkurve ist nicht erkennbar“

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Streitbarer Sparminister: Stefan Ziffzer. © dpa

München – Stefan Ziffzer (60) war von April 2006 bis Mai 2008 Geschäftsführer des TSV 1860. Im Interview spricht er über schlechte Löwen-Zahlen, Investor Ismaik und den Reiz einer Rückkehr.

In die Vereinsgeschichte ging der Sanierer ein durch den Verkauf der Stadionanteile an den FC Bayern (für 11,7 Mio. Euro), durch seine Auseinandersetzung mit Ex-Präsident Albrecht von Linde, gipfelnd in Ziffzers legendärem Abschiedsgruß („Der Fisch stinkt immer vom Kopf“). Ziffzer, der heute wieder als Unternehmensberater arbeitet, steht im Rückblick aber auch für geordnete Finanzen – auch wenn sich viele Löwen-Fans damals mehr Mut zum Risiko gewünscht hätten (Stichwort Michael Thurk). Wir sprachen mit dem Finanzexperten über die jüngste Zahlenveröffentlichung seines früheren Arbeitgebers: 6,3 Millionen Euro Verlust bei einer Gesamtleistung von 19,8 Mio.

Herr Ziffzer, verfolgen Sie noch das Geschehen bei Ihrem Ex-Klub?

Ja, klar.

Haben Sie auch einen Blick auf den am Dienstag veröffentlichten Geschäftsbericht für die Saison 2011/12 geworfen?

Nein. Ich habe bloß die Zahlen gelesen und mich leicht gewundert.

Worüber speziell?

Darüber, dass die Verluste schon extrem hoch waren.

Obwohl ja diesem Geschäftsjahr der Einstieg des Investors Hasan Ismaik vorausgegangen war.

Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Wenn der Investor ein Darlehen gibt, dann heißt das ja nicht, dass dadurch der Verlust reduziert wird. Das wäre nur der Fall gewesen, wenn er dem Verein das Geld geschenkt hätte. Durch das nachrangige Darlehen des Investors ist der Verlust finanziert. Dadurch entsteht kein Loch in der Kasse. Und nur das ist es, was bei der DFL zählt. Alles außer der Liquidität interessiert die nicht.

Klingt, als wäre letztlich geschickt mit den Zahlen jongliert worden.

Weiß ich nicht. Normal, würde ich sagen. Es war auf jeden Fall keine Hexerei.

Sie waren nach dem Abstieg 2004 der erste Funktionär, der den Finger in die Wunde gelegt hat. Fühlen Sie sich im Nachhinein bestätigt?

Naja. Wir haben ja zu meiner Zeit Pressekonferenzen gemacht, wo alle sehr zeitnah und detailliert die Bilanz kennen lernen durften. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir – egal aus welchen Gründen – zwei Jahre hintereinander mit plusminus Null abgeschnitten. Dazu kommt: Wir hatten noch alle deutschen Talente am Start (u.a. Sven und Lars Bender, Timo Gebhart/Red.). Das hat sich ja inzwischen ein bisschen geändert. Jetzt ist kein Geld mehr da – und kein einziges Talent.

Wann wurden aus Ihrer Sicht die entscheidenden Fehler gemacht?

Wenn man glaubt, einen der beiden Bender auf die Tribüne setzen zu müssen, um ihn fortzuekeln, dann kann das ja nicht so richtig gewesen sein. Damit ging es los. Und die Leute, die bei uns geglaubt haben, genau hinschauen zu müssen, die haben danach weggeschaut. Also die Kontrolleure und alle, die gedacht haben, sie wissen, wie es geht.

Viele von ihnen wirken ja auch heute noch im Hintergrund mit.

Klar. Eine Lernkurve ist da nicht unbedingt erkennbar. Und noch ein Satz zum Investor: Ich kenne Herrn Ismaik nicht, aber das hat auch nichts mit interkulturellen Unterschieden zu tun, sondern mit dem Grundgesetz: „Wer zahlt, schafft an.“ Das ist in der ganzen Welt so.

Könnten Sie sich vorstellen, in der veränderten Konstellation als Geschäftsführer zu arbeiten?

Das würde ich dann machen, wenn ich wüsste, dass es zwischen dem Investor, dem Präsidenten und dem Geschäftsführer eine gemeinsame Linie gibt, also wie bei Koalitionsverhandlungen. Alles andere hat keinen Sinn. Denn wenn sich diese drei Seiten einig sind, dann kann man mit Geduld und einer gewissen Sensibilität eine Stabilisierung reinkriegen. Ich habe das Gefühl, dass jetzt schon wieder aus dem Hinterfeld geschossen wird. Starke Leute wollen sie nicht, gute Leute wollen sie erst recht nicht. Ich weiß nicht, was sie wollen.

Steht und fällt das ganze Finanzgebilde immer noch mit den hohen Arena-Kosten?

Ich glaube, dass das nach wie vor ein erheblicher Bestandteil ist. Ich weiß nicht, was man da in der Zwischenzeit nachverhandeln konnte, insbesondere was die Cateringkosten angeht. Uns gegenüber hatte sich ArenaOne damals insofern mies verhalten, als wir schon eine mündliche Einigung hatten, die man dann aber nicht einhalten wollte. Egal. Ich verstehe die Verluste nicht. Ich habe das Gefühl, dass der Etat in den letzten zwei Jahren durch teilweise überteuerte Spieler belastet wurde, Rukavina, Rakic und wie sie alle heißen.

Haben Sie sich denn in letzter Zeit mal ein Spiel der Löwen angeschaut?

Ich war gegen Dortmund im Stadion. Da war die Stimmung toll, die Abwehrleistung super – aber der Versuch nach vorne zu spielen war so, dass es einem fast schlecht geworden ist beim Zuschauen. So ein Spieler wie Daniel Halfar fehlt halt. Nur mit Arbeitern kommt man nicht an die Spitze. Acht Tore in zwölf Spielen sprechen ja für sich.

Kann man davon ausgehen, dass die jüngere Vereinsgeschichte anders geschrieben worden wäre, wenn Sie sich damals nicht zu Ihrem legendären Ausspruch gegenüber Präsident von Linde hätten hinreißen lassen?

Die Aussage würde ich heute genauso wiederholen. Die Zusammenarbeit mit dem damaligen Präsidium war eine Zumutung. Da war die Frage nur, wer von beiden frühzeitig geht. Zusammen hätte das niemals funktionieren können. Ich arbeite jetzt wieder auf anderer Ebene mit Leuten zusammen, die damals Geld gegeben hätten. Die aber damals gesagt haben: Das machen wir nur, wenn Leute unseres Vertrauens am Ruder sind. Nichts anderes als das, was der Ismaik auch fordert. Das hat dieser Wahnsinnspräsident von Linde aber nicht verstehen wollen – oder nicht verstehen können.

"Einer wie du und ich": Die wichtigsten Fakten zu Löwen-Investor Ismaik

Ist 1860 für das Kapital überhaupt eine überlegenswerte Adresse?

Ich habe immer gesagt: 1860 muss attraktiv werden für Leute mit Geld. Es ist leider ein Geldgeschäft. Dazu kann dann die Leidenschaft kommen, aber umgekehrt funktioniert es nichts. Es muss eine Basis da sein, der Verein muss ein Netzwerk haben, und das hat er eben in all den Jahren aus verschiedensten Gründen nicht hinbekommen.

Ismaik dürften solche Aussagen gefallen. Der Headhunter, mit dem der Verein einen neuen Geschäftsführer sucht, hat sich aber noch nicht bei Ihnen gemeldet, oder

?

Nein.

Wären Sie denn gesprächsbereit?

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass 1860 eine faszinierende Aufgabe ist. Und dass es wenige Vereine in Deutschland gibt, die ein solches Arbeitsumfeld bieten. Aber noch mal: Voraussetzung ist, dass sich die Leute, die dort wirklich Entscheidungen treffen können, einig sind. Wenn man das Gefühl hat, das geht nicht, weil dem einen die Nase des anderen nicht passt oder weiß der Kuckuck was, dann braucht man überhaupt nicht anzufangen. Egal, wie man es sieht: Ohne den Investor wird man noch Jahre nicht auskommen, und diese öffentlichen Drohgebärden, wo auch immer die herkamen, die bringen einen am Ende nicht weiter.

Das Gespräch führte Uli Kellner

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