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Hart, aber herzlich

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Leit-Wolf: Uwe Wolf gibt bei den Löwen nun den Ton an - zumindest bis Sonntag.
Leit-Wolf: Uwe Wolf gibt bei den Löwen nun den Ton an - zumindest bis Sonntag. © dpa

München - Uwe Wolf geht die Aufgabe als Löwen-Trainer mit klaren Vorstellungen an - doch wie viel Kredit er hat, weiß er nicht.

Uwe Wolf hat den Raum noch nicht betreten, da hinterlässt er schon einen klaren Eindruck. "Spatzl!", tönt es aus dem Flur, gemeint ist offensichtlich eine Mitarbeiterin der Geschäftsstelle. So klingt das jetzt beim TSV 1860, wenn der Trainer spricht.

Es ist Mittag, Wolf hat seine zweite Trainingseinheit als Chef gerade hinter sich, als er im dritten Stock zum Pressegespräch erscheint. Eine Stunde lang erzählt er: Von sich und seinen Ideen, seinem unrühmlichen Rausschmiss als Löwen-Profi und der kaputten Hüfte ("Sieht im Fernsehen nicht gut aus"), den aufregenden Jahren in Mexiko, wo ihm die Mitspieler das Wasserglas mit Chillischoten einrieben, und der anstehenden Geburt seines Sohnes. Der errechnete Termin ist der 18.6., man hätte es nicht besser erfinden können. Wenn der Kleine pünktlich kommt, erzählt Wolf, solle er Leo heißen: "Da werde ich nicht umhin kommen." Er selbst ist übrigens im Sternzeichen Löwe geboren.

Ein neuer Ton wird nun an der Grünwalder Straße angeschlagen. Mit Uwe Wolf (41) haben die Löwen einen Trainer, der anders als sein Vorgänger Marco Kurz das Herz auf der Zunge trägt. Seine offene, unverstellte Art war ein Grund, den Pfälzer zu befördern, die chronische Finanznot ein anderer. Aber damit kann Wolf leben: "Für den Preis fahren sie gut."

Am Dienstag, am trainingsfreien Vormittag, hat er einen Anruf von Miroslav Stevic bekommen und alle privaten Termine abgesagt. Dass es um wichtige Dinge gehen würde, ahnte er spätestens, als ihn Marco Kurz per SMS über seine Entlassung informierte. Die beiden sind befreundet und werden es auch nach der Trennung bleiben. Von seiner letzten Dienstreise nach Hamburg, wo er den nächsten Gegner St. Pauli beim 2:0 über Kaiserslautern studierte, wird der alte Trainer für den neuen noch eine Analyse anfertigen. Als er via Handy die Kündigung bekam, schnitt Kurz gerade am Hamburger Flughafen Spielszenen an seinem Computer zusammen.

Es menschelt weiter heftig bei 1860. Gestern im Training gab es für die Zuschauer nicht nur etwas zu sehen, sondern vor allem zu hören. Die Spieler brüllten bei jeder Gelegenheit Kommandos über den Platz, damit ihrem neuen Chef auch ja nicht entging, dass in dieser Truppe mehr Leidenschaft steckt, als ihr immer nachgesagt wird. Wolf war zufrieden. Seine zentrale Botschaft lautet: "Ich will Leben auf dem Platz."

Was er gestern von sich erzählte, war nicht weniger als eine Regierungserklärung. Mit Klaus Koschlick, schon bei der U23 sein Assistent, hat er bereits einen Co-Trainer. Er hat auch einen Vier-Punkte-Plan (siehe unten), um die nette, aber brave und manchmal biedere Mannschaft auf Vordermann zu bringen. Wolf beschreibt sich als einen, "mit dem man Pferde stehlen" und der trotzdem auf dem Platz knallhart sein kann: "Wenn ich will, dass vor dem Eckball eine Rolle vorwärts gemacht wird, wird eine Rolle vorwärts gemacht."

Er ist wild entschlossen, die Chance zu nutzen. Lieber wäre es ihm gewesen, er wäre irgendwann aufgerückt, "weil Marco von Schalke 04 abgeworben wurde", aber wo er nun schon mal da ist, will er auch bleiben. Wolf weiß, was dazu nötig ist. Ein Trainer ist nur so stark wie die Leute hinter ihm. So hat er es bei 1860 selbst unter dem Duo Wildmoser/Lorant erlebt. "Ein Zwei-Mann-Betrieb, aber der Laden ist gelaufen."

Das Problem ist nur: Niemand, Wolf eingeschlossen, weiß, wie es weiter geht und wie viel Kredit ihm die sportliche Leitung gewährt. Gesichert ist nur, dass er am Sonntag auf der Bank sitzt, alles weitere ist offen. Vielleicht bleibt Wolf bis zum Sommer Chef. Vielleicht kann er sich für die neue Saison empfehlen. Vielleicht kommt aber auch ein neuer Trainer, im Extremfall mit einem eigenen Stab.

Der Einsatz wird hoch sein am Sonntag gegen St. Pauli. Es ist, neben der sportlichen Brisanz bei sechs Punkten Abstand auf Tabellenplatz 16, auch ein Bewerbungsspiel. Änderungen, was Startelf und Kaderzusammensetzung betrifft, hat Wolf schon im Kopf. Gestern im Training rückte Markus Thorandt in die Innenverteidigung, wo nach dem Ausfall von Mate Ghviniandze ein Platz frei ist. Thorandt dürfte ein Profi nach Wolfs Geschmack sein. Er weiß sich und seine Fähigkeiten genau einzuschätzen und spielt, anders als die Mehrheit der Kollegen, konsequent in schwarzen Fußballschuhen, denn: "Die bunten sind für die Filigranen." Ganz ähnlich klingt Wolf, der einst ein für seine Härte gefürchteter Manndecker war. Er sei ein "Geradeauskicker" gewesen, auch deshalb hat er viel Respekt vor seinem Vorgänger, bei dem es ähnlich war. "Marco hat aus seinem Talent das Maximale rausgeholt." Die Tendenz für die nächsten Tage, Wochen oder auch Monate ist damit vorgegeben. Wolf wird seine Mannschaft hart, aber herzlich anpacken, ihr einerseits Freiheiten gewähren und andererseits Grenzen setzen. Stevic ist sich sicher: "Die werden Feuer kriegen." Wie lange Wolf ihnen einheizen darf, ist eine ganz andere Frage.


Marc Beyer

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