1. Startseite
  2. Sport
  3. TSV 1860

Was sich ein Bayern-Fan und ein Löwen-Fan für 2017 wünschen

Erstellt:

Von: Ludwig Krammer

Kommentare

München - Was haben die Münchner Klubs noch gemein? Die tz traf einen Fan der Blauen und einen der Roten zum Doppelinterview über Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Sportlich trennen den TSV 1860 und den FC Bayern längst Universen, für ein gegenseitiges Aufziehen mit Unterhaltungswert mangelt es nach all den Jahren in verschiedenen Ligen schlicht an Berührungspunkten. Dass sich ein Blauer und ein Roter dennoch mit großem Vergnügen über Fußball unterhalten können, bewies die Interviewrunde der tz im Fugazi No 15 am Münchner Baldeplatz. 

Bei Tomatensuppe und Bruschetta trafen wir die beiden Münchner Schauspielerkollegen und Freunde Götz Otto (49, u.a. Der Morgen stirbt nie) und Thomas Darchinger (53, u.a. Willkommen bei den Hartmanns). Und nach einer spaßigen Stunde stand nicht nur fest, wer das nächste Champions-League-Finale gewinnen wird, sondern auch mit welchem fantastischen Slogan die Löwen demnächst die Welt erobern werden.

Servus, die Herren! 2016 ist Geschichte. Was ist aus fußballerischer Sicht hängengeblieben?

Götz Otto: Also von den Löwen nicht viel – zumindest nichts, an das ich mich gerne erinnern würde (zwickt die Augen zusammen). Allgemein gesehen hat der Profifußball auf dem Weg zu einer reinen Marketing- und Verkaufsmaschine nochmal einen großen Sprung gemacht. Die Spieltage werden mit dem neuen Fernsehvertrag noch weiter auseinandergerissen, es gab eine aufgeblähte EM in Frankreich, die FIFA-Pläne werden immer absurder. Mehr, mehr, meeehr – das ist es, was bei mir als Gesamteindruck bleibt.

Thomas Darchinger: Da kann ich mich nur anschließen. Was die UEFA und FIFA mit ihren Turnieren treiben, ödet mich eigentlich nur noch an. Aus der Vereinsperspektive gesehen, musst du simpel

null
tz-Redakteur Ludwig Krammer, Götz Otto und Thomas Darchinger.

gesagt halt schauen, dass du mindestens so viel Kohle akquirierst wie deine Konkurrenten – und da gibt es neben dem Fernsehgeld dann eben verschiedene Möglichkeiten: Investoren, strategische Partner, internationales Sponsoring und Merchandising – natürlich ist der Fan nur noch Kunde und Kulisse.

Mit Auswirkungen auf die eigene Begeisterungsfähigkeit?

Darchinger: Schon, ja. Auch der FC Bayern wird immer mehr zum autarken Kommerzbetrieb, der mich nicht mehr braucht – außer um Fanartikel zu kaufen. Das reine Eintrittsgeld spielt ja nur noch eine kleine Rolle beim Gesamtumsatz. Aber das ist jetzt nicht der einzige Grund, warum die Leidenschaft weniger geworden ist. Ich setze inzwischen einfach voraus, dass die mit diesem Kader ordentlich Fußball spielen. Leidenschaft hat ja oft auch mit der Angst zu tun, dass sie verlieren könnten, und diese Angst hab ich – zum Glück – nicht mehr so oft.

Bei Sechzig müsste die Leidenschaft demzufolge praktisch grenzenlos sein…

Otto: Müsste. Eigentlich. Wenn ich nach den Spielen halt nicht immer solche Nackenschmerzen hätte vom vielen Kopfschütteln…

Darchinger: Ned jammern, es geht doch bald aufwärts. Endlich hat der Ismaik seinen international erfahrenen Trainer bekommen. Und investiert wird auch, hab ich gelesen. 50 Millionen, 100 Millionen – also wenn da nix geht…

Otto: Jaja, schon klar. Ich muss die Fans nicht verstehen, die jetzt schon wieder über Spieler jubeln, die noch gar nicht da sind. Aber gut, das ist Sechzig. Das Traurige ist nur, wie diese Treue ausgenutzt wird. Aufstieg 2018, Europa wir kommen, halleluja! Klar will der Ismaik international spielen, das wollen der Hopp und der Mateschitz auch. Aber die reden nicht öffentlich drüber! Und sie mischen sich nicht andauernd ins Tagesgeschäft ein. Dafür gibt es Fachleute. Ismaik weiß zwar, wohin er will, aber er hat bestenfalls eine vage Idee, wie das gehen soll.

„Sechzig braucht einen wie Rangnick“

Meine Herren, Ismaik hat vielleicht nur vage Ideen, dafür hat er Berater.

Darchinger: Und die haben natürlich keinerlei eigene Interessen…

Otto: Nie gehabt.

Darchinger: Sechzig muss endlich eine verlässliche Struktur schaffen. Die brauchen einen wie Ralf Rangnick in Leipzig oder Jörg Schmadtke in Köln – einen, der weiß, was er tut, und das auch schon bewiesen hat. Aber offensichtlich ist die Struktur bei euch im Moment so chaotisch, dass dieser eine Mensch eben nicht kommt, der es draufhätte. Weil er keinen Bock auf den Sch…marrn hat.

Ian Ayre vom FC Liverpool soll der Mann sein.

Otto: Meinetwegen… Ich hab zwar keine Ahnung, was den von der Premier League in die deutsche Zweite Liga treiben soll, aber so what! Rüberkommen, anpacken! Ich lass mich gerne positiv überraschen.

Darchinger: Wenn Ismaik den Laden wirklich flottbekommt, dann sage ich Hut ab! Dann war das bisher eben die Lehrzeit, ein bissl lang, aber mei.

Otto: Ich frag mich nur, wofür Sechzig eigentlich noch stehen soll. Gut, wir sind wahrscheinlich weltweit der einzige Zweitliga-Klub, der eine internationale Presseerklärung produzieren kann. Aber sonst?

null
„Wir. Sind. Chaos.“ Ich sehe schon die T-Shirts!

Mit wem oder was soll ich mich als junger Fan noch identifizieren? Mit Ismaik? Mit Niederlagen gegen Würzburg und Sandhausen? 1860 steht seit den Siebzigerjahren für Underdog, für Leidenschaft, Kämpfen, dafür, aus wenig Möglichkeiten das Beste zu machen. Da sehe ich aber keine Gemeinsamkeiten mehr mit dem Sechzig von heute.

Alternativen?

Otto: Als 2005 die Glazer-Family Manchester United übernommen hat, gab es eine Fangruppierung, die aus Protest gegen den Verkauf ihren eigenen Verein gegründet hat (den FC United of Manchester, aktuell sechste Liga in England, d.Red.). Im Prinzip wäre das bei Sechzig auch längst angebracht. Nicht unter meiner Federführung, dazu fehlen mir die Leidenschaft und die Zeit. Aber ich wäre auf jeden Fall unterstützend dabei. Mein Traum ist eh eine Oide Liga, Fußball, wie er früher war, Traditionsvereine rein, der Rest kann sein Ding machen.

„Das Chaos zum Kult erheben“

Hach, wie romantisch (alle lachen)

Darchinger: Mir fehlt leider die Fantasie, wie man 1860 wieder zu einer Marke machen könnte, so wie zum Beispiel St. Pauli eine ist. Vielleicht wäre es ja eine Idee, dass ihr jeden zweiten Spieltag eine neue Persönlichkeit vorstellt. Bei jedem Heimspiel einen neuen Trainer zum Beispiel! Daraus könnte man schon ein Image kreieren.

Otto: Und was für eins! Aber die Trainernummer nutzt sich zu schnell ab. Was wir brauchen, sind mehr Positionen! Einen Supersportdirektor vielleicht. Und dazu noch einen Senior Vice Sportdirektor. Englisch kommt ja immer gut.

Darchinger: Das Chaos zum Kult erheben.

Otto: „Wir. Sind. Chaos.“ Ich sehe schon die T-Shirts! Aber dafür bräuchte es schon sehr viel Selbstironie. Um nicht zu sagen: Zynismus.

Darchinger: Und vor allem: Was macht ihr, wenn’s plötzlich seriös zugeht?

Otto: Eine sehr berechtigte Frage – also theoretisch jetzt.

Darchinger: Was mich im Positiven immer noch wundert bei 1860, ist diese Talentschmiede.

Otto: Ja, leider geht’s auch da bergab. Die U19 und die U17 spielen gegen den Abstieg. Und dieses sagenumwobene Jugendleistungszentrum ist schon lange nicht mehr auf dem neuesten Stand. Aber was mich neulich so richtig nachdenklich gemacht hat: Einige Jugendspieler sind Kumpels von meinem Sohn – die interessiert überhaupt nicht mehr, wie die erste Mannschaft spielt! So viel zum Thema Identifikation…

Darchinger: Die war bei Bayern vor zehn Jahren aber auch nicht so toll. Ich habe mir für mein damaliges Internet-Magazin Wir Elf in einer Folge mal die zehn-, elfjährigen Bayern-Spieler vorgeknöpft und über Karriereträume geredet. Da war keiner, der gesagt hat: Ich will mal Profi beim FC Bayern werden. Die wollten alle nur nach Barcelona, zu Real oder Manchester. Das hat sich total geändert. Der jetzige Kader ist im Vergleich mit dem vor zehn Jahren ein ganz anderes Kaliber, das ist das Beste, was Bayern je hatte. Und der Fußball hat seit Van Gaal eine klare, offensive Handschrift.

Otto: Man kann sich’s anschauen. Muss ich zugeben.

Darchinger: Ha! Aufschreiben! 

„Bayern gegen Leipzig war kein Gradmesser“

Kein Problem. Trotzdem hatte die Bayern-Hinrunde Dellen. Wie überraschend kam das 3:0 gegen Leipzig?

Darchinger: Ich find’s erstaunlich, was sie abrufen konnten. Das Tempo war schon beeindruckend – auch für Leipzig. Man hat gesehen, dass die eben doch noch kein Gegner auf höchstem Niveau sind. Von daher war das Spiel auch kein Gradmesser für die K.o.-Runde in der Champions League. Arsenal wird noch mal eine ganz andere Nummer.

So dürfte das auch Carlo Ancelotti sehen. Bringt er Bayern weiter?

Darchinger: Abwarten. Der Wechsel von Guardiola auf Ancelotti war natürlich schwierig. Bei Pep sind mir die Spieler am Ende überlastet vorgekommen, müde im Kopf. Und dann kommt als

null
„Vielleicht ist Ancelotti ja auch so ein Fuchs“

Nachfolger so ein alter, erfahrener Hase, der einen etwas entspannteren Ansatz hat. Wenn da dann Trainingsinhalte auftauchen, die manche Spieler vielleicht vor zehn Jahren schon hatten, dann ist es natürlich nicht leicht, dem Ganzen komplett zu vertrauen. Profisport ist ja nicht nur Talent und Willen, die letzten Prozent kommen durch Vertrauen. In den Trainer und in sein Konzept.

Und da fehlt’s?

Darchinger: In der Hinrunde hat Bayern oft von der individuellen Klasse der Spieler gelebt. Ich hatte bis zum Leipzig-Spiel nicht unbedingt das Gefühl, dass die schon genau wissen, was ihr Trainer eigentlich vorhat. Aber vielleicht ist der Ancelotti ja auch so ein Fuchs, dass er die nötigen Kicks erst dann gibt, wenn sie wirklich gebraucht werden. Wie gesagt: abwarten.

Otto: Und nicht vergessen: Die Abteilung Attacke ist wieder da.

Darchinger: Zum Glück! Uli Hoeneß ist nach wie vor das Herz und die Seele des FC Bayern. Ich bin kein großer Hoeneß-Fan mehr, aber er gibt dem Ganzen schon wieder ein Gesicht.

Und eine Stimme. RB Leipzig hat er gleich zum neuen Feind erkoren.

Darchinger: Wobei er die Wortwahl am nächsten Tag schon bereut hat.

Otto: „Die sollen alle mal nach Leipzig schauen“

Ist Leipzig der künftige Hauptkonkurrent?

Darchinger: Gut möglich. Auch Dortmund baut eine vielversprechende Mannschaft auf. Die anderen sollen sich bitte nicht beschweren, wenn ihnen der Titelkampf nicht spannend genug ist. Schalke, Wolfsburg und Leverkusen – einfach z’ bläd.

Otto: Die sollen alle mal nach Leipzig schauen. Ralf Rangnick muss man nicht mögen, man muss das ganze Ding nicht mögen, aber am Ende kommt etwas Funktionierendes dabei raus. Das Hauptproblem sehe ich bei denen in der Identifikation. Warum soll man sich emotional an diesen Klub binden? Bei Bayern kann ich es ja noch verstehen: Die sind seit Jahrzehnten in allem, was sie tun, erfolgsorientiert. Aber vielleicht zielt dieses Fandenken bei Leipzig auch völlig ins Leere. Nicht meine Baustelle.

Schönes Schlusswort eigentlich. Bleiben noch die Wünsche für 2017.

Darchinger: Das Champions-League-Finale gegen Real Madrid ungerechtfertigt mit 1:2 verlieren.

Bitte?

Darchinger: Ja, und mit dieser Motivation dann 2018 den Pott hochreißen!

Ja dann… Und welchen Pott soll 1860 hochreißen?

Otto: Pott? Ich will einfach nur keine Nackenschmerzen mehr haben.

Auch interessant

Kommentare