Ein Geschäft ohne Risiko

- München - Das Jahr hat für Lance Davids gerade noch gut angefangen. Der südafrikanische Nachwuchsspieler des TSV 1860 war zwar arg spät dran, als er am Samstag zehn Minuten vor dem Auftakttraining erschien, aber sein Schlussspurt vor dem Kabinentrakt und die betretene Miene zeugten von starkem Schuldbewusstsein.

Den Vorgesetzten stimmte der Auftritt versöhnlich. Karl-Heinz Wildmoser war stark erheitert, als Davids an ihm vorbei huschte, und erkannte auf mildernde Umstände. Einen Fehler sofort wieder ausbügeln zu wollen, zeuge von "der richtigen Einstellung".<BR><BR>Mit seinen 18 Jahren ist Offensivspieler Davids das jüngste Produkt der Talentförderung bei den Löwen. Unter den 24 Spielern, die am Samstag die Vorbereitung auf die Rückrunde aufnahmen (der grippekranke Roman Tyce fehlte) befindet sich ein halbes Dutzend hoffnungsvoller Jungprofis. Dass sich vor der Winterpause die Probleme häuften, konnten aber auch Lauth, Görlitz, Baier, Lehmann oder Davids nicht verhindern. "Nur mit lieben Jungs gewinnst du nichts", hat Falko Götz erkannt.<BR><BR>Die Mannschaft braucht auf dem Platz endlich Leitfiguren. Daniel Borimirow und Michael Wiesinger sollen möglichst noch im Winter abgegeben werden, dafür gilt der brasilianische Abwehrspieler Fernando noch vor dem ersten Einsatz bei Götz als "gesetzt". Auch der Anruf, den Sportdirektor Dirk Dufner letzte Woche von einem alten Kumpel aus Stuttgarter Zeiten erhielt, kam dem Trainer gelegen. Gerhard Poschner fragte an, ob er bei den Löwen probeweise mittrainieren könne. Der zentrale Mittelfeldspieler war selbst mal ein aufstrebendes Talent. Inzwischen ist er 34, hat 286-mal in der Bundesliga gespielt, fünf Jahre im Ausland und zuletzt in der zweiten spanischen Liga bei Polideportivo Ejido.<BR><BR>Poschner verkörpert einen großen Teil dessen, was 1860 so schmerzlich fehlt. Sein erster Auftritt am Samstag war bescheiden und sympathisch, aber ein lieber Junge ist er nicht. Beim VfB Stuttgart und in Dortmund hat er gelernt sich zu behaupten, er besitzt ein gesundes Selbstbewusstsein und eine eigene Meinung. Ihm ist nichts mehr fremd in diesem Geschäft. Ungerührt berichtet er von Verletzungen, einem gebrochenen Wadenbein oder einem zerschmetterten Kiefer ("Gehört dazu"), und lobt das Spielniveau in der spanischen Zweitklassigkeit, "auch wenn manche schmunzeln".<BR><BR>Eine respektable Karriere hat er vorzuweisen, aber gemessen an seiner Begabung keine ganz große. Sich selber sei er "noch etwas schuldig", deutet Poschner an, "da ist eine Rechnung offen". Darum will er unbedingt in die Bundesliga zurück. Er mag sich nicht irgendwann nachsagen lassen, zu wenig aus seinen Fähigkeiten gemacht zu haben. 1860 wäre für ihn mindestens ebenso sehr eine Chance wie umgekehrt. In München könnte er ein Vakuum füllen, persönlich und sportlich, und im besten Fall einer sein, an dem sich die jungen Spieler orientieren. Im schlechtesten Fall verlässt er 1860 ohne Vertrag. Für den Verein ist es ein Geschäft ohne Risiko. Das Finanzielle spiele keine Rolle, beteuert Poschner, "so lange ich nicht draufzahlen muss".<BR><BR>Natürlich fällt an diesem Tag auch der Name Horst Heldt. Seit seinem Wechsel aus dem österreichischen Exil zum VfB Stuttgart gilt der Ex-Löwe als Mutter aller Schnäppchen. Solche Geschichten gibt es selten, aber es gibt sie. Während Präsident Wildmoser noch abwehrt, die Frage einer Poschner-Verpflichtung "stellt sich nicht", bestätigt Götz offen sein Interesse. "Ein Gerhard Poschner in guter Verfassung ist für jeden Bundesligisten eine Verstärkung." In den nächsten Wochen wird er den Probanden genau beobachten, doch schon jetzt klingt durch, wie sehr er hofft, dass Poschner den Test besteht. "Er würde das Anforderungsprofil erfüllen."<BR><BR>

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