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"Werden Saison mit hellblauem Auge abschließen"

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Von: Armin Gibis

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„Wir sind mit seiner Arbeit zufrieden“: Sportchef Gerhard Poschner (r.) über Trainer Markus von Ahlen. Foto: MIS
„Wir sind mit seiner Arbeit zufrieden“: Sportchef Gerhard Poschner (r.) über Trainer Markus von Ahlen. Foto: MIS

München - 1860-Sportchef Gerhard Poschner spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über die miserable Hinrunde, Okoties Zukunft und sein Bekenntnis zu Trainer Markus von Ahlen.

Gerhard Poschner hat sich sein erstes Halbjahr als Sportchef des TSV 1860 sicher leichter vorgestellt. Schon nach sieben Spieltagen wurde Trainer Ricardo Moniz entlassen, die mit ehrgeizigen Zielen gestartete Mannschaft landete im Abstiegskampf, es herrschte ständige Unruhe. Im Interview mit unserer Zeitung zog Poschner eine erste Zwischenbilanz und wagte auch eine Saisonprognose.

Herr Poschner, was ging in Ihnen vor, als in Leipzig doch noch das späte 1:1 fiel?

Gerhard Poschner: Die Erleichterung war groß. Wenn man so lange einem Rückstand hinterher läuft, wird man natürlich unruhig.

Dank des Punktgewinns muss 1860 nun nicht auf einem Abstiegsplatz überwintern. Wie groß ist der psychologische Wert dieses Ausgleichstreffers in der 86. Minute?

Gerhard Poschner: Das muss man von zweierlei Seiten sehen. Da sind zum einen die harten Fakten: Es ist nicht mehr als ein Punkt. Und auch wenn wir jetzt auf einem Nichtabstiegsplatz stehen, haben wir insgesamt nur 17 Punkte – das ist viel zu wenig. Aber moralisch war das kleine Erfolgserlebnis ungemein wichtig. Vor allem die Art und Weise, wie es zustande kam: Du kämpfst dich ins Spiel, du gibst dich nicht auf. Die Mannschaft hat in einer Partie, in der die Vorzeichen nicht positiv aussahen, an sich geglaubt – und ist dafür belohnt worden. So ein Spiel wie das in Leipzig hilft enorm, die mannschaftliche Geschlossenheit voranzubringen.

Trotz eines verkorksten Halbjahres gab es einen herausragenden Spieler: Rubin Okotie. Mit zwölf Toren steht er an der Spitze der Zweitliga-Torschützenliste. Davor befand sich der Österreicher jahrelang im Tief. Wie sehr hat Sie seine Leistungsexplosion überrascht?

Gerhard Poschner: Dass es so extrem gut laufen würde, davon konnte man nicht ausgehen. Rubins Aufwärtstrend hatte aber zuvor schon bei seinem früheren Klub in Dänemark eingesetzt (elf Tore in 15 Spielen/Anmerk. d. Red.), daran hat er nun nahtlos angeknüpft. Ich weiß nicht, ob es viele Stürmer gibt, die im Kalenderjahr 2014 mehr Pflichtspieltore geschossen haben. Für uns ist er auch sehr wichtig als Identifikationsfigur. Rubin ist wirklich mit Leib und Seele bei der Sache und schnell ein Teil von 1860 geworden.

Es gibt keine Spieler, die im Profifußball mehr gefragt sind als Torjäger. Wird man Okotie halten können?

Gerhard Poschner: Das letzte Wort liegt ja immer noch bei uns. Denn Rubin hat noch 18 Monate einen Vertrag. Außerdem habe ich den Eindruck, dass er sehr wohl weiß, was er an uns hat. Rubin hat sich seinen Platz in Österreichs Nationalteam erobert, indem er für Sechzig kontinuierlich starke Leistungen lieferte. Abgesehen von unserer sportlichen Situation, die ihm natürlich ebenso wenig gefällt wie dem ganzen Verein, fühlt er sich bei Sechzig sehr wohl. Er verschwendet auch keinen Gedanken daran, im Winter den Verein zu wechseln. Und wir würden es sowieso nicht zulassen.

Es gibt also keine Ablösesumme, bei der man schwach werden würde?

Gerhard Poschner: Das müssten schon Summen sein, wo jeder normal denkende Mensch sagen würde: Das kannst du nicht ablehnen. Aber wir sind nicht auf der Suche nach solchen Interessenten – und Rubin auch nicht. Somit stellt sich diese Frage für uns nicht.

Werden Sie sich um eine frühzeitige Vertragsverlängerung bemühen?

Gerhard Poschner: Wenn ein Stürmer zwölf Tore in 19 Spielen geschossen hat, ist es doch klar, dass das unser Wunsch ist. Inwieweit sich das realisieren lässt, werden wir im stillen Kämmerlein miteinander besprechen.

Eine weitere vieldiskutierte Personalie war zuletzt Trainer Markus von Ahlen. In einigen Medien wurde bereits seine Ablösung gefordert. Können Sie nun nach den Teilerfolgen gegen Kaiserslautern und Leipzig (jeweils 1:1) klipp und klar sagen: Ja, Markus von Ahlen wird auch im neuen Jahr unser Trainer sein?

Gerhard Poschner: Wenn ich das sagen würde, hieße das doch im Umkehrschluss: Ich hätte daran gezweifelt. Aber es gab von meiner Seite nicht den geringsten Ansatz, am Trainer zu rütteln. Unser Ziel war es immer, mit Markus kontinuierlich weiterzuarbeiten. Und dabei bleibt es auch. Auch die schlechten Ergebnisse, die wir zweifelsohne hatten, konnten daran nichts ändern. Ergebnisse sind immer nur eine Seite der Medaille. Man muss auch die Arbeit dahinter bewerten. Und damit sind wir zufrieden.

Stichwort schlechte Ergebnisse: Die Zwischenbilanz ist zweifelsohne miserabel. Und sie hat wohl auch damit zu tun, dass der nicht zuletzt von Ihnen in die Wege geleitete totale Umbruch alles andere als reibungslos vor sich ging. Würden Sie noch einmal auf einen Schlag zehn neue Leute verpflichten?

Gerhard Poschner: Stünde ich wieder vor der Wahl, würde ich es genauso wieder tun. Mit allen Risiken. Weil das der einzige Ansatz ist, wirkliche Veränderungen voranzubringen. Ich halte nichts von schleichenden Prozessen.

Zu den vielen Neuerungen bei 1860 zählte die verstärkte Förderung junger Spieler. Gegen Leipzig kamen insgesamt sieben Profis zum Einsatz, die zwischen 19 und 22 Jahre alt sind. Lässt sich dieser Jugendstil im Abstiegskampf mit dieser Konsequenz durchziehen?

Gerhard Poschner: Das müssen und wollen wir. Die Jungs haben sich in jeder Trainingseinheit reingehängt und auf dem Platz ihren Mann gestanden. Und das in einer sehr kritischen, sportlich sehr angespannten Phase. Ich glaube, dass gerade die jungen Spieler sehr viel mitgenommen haben aus diesen schwierigen Wochen und Monaten. Man wird aber auch akzeptieren müssen, dass es Rückschläge geben wird. Ich bin jedenfalls dazu bereit.

Welche Lehren lassen sich denn aus dem missratenen Halbjahr ziehen?

Gerhard Poschner: Je mehr du veränderst, umso größere Reibungspunkte gibt es. Da müssen wir in Zukunft die sozialen und psychologischen Aspekte noch stärker beachten.

Sie sind jetzt seit acht Monaten beim TSV 1860 als Geschäftsführer Sport im Einsatz. Hat es Sie überrascht, in was für einen komplizierten, turbulenten Verein Sie da geraten sind?

Gerhard Poschner: Eher nein. Denn es hat ja seine bekannten Gründe, warum so ein populärer Verein jahrelang nicht den erwünschten Erfolg hat. Ich war also schon darauf gefasst, dass es nicht einfach werden würde. Aber es gab schon Momente, wo ich gesagt habe: Um Gottes Willen! Es gibt hier Dinge, die musst du mit einem Schmunzeln und Schulterzucken einfach akzeptieren – ansonsten wird’s schwierig.

Auf was spielen Sie an?

Gerhard Poschner: Sechzig war schon immer ein Verein, in dem es viel um Politik ging, auch um Einflüsse von außen. Wenn man sich da beirren lassen würde, würde man in das Muster zurückfallen, das in der Vergangenheit dazu führte, dass der Erfolg ausblieb.

Der Erfolg ist aber auch in der Hinrunde ausgeblieben. Kamen da Selbstzweifel bei Ihnen auf?

Gerhard Poschner: Ich hinterfrage mich jeden Tag. Das gehört dazu, das ist völlig normal.

Und zu was für einer Schlussfolgerung sind Sie gekommen?

Gerhard Poschner: Dass wir nach wie vor auf dem richtigen Weg sind.

Die Löwen sind ja weiterhin in den Abstiegskampf verstrickt. Wie sieht Ihre 1860-Prognose für die noch ausstehenden 15 Zweitligaspiele aus?

Gerhard Poschner: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir ein viel besseres Halbjahr haben werden. Wir werden die Saison mit einem hellblauen Auge abschließen. Und ich glaube, dass wir die Chance haben, viel stärker aus diesem schwierigen Jahr hervorzugehen.

Das Interview führte Armin Gibis.

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