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Das Glück im Giesinger Gemüsegarten

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München - Collin Benjamin erhofft sich von seinem Wirken bei den Löwen üppiges Wachstum: „Wie die Tomaten meiner Frau“

Collin Benjamin blickte zum Himmel und legte grinsend die Stirn in Falten. „Eigentlich dachte ich, dass es in München wärmer ist“, sagte der Namibier nach seiner ersten Trainingseinheit im Trikot des TSV 1860. Stattdessen: Wolken, regenfeuchte Luft und kühle 16 Grad. „Vom Wetter her“, sagte er, „ist es fast wie in Hamburg.“ Klimatisch wurde dem HSV-Urgestein (2001 bis 11) die Eingewöhnung in seiner neuen Umgebung leicht gemacht, und auch sonst verlief Benjamins Einstand in München überaus harmonisch. Wann hat es das schon mal gegeben, dass ein Neuzugang gleich an seinem ersten Arbeitstag mit dem in Altbayern größtmöglichen Kompliment bedacht wurde? „Des is a Hund! Ja, mi leckst“, staunte ein für seinen Schalk bekannter Kiebitz, der zuvor „Opfer“ von Benjamins Schlagfertigkeit geworden war.

Das kam so: Benjamin war vor einem Abtrennungsgitter gestanden, um Reportern und Löwen-Fans von seinen ersten Eindrücken zu berichten („Lauter nette Jungs“), als sich der Kiebitz von hinten anschlich, um durch die Metallstäbe hindurch dessen Trinkflasche zu greifen. Benjamins Reaktion: Er drehte sich um und schmetterte dem Schelm in seinem Nacken ein fröhliches „Habe die Ehre“ entgegen – spontan aus der Hüfte und zum Staunen der Zuhörer phonetisch korrekt vorgetragen. Benjamins Erklärung: „Wir hatten auch beim HSV einige Bayern in der Mannschaft, von denen lernt man solche Ausdrücke.“

Anpassungsfähig ist er also, der Neulöwe, aber das muss er auch sein, so unkompliziert wie der Transfer abgewickelt wurde. Zwischen dem Erstkontakt am Telefon und der Vertragsunterschrift lagen gerade mal 16 Tage. Der ablösefreie Benjamin war 1860 über einen Berater angeboten worden. Pfingstsonntag, am Rande eines Testspiels bei Günzburg, fand das erste Treffen statt. Dort wurden die Eckdaten abgeklopft. Die Löwen suchten einen vielseitigen Defensivmann, Benjamin eine neue Herausforderung. Und da der 32-Jährige nicht die Absicht hatte, groß zu pokern, ließ er sich nach nur einer Nacht Bedenkzeit auf das Abenteuer München ein.

Die Konditionen gaben die finanzschwachen Löwen vor, aber das alles, sagt Benjamin, sei „kein Problem“. Über die Laufzeit von nur einem Jahr sagt er: „Ich habe es selten erlebt, dass ein Ü 30-Spieler einen Fünfjahresvertrag erhalten hat.“ Und auch das vergleichsweise bescheidene Zweitligagehalt war für ihn kein Hinderungsgrund. Nach zwei von Verletzungen und Reservistenfrust geprägten Jahren gehe es ihm vor allem darum: „Wieder auf dem Platz stehen. Spaß haben. Vom Training kaputt sein.“ Kurzum: „Ich will nur spielen.“

Welche rhetorischen Tricks Trainer Reiner Maurer und Sportkoordinator Florian Hinterberger angewandt haben, um den 39-maligen Nationalspieler zu locken, bleibt ihr Geheimnis. In jedem Fall haben sie es geschafft, Benjamin von der Sinnhaftigkeit ihrer Mission zu überzeugen. In schönstem Umgangssprache-Deutsch erklärt der Namibier, er wolle den Löwen nach ihrem Chaosjahr helfen, „den Karren aus dem Dreck zu ziehen“. Der Gemüsegarten seiner Gattin dient ihm dabei als Beispiel für gedeihliches Wirken. „Wenn meine Frau Tomatensamen streut und drei, vier Wochen später sieht, was daraus gewachsen ist, spürt sie großes Glück. Es wäre doch geil, wenn bei 1860 auch etwas wachsen könnte.“

Benjamin freut sich auf seine Aufgabe als Hilfsgärtner („Ich will meine Erfahrung weitergeben“). Die Ernte, den Aufstieg, hat er bestenfalls im Hinterkopf. Zunächst mal gehe es um das Erlangen körperlicher Fitness und das Einspielen als Mannschaft. „Wenn ich in drei Wochen richtig im Saft stehe“, meinte er, „können wir loslegen.“

Die positive Energie, die Benjamin schon an seinem ersten Tag versprühte, könnte den Löwen gut tun. Nicht nur auf dem Platz, wo Maurer noch einen Anführer sucht (er plant Benjamin zunächst als Sechser ein) – auch abseits der Kabine, wo viel zu lange Trübsal geblasen wurde. Dem Reporter, der sich nach Benjamins offenherzigem Wesen erkundigte, beschied der Namibier mit seinem Markenzeichen, einem breiten Lächeln: „Ich bin ein offener Mensch, ich darf Fußball spielen und hey – das Leben ist wunderschön! Warum sollte ich da geduckt durch die Gegend laufen?“ Da fällt jeder Widerspruch schwer. Man darf gespannt sein, wieviel Frohsinn Benjamin verbreiten wird, wenn der Himmel erstmal bayerisch-weißblau ist und über dem Giesinger Gemüsegarten die Sonne lacht.

Uli Kellner

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