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Ein Kommandeur zum Nulltarif

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- Alanya - Im Spiel gegen Dnjepropetrowsk (3:2) war er schon der Chef auf dem Platz. Gerhard Poschner, seit zehn Tagen ein Löwe auf Probe, fiel nicht nur als lautstarker Kommando- und Passgeber auf, auch die Zahl, die er auf dem Rücken trug, untermauerte seinen Führungsanspruch.

Poschner durfte beim Test im Trainingslager des TSV 1860 in der Türkei als erster Profi der Nach-Häßler-Ära das "heilige" Trikot mit der Nummer 10 überstreifen, und das sagt doch einiges aus. Mehr noch sagt jedoch aus, was Falko Götz hinterher erklärte: "Seine Nummer ist eigentlich die 30, nur ist die von der Beflockung her nicht fertig geworden." Wenn für einen Kicker eigene Kleider hergestellt werden, dann wird er sehr wahrscheinlich auch einen Vertrag erhalten. Bis dahin trägt Poschner erst mal die alten Trainingsanzüge von Daniel Borimirow auf.

All das nimmt der vertragslose Mittelfeldspieler mit südländischer Gelassenheit hin, erworben in Italien (Venedig) und bei den spanischen Klubs Vallecano (1. und 2. Liga) und Ejido (2. Liga). Er sagt: "Ich weiß ja, wofür ich's mach." Poschner, mittlerweile 34 Jahre alt, hat ein klar definiertes Ziel: Er will sich noch einmal in Deutschlands höchster Spielklasse beweisen, und dafür ist ihm kein Preis zu hoch; besser gesagt: zu tief.

Weil Poschner weiß, dass er in seiner Lage nichts zu fordern hat, bietet er seine Dienste, so unglaublich das klingt, zum Nulltarif an. "Poschi ist der erste Bundesligaprofi, der absolut kein Geld verlangt", versichert Löwen-Sportdirektor Dirk Dufner, seit gemeinsamen Stuttgarter Tagen ein Freund des Spielers. "Er hat mich gefragt, ob er bei uns mittrainieren kann, da habe ich zu ihm gesagt: Das kannst du gerne, aber ich sag's gleich: Wir haben keinen Cent übrig." Eine kleine Aufwandsentschädigung dürfte er wohl erhalten, doch ansonsten ist es ein Experiment, bei dem der Spieler das alleinige Risiko trägt. "Und wenn er uns nicht weiterhelfen kann", sagt Dufner, "nehmen wir ihn nicht mal umsonst."

Offiziell vereinbart wurde, dass man sich am Ende des Trainingslagers zusammensetzt, doch das Ergebnis steht eigentlich schon jetzt fest: Sollte sich der Null-Profit-Profi in den nächsten Tagen keinen doppelten Schienbeinbruch oder Schlimmeres zuziehen, darf er bei seiner Gastfamilie bleiben. Konditionell hat er vielleicht noch einiges aufzuholen ("Ich hab' ganz schlechte Laktatwerte, dafür eine hohe Willenskraft") und ein Sprinter wird aus ihm wahrscheinlich auch nicht mehr, doch Falko Götz hat längst entschieden, den erfahrenen Profi zu seinem verlängerten Arm zu machen.

Götz gefällt das "klare Spiel" des Routiniers

"Er versucht immer wieder, Ruhe reinzubringen, er hat ein klares Spiel, und er gewinnt viele Zweikämpfe." Was der Trainer vergessen hat, zu erwähnen: Poschners Fehlerquote im Spiel gegen die Ukrainer tendierte gegen Null, er war der einzige Feldspieler, den man auch außerhalb der Stadionmauern hat brüllen hören, und er gibt sich alle Mühe, auch nach getaner Arbeit auf seine Mitspieler zuzugehen.

Die übrigens auch auf ihn. Belustigt erzählt Poschner von einem seiner ersten Tage in München, als "die mir gleich 'ne Strafe für die Mannschaftskasse aufbrummen wollten". Poschner war wohl ein paar Minuten zu spät gekommen, doch er hat gerne gezahlt - für ihn ein Zeichen, wenn auch ein ungewöhnliches, dass man ihn integrieren will. Er findet: "Die Mannschaft hat es mir vom ersten Tag an leicht gemacht."

Unpünktlichkeit oder ähnliche Kavaliersdelikte ("In Spanien juckt das keinen") wird er schon von alleine abstellen. Wer nichts verdient, der sollte wenigstens darauf achten, dass sein Erspartes nicht in der Mannschaftskasse landet.

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