Aaron Berzel führt den Ball eng am Fuß.
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Anführer und Antreiber: Türkgücü-Profi Aaron Berzel.

Interview vor dem Derby 1860 vs. Türkgücü

Türkgücü-Profi Aaron Berzel: „Absolut das Potenzial zur Nummer zwei in München“

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  • Uli Kellner
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  • Nico-Marius Schmitz
  • Ludwig Krammer
    Ludwig Krammer

Wer ist der beste Drittligist Münchens? Am Samstag wird diese Frage (vorläufig) auf dem Platz beantwortet. Vorher sprachen wir mit Türkgücü-Routinier Aaron Berzel, 28, über seine 1860-Vergangenheit, das ungewohnte rote Trikot und die Löwen-Enklave beim Aufsteiger aus dem Münchner Osten.

  • Bei 1860 war er der Liebling der Westkurve.
  • Infolge der Corona-Krise wurde sein Vertrag nicht verlängert - Türkgücü griff dankbar zu.
  • Mit Mölders und Löwen-Co-Trainer Beer verbindet ihn eine tiefe Freundschaft.

Fanliebling, Aufstiegsheld, Ex-Löwe. Nach drei bewegten Jahren beim TSV 1860 lief der Vertrag von Aaron Berzel im Sommer aus – Aufsteiger Türkgücü griff dankbar zu und freut sich über einen kampfstarken Abwehrchef, der maßgeblich zum guten Start des Drittliganeulings beigetragen hat. Vor dem emotionalen Wiedersehen mit seinem Ex-Verein (Samstag, 14 Uhr) sprachen wir mit dem 28 Jahre alten Wahlmünchner.

Herr Berzel, bei zwei Spielen weniger hat Türkgücü zwei Punkte Rückstand auf den TSV 1860. Ziehen Sie am Samstag in der Tabelle vorbei?

Wenn wir gewinnen, natürlich (lacht). Spaß beiseite, wir wollen natürlich am Samstag drei Punkte holen. Auch wenn es gegen Freunde geht. Gegen einen Verein, der einem ans Herz gewachsen ist. Aber deine Kinder lässt du ja beim Brettspiel auch nicht jedes Mal gewinnen.

Weißblaue Glücksgefühle: Aaron Berzel nach einem Torerfolg im 1860-Trikot.

Türkgücü hat hohe Ziele. Kann ihr neuer Verein die Löwen mittelfristig als Nummer zwei der Stadt ablösen?

Der Erfolg hat Türkgücü in den letzten Jahren Recht gegeben. Die 3. Liga ist aber ein ganz anderes Geschäft, hier müssen wir uns weiterhin Woche für Woche beweisen. 1860 ist ein riesiger Traditionsverein und wird es auch immer bleiben. Wir versuchen, so schnell wie möglich die 40 Punkte + x zu erreichen, um dann zu schauen, was noch möglich ist. Es ist schwer zu beurteilen, ob Türkgücü den Löwen den Rang als Nummer zwei der Stadt ablaufen kann, da die Vereinshistorie dabei auch eine Rolle spielt. Rein sportlich gesehen hat Türkgücü jedoch absolut das Potenzial dazu.

Das Löwen-Gen bleibt natürlich immer.

Aaron Berzel

Die Münchner Farbenlehre ist bekannt. Wie lange hat ein bekennender Blauer wie Sie gebraucht, um sich an rote Arbeitskleidung zu gewöhnen?

Mir blieb ja nichts anderes übrig (lacht). Es wäre vermutlich schwer gewesen, die Vereinsführung davon zu überzeugen, dass wir künftig nur noch in blauen Sachen trainieren. Es war im ersten Moment komisch, in Rot aufzulaufen, aber das war nach der ersten Trainingseinheit schon vergessen.

Was fehlt bei Türkgücü im Vergleich zu 1860?

Der Verein ist wahnsinnig schnell gewachsen, so schnell konnte die Infrastruktur nicht mitziehen. Das sieht man beispielsweise an unseren Umkleidekabinen und der Trainingsanlage. Die Vereinsführung gibt aber im Hintergrund jeden Tag Vollgas, um den Rückstand aufzuholen. Dabei hören die Verantwortlichen auch auf die Ratschläge der erfahrenen Spieler, das freut mich besonders. Hier gibt es nicht so einen Presserummel wie bei Sechzig, es schießen sich nicht jeden Tag alle auf dich ein. Ich kann hier ruhiger arbeiten, wir sind ein eingeschworener Haufen und ziehen alle an einem Strang.

Die Vereinsführung gibt aber im Hintergrund jeden Tag Vollgas, um den Rückstand aufzuholen.

Aaron Berzel

Türkgücü hat zuletzt unter anderem durch das erbitterte Gerangel um den DFB-Pokal-Platz für Aufsehen gesorgt. Scheint fast so, als hätten Sie eine Vorliebe für Vereine, die für Rummel sorgen.

Ich habe mich bislang immer mit voller Überzeugung für einen Verein entschieden. Türkgücü hat sich sehr um mich bemüht. Die Verantwortlichen haben mir eine klare Perspektive aufgezeigt. Zudem gab es das riesige Argument, dass ich mit meiner Frau nicht umziehen muss. Türkgücü war sicher häufiger in den Schlagzeilen, aber ich habe mich hier von Anfang an super wohl gefühlt.

Am Samstag zählt es auf dem Platz. Wie viel echtes Derbypotenzial hat die neue Paarung 1860 vs. Türkgücü?

Bayern gegen Sechzig ist natürlich ein Derby, das es nun schon seit Generationen gibt und immer einen besonderen Stellenwert haben wird. Da steht auch das S-Bahn-Derby gegen Haching im Schatten. Die Rivalität zwischen 1860 und Türkgücü wird in den nächsten Jahren sicherlich noch größer werden, erst recht, wenn beide Vereine wieder in höheren Gefilden spielen. Es werden neue Geschichten geschrieben, eine neue Tradition entsteht.

Eine Geschichte am Samstag wird das Aufeinandertreffen mit ihrem Freund Sascha Mölders sein.

Mit Sascha Mölders habe ich mich von Anfang an gut verstanden. Wir ticken auf dem Platz ähnlich, leben den Fußball. Aber ich habe mit den meisten Jungs noch eine gute Verbindung, beispielsweise mit Molli (Quirin Moll/Red.) oder Co-Trainer Oliver Beer. Bei 1860 sind tiefe Freundschaften entstanden.

Freundschaften, die am Samstag für 90 Minuten ruhen. Wie verdirbt man einem Mölders den Spaß?

Sascha ist immer noch ein Ausnahmespieler. Wie er die Bälle festmacht, manchmal aus dem Nichts ein Tor macht. Ein Mölders kann immer treffen, da gibt es kein Allheilmittel (lacht). Ich wäre natürlich froh, wenn ich am Samstag verhindern kann, dass er mich austanzt. Ich werde es ihm so unangenehm wie möglich machen.

Was muss er Ihnen zahlen, wenn er torlos bleibt? Und umgekehrt?

Aktuell laufen keine Wetten. Aber nach dem Spiel werden wir uns sicher zusammensetzen und ein Bier trinken. Das ist doch auch das Schöne am Fußball: Auf dem Platz werden wir 90 Minuten Vollgas geben und uns beackern, nach dem Abpfiff können wir uns in die Arme fallen.

In der Westkurve der Löwen galten Sie als großer Fanliebling. Fiele Ihnen die Rückkehr ins Grünwalder Stadion schwerer, wenn Sie Ihren alten Buddies hinter dem Zaun im roten Trikot begegnen müssten?

Auf der einen Seite ist es sehr schade, dass keine Fans da sind. Ich hätte mir einen anderen Abschied von Sechzig gewünscht. Vor meinem Abgang war es im Verein – dieses Mal coronabedingt – noch nicht klar, wie es weitergehen wird. Das kennt man ja aus den letzten Jahren. Es war also kein emotionaler Abschied. Ein paar Zeilen auf Instagram können keine Ehrenrunde im Stadion ersetzen. Ich wurde von den Löwen-Fans so herzlich aufgenommen, das war einmalig. Ich wäre gerne noch mal an den Zaun gegangen und hätte mich persönlich bedankt. In die bekannten Gesichter gesehen. Auf der anderen Seite wird es mir aber am Samstag sicherlich auch leichter fallen, da es ohne die Atmosphäre weniger emotional wird.

Mit Coach Alex Schmidt und Torwarttrainer Michael Hofmann sind noch weitere Ex-Löwen bei Türkgücü beschäftigt. Wie verbindend ist diese gemeinsame Vergangenheit?

Das Löwen-Gen bleibt natürlich immer. „Einmal Löwe, immer Löwe“ ist nicht nur ein Marketing-Spruch. Michi Hofmann ist immer der Erste, der uns informiert, wie Sechzig gespielt hat. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass mir der Verein jetzt egal ist. Dafür habe ich in den letzten Jahren zu viel erlebt, dafür war die Zeit zu intensiv. Dennoch liegt der Fokus jetzt komplett auf Türkgücü und wir werden am Samstag alles dafür geben, dass die drei Punkte bei uns bleiben.

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