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Freibier und ein freier Sonntag

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- München - Im modernen Fußball wird ja so ziemlich alles in Zahlen ausgedrückt. So genannte Karachometer messen die Geschwindigkeit von Schüssen, Studenten zählen die torlosen Minuten von verhinderten Torjägern, was fehlt, ist eine nach oben offene Erleichterungsskala. Reporter behelfen sich gerne mit der Metapher des vom Herzen fallenden Steins (wahlweise auch Felsbrocken, Gebirge), aber das ist sehr unpräzise. In eine Formel zur Messung von Erleichterung müssten folgende Komponenten einfließen: Anzahl der Tage seit dem letzten Erfolgserlebnis, von den Fans erwartete Punkte, Quotient zwischen Saisonziel und aktuellem Tabellenplatz - und unbedingt auch der Bierdurst der Verantwortlichen. Nach dem 2:0-Sieg des TSV 1860 gegen Trier hätte das folgende Werte ergeben: Rechtschaffene Erleichterung bei Trainer Rudi Bommer ("Heute Abend trinke ich ein Weißbier, das habe ich mir verdient"), beträchtliche bis mittelgroße Erleichterung bei Präsident Karl Auer ("Bei mir wird ein Bier nicht ausreichen"). Sehr große Erleichterung bei den Spielern. Originalton von Vizekapitän Paul Agostino nach dem Schlusspfiff: "Heute lassen wir's richtig krachen!"

Es hätte schließlich auch schief gehen können. Die Mannschaft ging so unsicher und verkrampft ins Spiel, wie sie sich bei der Niederlage in Aue präsentiert hatte, der Druck des Gewinnenmüssens schien die Beine aller Spieler zu lähmen, und Trier wurde von Minute zu Minute frecher. Die Anfangseuphorie der Löwen-Fans war bereits in Ungeduld ungeschlagen, Unheil dräute, doch dann wuchs ausgerechnet der Mann über sich hinaus, auf dem nach seinen Patzern und der verwarnungspflichtigen Kollegenschelte von Aue der größte Druck lastete: Michael Hofmann. Trier hatte geflankt, Labak war aus kürzester Distanz frei zum Tor zum Kopfball gekommen, und was machte Hofmann? Er kratzte diesen Kopfball mit einem physikalisch kaum nachvollziehbaren Reflex von der Linie.

ofmann, der Hexer. Sollte dieses Spiel die Wende zum Guten darstellen, so hat der Torhüter einen ganz dicken Anteil daran, auch wenn er hinterher in aller Bescheidenheit anmerkte: "Ich bin an manchen Tagen hervorragend, an manchen habe ich Normalform, und ich habe zwei, drei Spiele pro Saison, wo ich eben Scheiße bin auf gut Bairisch." Am Freitag war Hofmann hervorragend, doch seine Geldstrafe wird ihm deswegen nicht erlassen. "Wir freuen uns, dass er das so gut weggesteckt hat, aber das eine hat mit dem anderen nix zu tun", sagte Boss Auer streng. "Das war eine Leistung, die wir von ihm erwarten."

Hofmanns Heldentat wäre jedoch nur die Hälfte respektive ein Drittel wert gewesen, hätte nicht auch ein anderer 1860-Profi Courage gezeigt. Marco Gebhardt, beim Pokal in Schöneiche nur auf der Bank, veredelte die Vorarbeit des Zunull-Keepers, indem er auf der anderen Seite des Ergebnisses die Null verhinderte. Der Neuzugang aus Cottbus begeisterte nicht nur mit seinem spektakulären Slalomlauf zur 1:0-Führung, er schoss auch den Freistoß, den Michal Kolomaznik mit seinem dritten Tor im dritten Spiel abschloss. Dank Gebhardts Geniestreichen hat 1860 nun erstmals die schönen Seiten der Zweiten Liga kennen gelernt, und der diesmal ebenfalls tadellose Abwehrchef Komljenovic durfte mit gutem Recht einfordern: "Jetzt wollen wir auch mal ein bisschen gelobt werden."

Der Trainer tat, wie ihm geheißen ("Toll gekämpft"), spendierte einen freien Sonntag - und verabschiedete sich zum Bier trinken mit seinem Präsidenten. Einen kühlen Kopf brauchen die Löwen schließlich erst wieder in zwei Wochen - beim nächsten Zweitliga-Auftritt in Erfurt, oder wie die tiefblauen Fans seit Freitagabend rechnen: Beim dreißigstletzten vor dem Aufstieg.

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