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Pereira träumt: Tanzend in die Erste Liga

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Von: Uli Kellner

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Mit viel Energie und Optimismus packt der Portugiese seine große Mission an: „1860 ist ein ganz besonderes Baby“

Tróia – Nach gut 20 Minuten ist die Kanne Tee auf seinem Beistelltischchen kalt, dafür ist der Trainer dabei, sich heißzureden. Vitor Pereira, 48, hat sich an die neuen Gesichter in der Presserunde gewöhnt, seine Stimme ist weiterhin ziemlich heiser, doch er ist jetzt voller Energie, die raus will aus seinem aufgeladenen Körper. „Fußball ist eine Passion für mich“, sagt er, während seine Arme eine Geste des Liebkosens formen: „Fußball ist für mich, wie ein Baby in der Hand zu halten.“ Das Baby 1860 sei ein „ganz besonderes“, fügt der dreifache Familienvater hinzu: „Ich will das Baby wachsen sehen, es stark machen und rüsten für die Welt da draußen.“

Die Welt da draußen ist für ihn jetzt die zweite deutsche Bundesliga. Offensichtlich ist das aber kein Problem für den Portugiesen, der es eigentlich gewöhnt ist, in der Welt der Erfolgsklubs mitzuspielen. Seine Augen leuchten, als er seine Pläne erklärt, die Hände fliegen über den Tisch. Wie soll das erst werden, wenn dieses Energiebündel von Trainer seinen ersten Sieg eingefahren hat? Pereira weiß es schon. „Ja, ich tanze gerne nach Siegen, wenn ich die Energie von den Rängen aufnehme“, verrät er: „Wenn ich happy bin, dann tanze ich. Warum denn auch nicht?“

Bis es soweit ist, bis er auch vor der Nordkurve Siege feiern kann, liegt allerdings ein steiniger Weg vor Pereira und allen anderen, die sich gerade die Verantwortung für das Baby 1860 teilen. Pereira weiß sehr genau, was von ihm erwartet wird. „Der Verein hat mich verpflichtet, weil etwas nicht so ist, wie es sein soll und besser werden muss.“ Abstiegskampf ist natürlich nicht sein Anspruch, nachdem er mit vielen seiner Ex-Klubs Titel gewonnen hat. „Ich bin nicht gekommen, um die Mannschaft auf dem aktuellen Niveau zu halten“, sagt er: „Ich soll jetzt erst mal die Grundlagen schaffen, um in der kommenden Saison anzugreifen.“ Das Ziel, das er vor Weihnachten angerissen hat („We go to the top“), konkretisiert er gerne noch mal: „Ziel ist die Bundesliga. Ich schaue viele Spiele an und möchte da gerne dabei sein. Der Klub öffnet mir die Türe und sagt: Kommt rein und baue etwas Starkes auf.“

Erst mal ist aber Basisarbeit angesagt. In der Sonne und Ruhe von Tróia, in einem 16-Tage-Camp vor der Küste Portugals – unter Bedingungen, die er selber dem Verein ans Herz gelegt hatte. Dass er sich und die Mannschaft gerne abschottet, begründet er so: „Es hat mich viel Zeit und Energie gekostet, eine Spielidee zu entwickeln. Ich sehe es nicht ein aufzumachen, damit die ganze Welt alles sehen kann.“ Aggressiv, intelligent und schön soll der Fußball aussehen, den seine Löwen eines Tages aufführen sollen. Zu diesem Zweck will er zunächst die 30 vorhandenen Spieler analysieren. Langfristig schwebe ihm ein deutlich kleinerer Kader vor. Neuzugänge schweben ihm zwar auch vor, doch die zu holen, erfordere größte Sorgfalt. „Das ist ein Prozess“, betont Pereira: „Das muss alles mit Hand und Fuß gemacht werden. Ich muss erst die Schwachstellen des Vereins erkennen, bevor wir jemanden verpflichten. Das zieht sich alles ein bisschen hin.“

In der Tat zieht es sich hin. Doch weder kommt Pereira ein Wort der Klage über die Lippen – noch eine konkrete Aussage, wie er mit wechselwilligen Torhütern (Vitus Eicher) oder Problemen wie der Angriffsmisere verfahren werde. In allem, was er sagt, gibt sich Pereira professionell, loyal, gerne auch mal diplomatisch. Sicher, lässt er durchblicken: Ein Sportchef wäre hilfreich, um noch „befreiter“ arbeiten zu können: „Wichtiger als Personen sind aber die Ideen.“ Gut Ding will Weile haben. Dieses Sprichwort kennt man offenbar auch in Portugal. „Es finden einige Umstrukturierungen statt“, sagt er: „Ein Sportchef kommt auf jeden Fall. Das wurde mir fest versprochen – und das wird auch bei Zeiten bekannt gegeben.“

Auf 10 Minuten Pressearbeit hatte sich Pereira eingestellt. 35 sind es am Ende geworden. Man ahnt, dass dieser Trainer schwer zu bremsen ist, wenn er mal in Fahrt kommt. Und dass es eher der Bauch als der Kopf ist, der sein Handeln lenkt. „Ich bin Vitor Pereira“ ruft er, als sei sein Name eine Erfolgsmarke: ,„Ich werde mein Bestes geben.“ Er steht auf, schaut jedem noch mal in die Augen. „Ich bin eine ehrliche Haut“, fügt er hinzu: „Wer ehrlich mit mir umgeht, der bekommt alles von mir.“ Emotionen auf jeden Fall, womöglich auch Erfolg. Dass der lange orientierungslose Hasan Ismaik diesen Charismatiker auserkoren hat, um seinen Klub voranzubringen, ist am Ende keine Überraschung mehr.

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