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Erst reden, dann stürmen

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München – Leihgabe Marvin Pourie (18) bietet sich beim TSV 1860 für das Gastspiel in Duisburg als zweite Spitze an

Wenn die Spieler des TSV 1860 vom Trainingsplatz zum Kabinentrakt gehen, haben sie selten viele Hindernisse zu überwinden. Ein paar Fans wollen vielleicht ein Autogramm, manchmal muss man für ein Foto posieren oder ein Interview geben, aber viel Zeit vergeht zwischen Auslaufen und Duschen selten. Bis vor kurzem war es so, dass die jungen Spieler besonders zügig durchmarschierten. Die Benders, Johnsons, Gebharts, Schäfflers wurden vor den Reportern abgeschirmt, vornehmlich aus pädagogischen Gründen. Marco Kurz hat zu viele Sternchen erlebt, die zu schnell zu hoch gejubelt wurden. Er predigt den behutsamen Aufbau, doch neuerdings erntet er intern Widerspruch. Nun heißt es: „Wer sich die eigene Haut verbrennt, wird erwachsen.“

Miroslav Stevic hat das diese Woche gesagt und damit verdeutlicht, dass man in einer Männerbranche wie dem Profifußball Talente nicht immer nur in Watte packen sollte. Das sind neue Töne bei den Löwen. Erfrischende Offensive war in den letzten Jahren kein wesentliches Merkmal, weder auf dem Platz noch außerhalb. „Es gab und gibt kein Sprechverbot“, sagt Kurz zwar, aber natürlich stimmt das nicht. Zu regelmäßig hat man erlebt, wie Jungprofis vor den Medien abgeschirmt wurden.

Einen Konflikt zwischen Trainer und Sportdirektor gibt es deswegen noch nicht, aber unterschiedliche Denkschulen sind nicht zu übersehen. Wer sich in dieser Frage auf lange Sicht durchsetzt, wird sich womöglich am Beispiel des Angreifers Marvin Pourie (18) beobachten lassen. Der Neuzugang, in der Winterpause von Schalke 04 ausgeliehen, hatte am Freitag eine etwas längere Begegnung mit den Medienvertretern.

Im Übungsspiel hatte er ein Leibchen getragen, was manchmal ein Indiz für einen Platz in der Starelf ist (aber nicht sein muss). Für den Junioren-Nationalspieler spricht, dass er sich bei 1860 schnell eingelebt hat, im Training einen guten Eindruck hinterlässt – und dass die Konkurrenz überschaubar ist. Weder Manuel Schäffler noch Sascha Rösler konnten an der Seite Benjamin Lauths zuletzt überzeugen. Kurz nennt vor diesem Hintergrund Pourie schon für das Spiel am Sonntag in Duisburg „mit Sicherheit eine Alternative. Marvin ist ein Spieler, den Du reinschmeißen kannst.“

Dank der neuen Transparanz weiß man auch schon, wie Pourie auf diese Aussicht reagiert. „Tierisch freuen“ würde er sich, diktierte er den Reportern, und ganz bestimmt „den Arsch aufreißen“, wenn er seine Chance bekäme. Dass es bislang noch nicht zu mehr als einer Viertelstunde beim Pokalspiel in Hamburg gereicht hat, führt er auf das Verletzungspech der Kollegen in Mainz (Beda/Sven Bender) und gegen Ahlen (Bierofka/Danny Schwarz) zurück, das den Trainer zu umfassenden Umbauten genötigt habe. Für ihn war danach keine Verwendung mehr. Insgesamt aber gilt: „Ich find’s super bei Sechzig.“

Seit Dienstag sind auch noch die Eltern in München. Gemeinsam hat man eine 100-Quadratmeter-Wohnung angemietet, praktischerweise nur ein paar Minuten vom Trainingsgelände entfernt. Die Suche auf dem gefürchteten Münchner Markt verlief reibungslos, was vor allem damit zusammenhängt, dass die Vormieter Lars und Sven Bender heißen. Nach dem Auszug des WG-Partners Timo Gebhart war ihnen die Wohnung zu groß geworden.

All diese Details wären in Zeiten, als 18-Jährige noch nicht reden öffentlich durften, kaum bekannt geworden. Pourie machte nicht den Eindruck, als habe ihm der Plausch geschadet. Sein Trainer wird ihn dennoch im Auge behalten. Für die Zukunft kündigt Kurz an: „Wir werden weiterhin steuern, wer wann was sagt.“

von Marc Beyer

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