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"Ein schwerer Fehler des Präsidiums"

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Christian Ude TSV 1860 München
Hat in als Löwen-Aufsichtsrat schon viel erlebt: Christian Ude. © dpa

München - Als das Unheil bei den Löwen seinen Lauf nahm, weilte Christian Ude im Ausland. Hätte der Münchner Oberbürgermeister rechtzeitig Kenntnisse über Details des Investorenvertrages gehabt, hätte er als promovierter Jurist wohl früher eingegriffen. Das sagt Ude im Interview.

Ein Gespräch mit dem SPD-Politiker über seine Verantwortung als Aufsichtsrat, die Zukunft des TSV 1860, den entlassenen Geschäftsführer Stefan Reuter und die Stadionfrage.

-Herr Ude, direkt gefragt: Haben Sie den Investorenvertrag gestoppt?

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Das ist eine Bewertung, die ich nicht für mich in Anspruch nehmen möchte. Ich bin am vorvergangenen Wochenende über die Absicht unterrichtet worden, dem Einstieg eines Investors zuzustimmen, der dafür einen angemessenen Betrag einbringt. Mit diesem Teil habe ich mich einverstanden erklärt, nicht aber mit Maßnahmen, die sich gegen Stefan Reuter richten. Nach einer Sondersitzung, die wieder einmal kurzfristig anberaumt worden ist, so dass ich nicht teilnehmen konnte, bin ich dann am Wochenende von Geschäftsführer Dr. Markus Kern über den Wortlaut der Verträge informiert worden und habe seine Bedenken gegen die Zulässigkeit spontan geteilt. Dies habe ich auch den Aufsichtsratsvorsitzenden und meinem Parteifreund Franz Maget mitgeteilt. Streng genommen war es der Geschäftsführer, der mich alarmiert und umfassend informiert hat.

-Was genau hat bei Ihnen die Alarmglocken schrillen lassen?

Es gab äußerst kritische Punkte, die Funktion des Sportdirektors betreffend, wo der bestimmende Einfluss des Investors auf der Hand lag.

-Wie erklären Sie sich, dass das Präsidium einen rechtlich nicht abgesicherten Vertrag stolz der Öffentlichkeit präsentiert?

Das möchte ich nicht öffentlich bewerten, bevor ich das mit allen Mitgliedern des Präsidiums besprechen konnte. Meines Erachtens reichte der Wortlaut der Verträge aus, um erkennen zu können, dass die Liga dem nicht würde zustimmen können.

-Waren Sie informiert, um welchen Investor es sich genau handelt?

Es ist ein Name genannt worden, der mir aber nichts sagte. Über die Geschäftsverbindungen, die er pflegt, bin ich erst am Wochenende unterrichtet worden.

-Handelt es sich um die gleiche Gruppe, die der jetzige Sportchef Miroslav Stevic bereits letzten Sommer an der Hand hatte?

Das kann ich nicht bestätigen aber auch nicht dementieren. Ich weiß nicht, um welchen Investor es damals ging.

- Jedenfalls scheint das Kernproblem die Verbindung zwischen Stevic und Investor zu sein.

Nicht die Verbindung, sondern die Forderung des Investors, dass Stevic die Position des Sportdirektors erhalten müsse, damit auch bestimmte Rechte habe und nur mit Zustimmung des Investors abgelöst werden könne.

-Der Verein hat sich mal wieder nach Kräften blamiert. Sind Sie nicht langsam amtsmüde?

Die Leidensfähigkeit, die man als Löwe ohnehin haben muss, wird in diesen Tagen aufs Äußerste strapaziert. Die Frage, wann die Grenze überschritten ist, wird in der Tat immer aktueller.

-Mit Jo Brauner soll bereits der erste Aufsichtsrat zurückgetreten sein. Ich kann das noch nicht aus eigener Kenntnis bestätigen, hätte für diesen Schritt aber Verständnis, weil man als Aufsichtsrat, selbst wenn man an der kurzfristig einberufenen Sitzung nicht teilnehmen konnte, doch immer in eine Mithaftung genommen wird.

-Die Öffentlichkeit fordert den Rücktritt des Präsidiums. Halten Sie diese Forderung für angebracht?

Ich finde es schlimm, dass personelle Konflikte bei den Löwen sofort zugespitzt werden, ohne nachdenken, welche Lösung die bessere wäre. Ich glaube, dass das Präsidium einen schwerwiegenden Fehler gemacht hat. Es hätte niemals ohne Abstimmung mit der Liga und mit der eigenen Geschäftsführung an die Öffentlichkeit treten dürfen. Aber ob und welche Konsequenzen aus einem solchen Fehler zu ziehen sind, sollte man intern diskutieren.

-Es ist zu hören, dass sich bereits ein Schatten-Präsidium um Thomas Hirschberger und Otto Steiner formiert. Wäre das eine denkbare Nachfolge-Konstellation?

Ich mag mich zu Personalien überhaupt nicht äußern. Herrn Steiner hab ich schon einmal als Vorsitzenden unterstützt - und dann ist er vor seiner Zeit zurückgetreten.

-Wie sehen Sie nun die finanzielle Lage? Sind die Horrorszenarien gerechtfertigt?

Nach meiner Erkenntnis ist Insolvenz kein akutes Problem, aber natürlich fehlt das Geld für den angepeilten Aufstieg. Deswegen ist auch der Wunsch des Präsidiums, einen Investor zu finden und jedes Netz auszuwerfen, völlig verständlich. Nur darf es nicht zu unüberlegten und ungeprüften Schritten führen.

-So wie sich der Verein präsentiert hat, dürfte die Suche nach Geldgebern nicht leichter werden.

Es wird nicht leichter mit jedem Vorkommnis, das negative Schlagzeilen verursacht.

-Eine weitere Baustelle wurde durch Uli Hoeneß eröffnet. Der Bayern-Manager sagt zum leidigen Thema Allianz Arena: Wenn 1860 raus will, sollen sie eine Frist nennen, dann würde man sich produktiv damit beschäftigen. Was sagen Sie zu der Offerte?

Ich halte es nicht für ein Angebot, sondern für eine Reaktion aus nachvollziehbarer Verärgerung heraus. Es ist ja so gewesen, dass 1860 und Bayern gemeinsam das neue Stadion wollten und von der Stadt die Zustimmung gefordert haben. Jetzt sieht 1860, welche finanziellen Probleme es damit auf sich geladen hat und richtet alle Erwartungen gegen den FC Bayern. Jetzt will der Lokalrivale wohl verhindern, dass er unter moralischen Druck gesetzt wird, deshalb spielt er den Ball in die andere Spielhälfte und will 1860 zu einer klaren Äußerung zwingen. Die Rückkehr in das Grünwalder Stadion, das nicht ligatauglich ausgebaut ist, ist unmöglich. Und im Olympiastadion hätte 1860 auch große Probleme. Das sage ich, obwohl die Landeshauptstadt von den Mietzahlungen profitieren würde.

-Es gibt die Theorie, dass Bayern Interesse an einem 1860-Ausstieg haben könnte, um die Arena ab 2010 für profitablere Veranstaltungen zu nutzen.

Die Begrenzung des Stadions steht eindeutig fest. Die ist für Fußball und sonst nichts.

-Was ist mit der angeblichen Option?

Die Vertragsbedingungen gelten für die gesamte Zeit des Erbbaurechts.

-Muss 1860 also auf Gedeih und Verderb bis 2025 in der Arena bleiben?

Ja. Das eine ist der Vertrag zwischen 1860 und Bayern bzw. der Stadiongesellschaft, das andere ist der Erbbaurechtsvertrag mit der Stadt. Danach darf das Stadion zu Fußballzwecken genutzt werden und keine Konkurrenz für das Olympiastadion sein, etwa bei Konzerten.

-Wie geht’s jetzt weiter mit 1860?

Das ist eine gute Frage. Die ist aber an das Präsidium zu richten, nicht an ein einzelnes Mitglied des Aufsichtsrates.

-Sollte Stevic Sportchef bleiben?

Ich weiß nicht, ob er dazu bereit ist, denn das war ja sehr eng verknüpft mit dem Investment. Ich habe immer deutlich gemacht, dass ich Stefan Reuter für einen guten Geschäftsführer und wichtigen Sympathieträger halte.

-Würden Sie es befürworten, wenn man Reuter zu einer Rückkehr bewegen könnte?

Ich weiß ja gar nicht, ob er nach den Vorkomnissen noch dazu bereit wäre.

-Klingt aber so, als würden Sie ihn mit offenen Armen empfangen.

Ich persönlich ja, selbstverständlich.

Das Gespräch führte Uli Kellner

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