Fröhlicher Fachmann für ein hochsensibles Thema

- Alanya - Den drohenden Abstiegskampf vor Augen, wird beim TSV 1860 nichts mehr dem Zufall überlassen. Wenn das Thema nicht so ernst wäre, könnte man das Trainingslager in der Türkei mit der Serie "Big Brother" vergleichen: Der tägliche Drill findet hinter den hohen Mauern eines schmucklosen Stadions statt, jede Bewegung wird von Chefscout Stephan Schwarz auf Video aufgezeichnet, und über das Ganze wacht ein ausgebildeter Psychologe. Fehlt nur noch, dass die Zuschauer abstimmen dürfen, welcher der 26 Spieler das Camp am Ende der Woche verlassen muss.

Damit seine Löwen am Saisonende nicht die Bundesliga verlassen müssen, will Trainer Falko Götz in der Rückrunde alle Reserven mobilisieren, nicht zuletzt die mentalen. Helfen soll ihm dabei der Sportpsychologe Walter Wölfle (46). Der gebürtige Kemptener, ein schmächtiger Mann mit halblangen Locken und einem fröhlichen Gesicht, hat schon mit Basketballprofis, Leichtathleten und Zweitliga-Kickern (SSV Reutlingen) zusammengearbeitet, eine Eisschnellläuferin - ihren Namen nennt er nicht - habe er zur mehrfachen Weltmeisterin geformt.

Wölfle legt Wert darauf, nicht mit selbst ernannten Motivationskünstlern wie Erich Lejeune oder Jürgen Höller verglichen zu werden. "Das ist nicht mein Ansatz", sagt er. Gerade erst erhole sich die Sportpsychologie von dem "Luder-Image", das seinem Berufsstand auch wegen der nach Geld und Geltung trachtenden Kollegen anhaftete.

Der frühere Taekwondo-Kämpfer wird die Löwen folglich nicht über Glasscherben laufen lassen oder Parolen wie "Du schaffst, was du willst" in die Kabine hängen. Er setzt auf Entspannungstechniken, die viel mit richtiger Atmung und Konzentration zu tun haben, bedient sich wissenschaftlich erprobter Methoden wie der "progressiven Muskelrelaxation", und was für ihn ganz entscheidend ist: Das Ganze sei kein Pflichtprogramm. "Wichtig ist, dass es freiwillig ist", sagt er.

"Ohne Eigenmotivation hat's keinen Zopf." Ähnlich großen Wert legt er auf Diskretion. Wenn sich ein Spieler an ihn wende, habe er die Garantie, "dass alles bleibt, wo's hingehört".

Seit einer guten Woche arbeitet Wölfle jetzt mit den Löwen, und sein Eindruck ist, "dass relativ viele Spieler relativ offen, interessiert und zugewandt sind". Er ist sich aber auch im Klaren darüber, dass "es unrealistisch ist, zu glauben, dass einem 26 Leute mit der gleichen Aufgeschlossenheit begegnen". Gerade in der Männerdomäne Fußball-Bundesliga, weiß er, sei alles, was mit Psychologie zusammenhängt, "ein hochsensibles Thema. Da ist schnell von Seelenklempnern die Rede, und wer Hilfe in Anspruch nimmt, gilt als Weichei."

Selber Schuld, wer so denkt, sagt sich der erfahrene Mental-Coach, denn "fünf bis zehn Prozent mehr Leistungsvermögen in relativ überschaubarer Zeit", so seine Schätzung, könne er im Normalfall aus jedem Sportler herauskitzeln. Fällt zwar schwer zu glauben, dass ein 100-Meter-Läufer durch Wölfles Methoden um eine Sekunde schneller wird und ein Stabhochspringer einen halben Meter höher hinaus kommt. Aber wenn's hilft, dass Markus Schroth künftig freistehend vor dem Tor die Nerven bewahrt und Torben Hoffmann innehält, bevor seine Hand im Strafraum zum Klammergriff ausholt, wäre schon einiges erreicht.

Ob Wölfle über das Saisonende hinaus beschäftigt wird, hängt also von vielen Kleinigkeiten ab, doch auch er wird selbstverständlich am Erfolg gemessen. Halten die Löwen die Klasse, hat er nicht nur dem Verein, sondern seinem ganzen Berufsstand einen großen Dienst erweisen.

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