Der Ladenhüter wartet auf Anrufe

- Alanya - In den riesigen Sesseln des 1860-Hotels in Alanya wirkt Michael Wiesinger noch ein wenig kleiner als sonst. Es ist Mittag, Wiesinger sitzt einsam in der Lobby und beschäftigt sich mit seinem Handy. Klingel endlich!, scheint er seinem Telefon befehlen zu wollen. Seit Wochen wartet der unglückliche Kicker auf ein erlösendes Bimmeln. Auf den einen Anruf, der sein trostloses Mauerblümchen-Dasein beendet. Wiesinger, seit zweieinhalb Jahren ein Pendler zwischen Ersatzbank und Tribüne, will nur noch weg von den Löwen.

Kurz vor dem Abflug ins Trainingslager hat sich endlich ein bisschen was getan. Löwen-Sportdirektor Dirk Dufner berichtet von drei Vereinen, die sich nach dem sündteuren Ladenhüter (im Sommer 2001 für 2,1 Millionen DM verpflichtet, geschätztes Jahresgehalt: 900 000 Euro) erkundigt haben. Er zählt auf: "Ein Verein aus dem Ausland, zwei aus der zweiten Liga." Bei einem der Interessenten soll es sich um die SpVgg Unterhaching handeln. Dufner bestätigt das, Wiesinger bestätigt das, nur die Hachinger halten sich bedeckt. Noch.<BR><BR>Deren Manager Norbert Hartmann ließ sich gestern nur so viel entlocken: "Der Michael Wiesinger ist ein anständiger Kerl, ein guter Spieler, der sich reinhaut, aber es muss auch passen." Haching sucht eigentlich einen torgefährlichen Mann für die Position hinter den Spitzen, keinen für die rechte Außenbahn. Deswegen sagt Hartmann: "Es gibt drei, vier Spieler, über die wir gesprochen haben, aber ich lasse mich jetzt nicht auf Wiesinger festnageln." Was auch eine Rolle spielt: Wegen der geplatzten Borimirow-Verpflichtung ist die SpVgg nicht besonders gut auf die Löwen zu sprechen. Eigentlich mag man dem ungeliebten Nachbarn derzeit keinen Gefallen tun.<BR><BR>Möglicherweise kommt der Transfer trotzdem zustande, auf Leihbasis, die Voraussetzungen wären jedenfalls geschaffen: Wiesinger (31, Vertrag bis 2005) ist laut Dufner bereit, auf einen Teil seines Gehalts zu verzichten, die Löwen wiederum würden dem neuen Verein finanziell entgegenkommen, die Details wären schnell zu regeln. "Das ist eine Sache von einem Anruf", sagt Dufner, aus dessen Sicht ein Wechsel bis zum Saisonende eine Win-Win-Win-Situation darstellen würde. "Wichtig ist, dass er sich präsentiert, dass er Spielpraxis sammelt, und dass wir was einsparen."<BR><BR>Wiesinger selbst geht davon aus, "dass es, wenn's klappt, noch diese Woche ist". In den nächsten Tagen will er sich noch mal mit den Hachingern "absprechen", grundsätzlich würde er aber lieber heute als morgen das Weite suchen. "Ich will spielen", sagt er, "das ist das Wichtigste." Dass er als ehemaliger Bayern-Profi mal einen anderen Anspruch hatte, ist ihm inzwischen egal. "Ich bin nicht auf Haching versteift", sagt er, "aber ich würde auch in der zweiten Liga spielen."<BR><BR>Schon aus logistischen Gründen würde ein sofortiger Wechsel zum kleinen Lokalrivalen Sinn machen. Die SpVgg hat gestern ihr Trainingslager in Aksu aufgeschlagen, 70 Kilometer von den Löwen entfernt. Binnen einer halben Stunde könnte Wiesinger da sein. Anruf genügt - sein Handy ist rund um die Uhr eingeschaltet.<BR>

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