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Löwen-Legende Thomas Nuggis: Der Altrocker wird 75

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Von: Uli Kellner

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Thomas Nuggis
75 Jahr’, blondes Haar: Sein Alter lässt sich Kultreporter Thomas Nuggis nicht anmerken. © Uli Kellner

Er ist ein Stück Löwen-Geschichte, eine lebende Reporterlegende: Tom Nuggis hat vier Jahrzehnte lang die Berichterstattung über den TSV 1860 geprägt, der freischaffende Autor schrieb für alle drei Münchner Boulevardzeitungen – und sorgte dabei für manch amüsante Anekdote. An Neujahr wird er 75.

Wer an einem sonnigen Tag in Schwabing unterwegs ist, hat eine gute Chance, ihm zu begegnen: Man  sieht  ihn  auf  seinem „Citycruiser“ durch die Straßen kurven, tiefenentspannt das hektische Treiben seiner Mitmenschen beobachtend, die blondgraue Mähne gut gekämmt. Oder aber er sitzt in einem Straßencafé, vor sich die aktuelle Ausgabe des „Spiegel“, einen Espresso und ein Päckchen Selbstdrehtabak. Zur Grundausstattung unbedingt dazu gehören auch: die dicke Lederjacke, selbst bei 35 Grad im Hochsommer, die weiße Stoffhose und die coole Sonnenbrille. Nicht nur wegen dieses Outfits, das bei normalen Männern seines Alters unvorstellbar erscheint, ist Tom Nuggis, der vor seinem 75. Geburtstag steht, zur Legende geworden, zur Sportreporterlegende. Und worüber berichtet so ein Unikum sein halbes Leben, einer, der sich selbst zur Marke erhoben hat? Natürlich über den TSV 1860, der im Münchner Fußball ähnlichen Kultstatus genießt.

Schreibstil: „Vorbild ist Hemingway . . .“

Die Berichterstattung über seinen Herzensverein, für den er einst selbst als Leichtathlet aktiv war, hatte Nuggis als Lebensaufgabe begriffen. Als einer von wenigen Reportern war er für alle drei Münchner Boulevardblätter aktiv. Begonnen hat er Ende der 60er-Jahre bei der neugegründeten „tz“, für die er auch von den Olympischen Spielen 1972 in München berichtete, danach wechselte er zur „Abendzeitung“ – und schließlich, ab 1979, verfasste er seine unverwechselbaren Kurztexte für „Bild München“. Sein Stil? „Vorbild ist Hemingway“, hat Nuggis mal über seine Stakkatosätze gesagt. Natürlich war das mehr scherzhaft gemeint, denn außer seiner Leidenschaft für die Karibikinsel Kuba und dicke Havanna-Zigarren verbindet ihn nicht viel mit dem preisgekrönten Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger („Der alte Mann und das Meer“).

Seelische Konflikte wie sein Vorbild plagten den im estnischen Tallin geborenen und in der Lüneburger Heide aufgewachsenen Lebenskünstler selten – nur das Jahr nach seinem Ausscheiden bei der Bild-Zeitung, wo er sich nicht mehr erwünscht fühlte, war kurzzeitig geprägt von hemingwayscher Schwermut. „Jahrelang hatte man täglich ein Ziel“, sagte er. Von einem Tag auf den nächsten blieben ihm nur noch die täglichen Streifzüge durch Schwabing als Lebenselixier.

Umso erquicklicher war die Zeit zuvor, nicht nur für die, die ihn täglich auf dem Trainingsgelände des TSV 1860 erlebten. Von der Masse seiner Berufskollegen hob sich Nuggis vor allem dadurch ab, dass er den Gegenstand seiner Berichterstattung, das ewige Scheitern der Löwen, so ernst wie nötig und so humorvoll wie möglich begleitete. „17 Jahr’, blondes Haar“ – solche unkonventionellen Einstiege, damals auf die aufstrebenden Bender-Zwillinge gemünzt, schmückten seine Texte, die selten mehr als 40 Zeilen hatten. Stefan Malz, einem 1860-Profi Ende der 90er, widmete Nuggis die Schlagzeile: „Hopfen und Malz – Gott erhalt’s“. Stilecht kritzelte er solche Verse auf Brauereiblöcke, die er sich von Stüberlwirtin Christl lieh. Sein Arbeitsmaterial ließ er in schöner Regelmäßigkeit zu Hause in seiner Schwabinger Familien-WG (Nuggis, Ex-Frau, Sohn Fabian) liegen.

Legendär auch: die tägliche, mit seinem Konterfei versehene Kolumne „Das ist los bei 1860“. Drei bis vier sogenannte Splittermeldungen mussten es in jeder Ausgabe sein, schon deshalb, weil für den freischaffenden Künstler jede gedruckte Zeile bares Geld bedeutete. Gelegentlich war da auch mal die Fantasie gefragt. Wenn sich beim Plausch mit Trainern und Spielern keine harten Fakten ergaben, mussten manchmal auch nicht ganz so harte Fakten herhalten. So konnte der Löwen-Fan bei Nachrichtenarmut erfahren, in welchem Supermarkt Profi XY eine Autogrammstunde gibt. Und die Vereinssprecherin durfte in der Zeitung lesen, dass sie eine „Pressefee“ ist – und wieder mal ein Jahr älter geworden. Grundsätzlich übrigens mit der falschen Altersangabe. Nuggis konnte sehr charmant sein, wenn er die Pressefee jünger machte – oder aber er hatte halt gerade nicht das richtige Alter parat. Kurios war auch, dass bei einem Testspiel in den 90er-Jahren das Gros der Zuschauer erst zur zweiten Halbzeit ins Sechzger-Stadion pilgerte. „Schau, das sind alles deine Leser!“, raunte ihm der Kollege von der „tz“ zu. Nuggis hatte im Eifer des Gefechts die Anstoßzeit um eine Stunde nach hinten verlegt.

Klar ist aber auch: Ohne ein Mindestmaß an kreativen Einfällen wird man als Boulevardreporter im täglichen Kampf um die beste Schlagzeile kaum bestehen – und so ist im Laufe der Jahre ein beachtlicher Anekdotenschatz entstanden. Alteingesessene Löwen-Fans werden sich womöglich noch daran erinnern, dass Mitte der 90er-Jahre ein gewisser „Lapin Kulta“ als potenzieller 1860-Neuzugang durch die bunte Presse geisterte. Heute ist die Sache längst verjährt und man kann guten Gewissens aufklären: Der sagenumwobene Stürmer ist in Wahrheit ein finnisches Bier, das die Deutsche Bahn im Rahmen einer Aktionswoche in ihren Bordbistros ausschenkte. Den Reportern war langweilig nach einer Auswärtsfahrt, aus einer Laune heraus entstand eine Wette, gefolgt von Spekulationsberichten („Holt 1860 den Finnen Kulta?“) – dabei steht Lapin Kulta noch heute, wie in den 142 Jahren zuvor, in den Bierregalen Finnlands. Einen Fußballplatz hat er nie betreten, obwohl Karl-Heinz Wildmoser, der damalige Präsident, öffentlich zu den Gerüchten Stellung nahm. „Das ist sicher ein interessanter Mann“, sagte er tags drauf in eine TV-Kamera. Kann man ja mal unverfänglich behaupten. Besser, so dachte Wildmoser wohl, als sich hinterher mangelnde Fachkenntnis des skandinavischen Transfermarkts vorwerfen zu lassen.

Ein Interview, das nie geführt wurde

Lustig auch: ein erfundenes Interview mit einem früheren Mannschaftskapitän. Weil dieser, ein Urbayer vor dem Herrn, an einem trüben Tag im Löwen-Stüberl lieber eine Leberknödelsuppe löffelte anstatt der Presse Rede und Antwort zu stehen, brummte er grantig: „Ihr wisst’s doch eh, was i immer sog.“ Eine fahrlässige Auskunft. Die imaginären Allgemeinplätze des Käptns waren tags drauf als Wortlaut-Interview in der Boulevardpresse nachzulesen. Beschwert hat sich niemand darüber, nicht mal der Spieler. Nuggis hatte sich offenbar erfolgreich in den Fußballerkopf hineinversetzt – und unfreiwillig eine Parodie auf die Floskelsprache der kickenden Zunft geschaffen.

Bei einer anderen Episode war der Senior unter den Löwen-Reportern seiner Zeit sprichwörtlich voraus. Trainingslager in Spanien, für den Abend war vereinbart, dass sich ein wechselwilliger Spieler der Presse stellt, doch Nuggis kam nicht – er war beim Entspannungsbad in der Wanne eingeschlafen. Kein Problem, wenn man so beliebt ist wie Nuggis. Die Reporter der Konkurrenzblätter halfen dem absenten Kollegen aus der Patsche, diktierten ihm die wichtigsten Aussagen in den Schreibblock – und staunten nicht schlecht, als am Tag danach ein Exklusivinterview in Nuggis’ Zeitung abgedruckt wurde. Die Abmachung, das Interview erst am übernächsten Tag erscheinen zu lassen, hatte Nuggis glatt überhört.

Nuggis verstand es aber, selbst solche Pannen mit Charme zu überspielen. Auch Fußballer, die sich falsch zitiert sahen, fing er mit umständlichen Erklärungen wieder ein („Du, äh, also das war so . . .“). Es fiel schwer, ihm böse zu sein, und viele begingen einen Fehler, wenn sie sich vom ersten Eindruck leiten ließen. Unter dem rauen Äußeren, das an einen ruppigen Altrocker erinnert, verbirgt sich nämlich ein gebildeter, kultivierter, stets freundlicher Zeitgenosse. Wobei: Er konnte auch stur sein. Mit einem Kollegen von der „tz“, mit dem er über Jahrzehnte kooperiert hatte (in der Bayernliga nahmen die beiden sogar gezielt Einfluss auf die Vereinspolitik), überwarf er sich – ausgerechnet beim Höhepunkt seiner Tätigkeit als Löwen-Reporter, dem Qualifikationsspiel zur Champions League in Leeds. Wegen einer Lappalie gerieten die beiden Platzhirsche aneinander – und wechselten danach nie wieder ein Wort miteinander.

Die Wahrheit über eine Kriegsverletzung

Ein Diplomat war Nuggis nie. Auch im Lehrerberuf, den er erlernt hatte, fühlte er sich nur begrenzt wohl. Es reizte ihn mehr, „on Tour“ zu sein, wie er sagte: also unterwegs mit seinen Löwen. Er hat die großen Trainer und Spieler alle live erlebt – von Merkel bis Lorant, von Heiß bis Häßler. Selbst am Schluss, als ihm der spröde Marco Kurz das Reporterleben erschwerte, machte Nuggis das Beste daraus. „Ist das Ihr Lieblingsgemüse“, fragte er mal, als Kurz mit einer Karotte in der Hand aus der Kabine kam. Nicht immer waren diese spontanen Gesprächseinstiege zielführend – dafür schaffte es der Guerilla-Reporter mit seiner lässig-listigen Art, selbst verschlossenste Charaktere zu öffnen.

Wo er sitzt, scheint meistens die Sonne

Stellt sich die Frage: Was macht ein eingefleischter Löwen-Reporter, wenn er nicht mehr täglich an der Grünwalder Straße ein- und ausgeht, wenn die Jazzclubs schließen, die er früher nächtelang besuchte? Das Vakuum, das plötzlich da war, ließ sich nicht leicht mit neuen Inhalten füllen. Nuggis schaute tagelang Bundestagsdebatten im Fernsehen, versuchte sich als Hobbykoch – und schrieb Erinnerungen für seinen inzwischen 28 Jahre alten Sohn auf. „Ich hab ja noch den Krieg miterlebt“, berichtet er schmunzelnd, und beim Nachrechnen stellt man fest: Bei Kriegsende war Nuggis gerade mal fünf Jahre alt. Aber die Narbe am Handgelenk, die vom Rumspielen mit zwei geplatzten Glasflaschen kommt, diese Erinnerung aus Narbengewebe sei, darauf beharrt er, „eine original Kriegsverletzung“. Schmunzeln, sein Oberlippenbart wippt. So ist er, der Hemingway-Freund aus Schwabing Mitte.

Den Löwen in ihrer bleiernen Schwere würde es mehr denn je guttun, wenn einer wie Tom Nuggis wenigstens ab und an für gute Stimmung sorgen würde. Stur wie er ist, hat der jugendliche Noch-74-Jährige mit diesem Kapitel aber ein für allemal abgeschlossen: Lieber pendelt er täglich zwischen seinen fünf Schwabinger Lieblingscafés. Wo er sitzt, scheint meistens die Sonne, im doppelten Wortsinne übrigens. „Wenn der Schatten kommt“, begründet Nuggis seine wohl kalkulierten Ortswechsel, die sich nach dem jeweiligen Sonnenstand richten, „dann ziehe ich weiter zum nächsten schönen Ort.“

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