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Lienen: „Wer säuft, geht“

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Ewald Lienen hat seinen Spielern eine klare Ansage gemacht: „Wenn einer meint, er muss saufen gehen, kann er sich einen anderen Job suchen. Dann wird es knallen!“
Ewald Lienen hat seinen Spielern eine klare Ansage gemacht: „Wenn einer meint, er muss saufen gehen, kann er sich einen anderen Job suchen. Dann wird es knallen!“ © Sampics

München - Der Coach des TSV 1860 München, Ewald Lienen, hat seinen Spielern eine klare Ansage gemacht: „Wenn einer meint, er muss saufen gehen, kann er sich einen anderen Job suchen. Dann wird es knallen!“

Kaum hatte Ewald Lienen der Presserunde den Rücken zugewandt, um ein Telefonat entgegenzunehmen, da flackerten schon die Feuerzeuge auf. Zwei Reporter steckten sich Zigaretten an, was insofern bemerkenswert ist, als der Löwen-Coach soeben einen inbrünstigen Vortrag über die Lasterhaftigkeit unserer Gesellschaft beendet hatte. Eine Stunde lang dozierte Lienen über Fettsucht, Bewegungsmangel, falsche Ernährung – und eben Alkohol und Nikotin, „die tödlichsten Sachen überhaupt“. Was den Gesundheitsprediger trösten mag: Die Unerschrockenen rauchten jetzt zumindest mit einem schlechten Gewissen.

Diese erste Kostprobe des berüchtigten Lienenschen Sendungsbewusstseins hatte eine vermeintlich harmlose Frage ausgelöst. Ort des Geschehens war der Nebenplatz des Olympiastadions, wo die Löwen vierteljährlich die Fitness ihrer Spieler überprüfen. Dort sollte Lienen mal grundsätzlich erklären: Warum setzen die meisten Trainer und auch er auf Lakattests, wo doch Meistermacher Felix Magath diese Art von Spieler-TÜV für überflüssig erklärt? Einen langen, grob geschätzt halbstündigen Monolog später standen in den Reporterblöcken Wörter, die dort sonst selten vorkommen und bestenfalls aus Uni-Vorlesungen im Fach Biochemie bekannt sind: „Milchsäure“, „Glukogendepot“, „Anaerobe Schwelle“, „Millimol“.

Nun ist auch in Sportjournalistenkreisen bekannt, dass die bei intensiver Belastung entstehende Milchsäure Muskeln übersäuern lässt, Lienen jedoch jonglierte mit wissenschaftlichen Fachbegriffen, als sei er ein Alchimist. Die Zuhörer waren beeindruckt – der 55-Jährige verwies bescheiden auf seine Trainerausbildung: „Ich hab halt damals gut aufgepasst.“ Und der Unterschied zwischen ihm und Magath sei: „Der Felix setzt auf Ausdauertraining in der Gruppe, um das Wir-Gefühl zu fördern (gerne auch in Wäldern/Red.).“ Lienen hingegen will wissen, welchen Spieler er wie stark belasten kann. Dass Stürmer Lauth den Test abbrach, findet der Coach normal: „Das ist traditionell so. Ein Sprinter wie Benny häuft mehr Laktat an, dafür erholt er sich schneller. Einen Mittelfeldspieler dagegen kannst du laufen lassen wie einen Dieselmotor.“

Auch Lienen kam jetzt in Fahrt. Man hatte ja gehört, dass der Querdenker leidenschaftlich dozieren kann, und genau das tat er nun. Seine Kernthese: Ein Sportlerkörper bedarf intensiver Pflege, „und die hört nicht auf, wenn ich das Training abpfeife“. Es könne nicht angehen, dass Spieler wissen, welcher Sprit gut für ihre Edelkarosse sei, und dann selber Cola trinken. „Wenn ich das nicht schon in der Jugend mitkriege, dann habe ich was falsch gemacht.“

Was zu seiner Kernthese Nummer zwei führt: Nach dem Abpfiff machen Fußballer die größten Fehler. „Der Klassiker ist: Jetzt hatten wir ein Spiel, jetzt gehen wir feiern.“ Die Bierchen danach verbunden mit kurzen Nächten seien für Sportlerkörper so anstrengend „wie ein zweites Spiel“. Faustregel bei Lienen: Ein Gläschen ist okay – mehr ist ein Kündigungsgrund. „Wenn einer meint, er muss saufen gehen, kann er sich einen anderen Job suchen. Dann wird es knallen!“ Ähnliches gilt fürs Rauchen. Für Lienen „lächerlich“, überhaupt daran zu denken.

Sympathisch war, dass sich Lienen bei seinem Vortrag immer wieder selber auf die Schippe nahm, schließlich war er tags zuvor als Naschkatze enttarnt worden. Aber, verteidigt er sich: „Ich habe bis 38 gespielt, bin jetzt 55, und wenn ich mal in die falsche Kiste greife, ist das eher zu verzeihen.“ Letztlich weiß Lienen, dass er oft auf taube Ohren stößt. Selbst in der eigenen Familie. „Da habe ich versagt“, gesteht er. „Der Prophet gilt nun mal nichts im eigenen Lande.“ Eigentlich, findet er, müsste sich sowieso die Politik um den Nachwuchs kümmern. „Für Schulsport ist kein Geld da. Dafür retten wir Banken. Kommt, lasst uns eine Partei gründen!“ Mit Magath als Kultusminister. „Da müsste man den Felix mal einsetzen.“ Als staatlich beauftragter Quälix, der die Kinder über den Pausenhof scheucht, auf dass ja keiner Fett ansetzt.

Seine Spieler, findet der Löwen-Coach, seien soweit okay. Mehr Erkenntnisse soll ein weiterführender Rundumcheck am Wochenende liefern. Lienen weiß, dass er aus preiswerten Profis das Maximale rausholen muss. Generell unterscheidet er zwischen zwei Spielertypen: Die Hochveranlagten, die zu Faulheit neigen, „weil immer alles von selber ging“. Und die weniger Begabten, „die sich immer anstrengen mussten, um mithalten zu können“. Nur in ganz seltenen Fällen, so Lienen, vereine ein Profi beides: Talent und Fleiß. „Das sind dann die Spieler, die der Felix holt. Wenn ich für 50 Millionen im Jahr einkaufen kann, brauche ich mich nicht um Laktattests zu kümmern.“

Von Uli Kellner

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