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Ewald Lienen: „Ich musste das Herz neu konstruieren“

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„Jeder ist nur ein Teil von 1860“: Das sagt Trainer Ewald Lienen, der Einzelinteressen dem noch „ellenweit“ entfernten Aufstiegsziel unterordnet. © dpa

München - Der Löwen-Trainer über den schwierigen Saisonstart, den mentalen Wendepunkt und Lauths überwundene Krise

-Ewald Lienen, sind die zuletzt guten Ergebnisse des TSV 1860 ein Beispiel dafür, dass kontinuierliches Arbeiten irgendwann zum Erfolg führt?

Ich weiß nicht, ob das generell so ist. Es hat bei uns eine Weile gedauert, nach wesentlichen personellen Ausfällen ein neues Gleichgewicht zu finden. Zusätzlich haben wir uns gestrafft und versucht, jedes kleinste Prozent heraus zu holen: Arbeitsbereitschaft, Aggressivität, Fitness – alles. Wir haben in den letzten zwei Monaten wirklich alles dafür getan, um auf die Erfolgsspur zu kommen.

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-Es gab ja einige kritische Phasen, auch Ihre Person betreffend. Glauben Sie, dass Sie noch im Amt wären, wenn der Verein Geld für einen Trainerwechsel gehabt hätte?

Da bin ich überfragt. Das ist aber auch unwichtig für mich. Ich bin Trainer und das seit vielen Jahren, da habe ich jede Situation schon mal erlebt. Solche Gedanken mache ich mir nicht. Ich denke eher: Wie ist der aktuelle Stand? Wo gibt es die Möglichkeit, einzugreifen? Was kann man noch zusätzlich tun, bei der Mannschaft und bei mir selber? Das ist die einzige Chance, die du hast, und irgendwann wird das auch belohnt. Wenn du in eine andere Richtung denkst, dann kannst du gleich aufhören.

-War der Derbyerfolg gegen Augsburg Ihr schönstes Erlebnis mit den Löwen? Hat er für die schwierigen Wochen im Herbst entschädigt?

Nein. Wir sind einfach nur erleichtert, von ganz unten weg zu sein, aber schön ist etwas anderes. Wir sind nach wie vor weit von dem entfernt, was wir uns wünschen. Der positivste Moment war eindeutig der Sieg in Bielefeld. Das war endlich mal eine Belohnung für die ganze Arbeit, für unsere Geduld, den Willen und die Konzentration. Jeder hat da gesehen: Wir sind nicht nur in der Lage, glücklich ein Spiel zu gewinnen, sondern auch verdient gegen die damals beste Mannschaft. Das war der Knackpunkt für alle, auch mental.

-Gab es einen weiteren Moment, der zu einem Mentalitätswandel geführt hat? Die Maßnahme nach dem 0:1 gegen Lautern vielleicht, als Sie den Spielern die Freizeit gestrichen und eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Beruf angeordnet haben?

Das war ein ganz wichtiger Punkt. Wenn man in einer Situation ist, in der die Ergebnisse nicht kommen, muss man die letzten Register ziehen, das haben wir gemacht. Von diesem Moment an hat jeder gesehen, dass es nach vorne geht.

-Es scheint, als würden Sie das Ganze jetzt lockern.

Der Sonntag nach dem Augsburg-Sieg war frei, am Montag nur einmal Training, zur Mittagszeit. Das haben wir gemacht, um Zeit zu gewinnen. Normal wäre gewesen, sonntags zu regenerieren und montags frei zu machen. Wenn man ein gewisses Niveau erreicht hat, muss man nicht immer weiter in die Kerbe hauen, sonst wird das irgendwann kontraproduktiv. Dann fehlt dir die Power für die Spiele.

-Hat nicht nur die neue Mannschaft, sondern auch der Trainer Lienen Zeit gebraucht, um sich bei 1860 einzugewöhnen?

Glaube ich nicht. Wenn man in einer ganz neuen Truppe zusammenkommt, braucht das einfach Zeit. Vieles hängt auch damit zusammen, dass wir mit Florin Lovin und Lars Bender einen großen Aderlass hatten. Da musste ich das Herz der Mannschaft neu konstruieren, und das hat nicht immer funktioniert.

-Sie haben aufgehört, Führungsspieler öffentlich zu kritisieren. Weil es Hinweise aus der Mannschaft gab, bei der das nicht gut angekommen ist?

Öffentliche Kritik an Führungsspielern übe ich, wenn die interne Kritik über einen längeren Zeitraum nicht fruchtet. Ich denke, dass das unglaublich wichtig war, damit alle wissen, was ich verlange. Das hat aber nichts mit jung und alt zu tun, im Gegenteil: Führungsspieler sind viel wichtiger, und wenn die nicht in der Spur sind, bleibt mir gar nichts anderes übrig.

-Sie würden Benny Lauth also wieder vor der Pause vom Platz holen wie in Frankfurt?

Nein, früher. Ich würde ihn früher vom Platz holen.

-Wie haben Sie Lauth nach dieser Kränkung wieder in die Spur gebracht?

Ich war genauso gekränkt. Der ganze Verein war gekränkt, die Fans sowieso. Wir müssen mal damit aufhören, die Einzelpersonen so hervorzuheben, das ist absolut lächerlich. Jeder ist nur ein Teil von 1860, und entsprechend haben wir uns zu verhalten. Aber: Der Benny hat absolut professionell reagiert. Da bin ich stolz auf den Jungen, wie er sich aus dieser Krise herausgearbeitet hat. Er hat gemerkt, dass es nicht gegen ihn persönlich ist, sondern für 1860. Und letztlich auch für ihn. Wenn ich einen Spieler frühzeitig auswechsle, dann nicht um ihn zu demontieren, sondern um auf dem Platz etwas zu korrigieren, damit wir in diesem Spiel eine größere Erfolgsaussicht haben.

-Sie setzen jetzt mehr auf Erfahrung und auf eine feste Achse an Spielern. Warum erst so spät?

Ich habe gar nicht so viel experimentiert, wie überall behauptet wird. Im Tor hat immer Gabor Kiraly gespielt, rechts Rukavina, links Holebas, davor Ignjovski und vorne Lauth. Dass rechts oder links mal der und mal der gespielt hat, hatte unterschiedliche Gründe. Und dass Sascha Rösler seit Bielefeld in der Mannschaft ist, hängt damit zusammen, dass er immer an sich gearbeitet und nie aufgegeben hat. Er hat auch davon profitiert, dass sich Kenny Cooper verletzt hat, denn ich wollte nicht schon wieder einen superjungen Spieler reinwerfen. Es ist fürs Gefüge einfach wichtig, dass man nicht nur die Olympiade der 18- bis 20-Jährigen auf dem Platz hat.

-Provokative Frage: Spielt Peniel Mlapa wieder regelmäßiger, wenn er einen langfristigen Vertrag unterschreibt?

Wie kommen Sie darauf?

-Sein Vertrag läuft 2011 aus, und auch bei Johnson hieß es damals: Tribüne oder neuer Vertrag!

Das hat damit nichts zu tun. Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, ist es nun mal sinnvoller, dass man eher die älteren, gestandenen Spieler ins Getümmel wirft als die jungen. Unsere Talente mögen punktuell ihre Leistung gebracht haben, aber es ist normal, dass sie noch nicht diese Konstanz und mentale Stärke an den Tag legen. Völlig klar ist aber auch, dass wir bei unserer Philosophie bleiben. Wir schicken doch keinen Spieler ein Dreivierteljahr auf die Bühne, der uns dann ablösefrei verlassen kann. Leider ist es für uns im Moment überlebenswichtig, manchmal einen Lars Bender abzugeben, um von der Ablöse überhaupt neue Spieler finanzieren zu können.

-Bedauern Sie es, dass nach dem Spiel in Berlin Winterpause ist – jetzt, da das Team gerade in Fahrt gekommen ist?

Nein. Ganz eindeutig nicht. Es ist Blödsinn, so zu tun, als hätten wir jetzt völlig zufällig einen Lauf, den wir im Januar nicht weiterführen könnten. Da wären wir ja arm dran. Es ist vielmehr so, dass die momentanen Ergebnisse das Produkt unserer Arbeit sind, und es liegt nur an uns, ob wir weiter erfolgreich sind.

-Wohin schielen Sie denn im Moment: Zum oberen oder zum unteren Relegationsplatz? Platz 3 und Platz 16 sind exakt neun Punkte entfernt.

Ich schiele auf das nächste Spiel, auf sonst nichts. Von Träumereien sind wir noch ellenweit entfernt. Für uns kann es nur darum gehen, die Konzentration beizubehalten – vor dem Spiel in Berlin, und ab Januar sowieso. Dann kann man sehen, wo die Reise hingeht. Ich sehe es so, dass wir weiter mit dem Rücken zur Wand stehen, denn wenn wir zuletzt nur zwei statt drei Siege geholt hätten, stünden wir einen Platz vor der Abstiegszone. Es verbietet sich, in anderen Kategorien zu denken. Das Einzige, was wir geschafft haben, ist das, was zum Überleben nötig war.

-Wie viele Verstärkungen holt der Verein in der Winterpause?

Das steht in den Sternen. Im Moment habe ich den Eindruck, dass wir auch mit dem aktuellen Kader erfolgreich sein können, aber klar wäre es wünschenswert, wenn fürs defensive Mittelfeld noch jemand dazu käme – und vielleicht für die Abwehr, wo uns Radhouène Felhi im Januar wegen des Afrika-Cups fehlen wird. Es ist ein dünnes Eis, auf dem wir uns bewegen. Wenn der Alexander Ludwig mal ausfällt, weiß ich nicht, wer das dann machen soll.

-Ludwig stellte kürzlich öffentlich fest, dass er sich in München unwohl fühlt, weil die Leute arrogant seien. Wie kommt es, dass er auf dem Platz so aufblüht?

(lächelt) Ich habe gehört, dass ihm am Tag nach seiner Klage ein höflicher Mensch die Türe aufgehalten wurde. Seitdem fühlt er sich supergut . . .

-Was passiert mit ausgemusterten Spielern wie Beda und di Salvo und Sorgenkindern wie Ghvinianidze, Benjamin Schwarz und Florian Jungwirth?

Das muss man sehen. Das ist keine öffentliche Diskussion wert. Genauso wenig kommentiere ich Namen, die als Zugänge gehandelt werden.

-Wie fällt Ihr persönliches Fazit nach einem halben Jahr in München aus?

Sehr, sehr gut. Ich bin mehr als positiv überrascht. Ich hab die Stadt ja nur vom Hörensagen gekannt, denn wenn ich als Gegner hier war, hat man irgendeine Hotelburg gesehen und sonst nichts. München ist eine wunderschöne Stadt, in der man sehr gut leben kann. Wir fühlen uns hier rundherum wohl.

-Dann spricht ja nichts gegen eine längere Ära Lienen, oder?

Warten wir mal die nächsten Wochen und Monate ab. Das ergibt sich, wenn der Erfolg da ist, und dafür werden wir weiterhin alles tun.

Das Interview führte Uli Kellner

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