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Eingewechselte Erkenntnisse

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Von wegen zweikampfschwach: Beda im Luftkampf mit Hertha-Profi Nicu. © sampics

München - Hertha-Spiel stärkt Lienens Vertrauen in Beda: „Ohne ihn war Polen offen“ – Ersatz für Lovin holt 1860 erst im Winter

Ewald Lienen kokettiert gerne mit dem Image, „dass ich zum Lachen in den Keller gehe“. Dabei hatten die Löwen selten einen Trainer, der so wohltuend selbstironisch sein kann. Einen weiteren Beleg dafür lieferte er bei der Pressekonferenz vor dem Heimspiel gegen Paderborn, als ihn ein Reporter fragte, wie er gegen die Euphorie angehen wolle, die nach dem Pokalerfolg über Hertha BSC zu schädlicher Selbstzufriedenheit führen könne. „Welche Euphorie?“, fragte Lienen zurück. „Die hab ich doch schon im Spiel runtergezogen.“ Mit seinen Wechseln, für die er sich hinterher öffentlich geißelte.

Lienens schonungslose Selbstkritik war auch zwei Tage nach dem glücklichen Achtelfinaleinzug ein großes Thema. Eine Boulevardzeitung hatte die Frage aufgeworfen, ob ein Chef Fehler zugeben dürfe, doch Lienen ließ keinen Zweifel daran: Er würde jederzeit wieder so handeln. „Das hat mit einer Grundeinstellung zu tun, mit einer Philosophie“, dozierte der Trainer. „Wenn ich von einem Spieler Selbstkritik erwarte, kann ich mich selber nicht außen vor lassen.“

Die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen, sei lobenswert „mannhaft“ und generell im Leben „der erste Schritt zur Verhaltensänderung“. Lienen ist überzeugt, dass das in der Mannschaft genauso gesehen wird: „Natürlich hab ich mich nicht hingestellt und gefragt: Na, wie fandet Ihr mich?“ Den Eindruck, dass es ihm als Schwäche ausgelegt wird, hat er jedoch nicht gewonnen. „Mit einem Autoritätsverlust hat das nichts zu tun“, sagt er. Und überhaupt: „Auf eine Autorität, die man nur kraft seines Amtes, aber nicht kraft seines Verhaltens hat, kann ich gerne verzichten.“ Schon in der düsteren Stimmung nach der Aachen-Niederlage hatte er der Reporterrunde beschieden: „Ich habe so ein breites Kreuz, das können Sie sich gar nicht vorstellen!“

Abgesehen davon habe er am Mittwoch „wertvolle Erkenntnisse gewonnen“. Zum Beispiel diese: Mate Ghvinianidze , der rustikale Innenverteidiger, taugt nicht als Alternative fürs Mittelfeld. Und Mathieu Beda, der wegen Rückenschmerzen für den Georgier weichen musste, ist nicht so schlecht, wie er oft gesehen wird. Der Bruch, den Lienen mit dieser Auswechslung verursacht hat, sei letztlich ein Kompliment für den Franzosen, „der zwar nicht jeden Zweikampf gewinnt, aber durch sein Stellungsspiel und seine Präsenz die Räume für den Gegner eng macht“. Lienen sieht es so: „Dass wir 60, 70 Minuten sehr gut gestanden sind, hatte auch mit taktischem Verhalten zu tun.“ Nach der Hereinnahme von Ghvinianidze, dem „nominell besseren Zweikämpfer“, sei „Polen offen“ gewesen.

Lienen hat beschlossen: Er will Beda und Sascha Rösler das Vertrauen geben, „vielleicht können sie in diese Rolle hineinwachsen“. Auch der Brasilianer Marcos Antonio reife allmählich zu einer Option heran, „allerdings eher im linken offensiven Mittelfeld“. Der Idee, jetzt noch einen Nothelfer wie Didi Hamann oder Johann Vogel zu verpflichten, erteilt der Coach eine endgültige Absage, obwohl der Pokal-Coup unerwartete 500 000 Euro in die Kasse gespült hat. „Es bringt nichts, jetzt einen Spieler zu holen, von dem man nicht hundertprozentig überzeugt ist und der lange nicht gespielt hat“, findet Lienen. „Es ist sinnvoller, das in aller Ruhe in der Winterpause anzugehen.“ Mit Florin Lovin, der am Kreuzband operierten Stammkraft, rechnet der Trainer erst wieder im Mai , wenn die Löwen die Saison mit Freundschaftsspielen ausklingen lassen.

Und noch eine Erkenntnis hat Lienen unter der Woche gewonnen: „Die zweite Liga wird immer stärker, das zeigen auch die Pokalergebnisse. Das Niveau hat sich in den letzten zehn Jahren unheimlich verbessert.“ Kein Vergleich mehr zu früher, als der Trainer noch selbst aktiv war – und Gerüchten zufolge zum Lachen in den Keller ging.

Uli Kellner

TSV 1860 – Paderborn

Anstoß: Sonntag, 13.30 Uhr, Allianz Arena.

TSV 1860: Kiraly – Rukavina, Felhi, Hoffmann, Holebas – Ignjovski, Beda – Kaiser, Camdal – Cooper, Lauth.

Paderborn: Masuch – Gonther, Mohr, Holst, Schachten – Krösche – Guié-Mien, Alushi, Brückner – Saglik, Manno.

Schiedsrichter: Willenborg (Osnabrück).

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