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Ludwig bleibt ein Fremder in Bayern

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Wenn die Münchner ihre Zurückhaltung aufgeben: Torschütze Alexander Ludwig im Kreise der 1860-Mitspieler. © dpa

Ein feines Tor erzielt, eines vorbereitet – beim 2:2 gegen Düsseldorf machte Alexander Ludwig unbestritten sein bestes Spiel im Löwen-Trikot. Sportlich läuft es immer erfreulicher für den ehemaligen St. Paulianer, privat hat er sich noch nicht so eingelebt

Versteht man Alexander Ludwig richtig, ist in seiner Telefonabrechnung die Vorwahl 040 nach wie vor häufiger aufgelistet als die 089. Der Löwen-Profi konferiert noch immer regelmäßig mit den alten Kumpels vom FC St. Pauli, man tauscht sich aus, frozzelt sich. Da die Hamburger derzeit einen Aufstiegsplatz belegen, Ludwigs neuer Verein jedoch gerade so nicht auf einem Abstiegsplatz steht, geht das Gefrozzel meist auf Kosten des Abtrünnigen. „Kaum ist der Eierkopf nicht mehr da, schon hauen wir jeden Gegner weg“, schildert Ludwig einen der Sprüche, die er sich anhören muss. Er findet: Das passt schon. „Ist ja nicht bös gemeint.“

Alexander Ludwig sitzt in diesen Momenten in seiner teuren Harlachinger 85-Quadratmeter Neubauwohnung (1500 Euro Miete, oder wie er sagt: „Eineinhalb Scheine“) und er wird dann ein bisschen wehmütig, auch wenn er das nicht so direkt zugibt: „Da denke ich gar nicht drüber nach.“ Der Thüringer macht aber keinen Hehl daraus, dass er sich in München bislang nur bedingt wohl fühlt. Sportlich läuft es zwar immer besser, aber privat? Da ist noch Luft nach oben, um es mal vorsichtig auszudrücken. Natürlich, sagt er, hätte er auch in die Innenstadt ziehen können, wo mehr los ist, doch aus Kostengründen hat er die ihm angebotene Altbauwohnung in der Ludwigvorstadt abgelehnt. „Zweieinhalb Scheine wollten die – also nee. Ich bin schließlich alleine und meistens eh nur zum Schlafen da.“ Er findet: „Bumsteuer, dieses München.“

Dass Ludwig, 25, sich bei 300 000 Euro Jahresverdienst (geschätzt) auch ein schickes, zentral gelegenes Loft leisten könnte, würde er kaum bestreiten. Das Thema ist vielmehr: Er will gar nicht näher ran an die Menschen hier. Sein Eindruck nach vier Monaten in Bayern: „Besch . . .“ Einmal, erzählt er, habe er einer älteren Dame beim Arzt die Tür aufgehalten, „aber da kommt kein Dankeschön oder so was“. Ludwig findet: „In Hamburg waren die Leute kühl und zurückhaltend – hier sind sie zurückhaltend und arrogant. Schickeria sagt man glaub ich dazu, oder?“ Für ihn sind die Münchner in jedem Fall „ein besonderes Völkchen. Damit muss man erstmal klarkommen.“

Es kommt selten vor, dass ein Fußballprofi so offen und ehrlich seine Meinung preis gibt, zumal wenn der Pressesprecher daneben steht, aber Ludwig ist nun mal ein Typ, der gewisse Freiheiten für sich in Anspruch nimmt. Dass er sich damit nicht immer Freunde macht – ihm egal. Sein Motto lautet: „Ohne Spaß geht bei mir nichts.“

Umso erstaunlicher ist, dass der privat unglückliche Ludwig seit einigen Spielen immer besser auftrumpft, noch dazu auf einer Position, die für ihn, wie er sagt, definitiv „nicht die Traumrolle“ ist. Es hat Löwen-Trainer Ewald Lienen viel Geduld und etliche Gespräche gekostet, um Ludwig den Part als zweiten Sechser neben Ignjovski anzudienen. Links mag er nicht, defensiv mag er nicht, doch wenn er bei Lienen spielen will, in dessen System kein klassischer Spielmacherpart ausgeschrieben ist, muss ein Freigeist wie Ludwig eben Kompromisse eingehen. „Staubsaugen“ muss er dann, wie er scherzhaft sagt. Ist er ernst, was nicht so oft vorkommt, sagt er: „Wenn der Trainer meint, dass ich der Mannschaft dort helfen kann, dann versuche ich das halt.“ Beurteilt man Ludwig oberflächlich, könnte man ihn für eine Diva halten (zumal er leidenschaftlich Schuhe sammelt). Ist er eine? Dafür spricht, dass er rumzickt, wenn er nach hinten arbeiten muss, dass er jammert, weil er sich fremd fühlt. Gegen die Diva-These spricht: seine ausgeprägte soziale Ader. Dass er im Anschluss an den „ganzen Fußballkram“, also die Karriere, Sozialpädagogik studieren will, ist offenbar kein Witz. Ludwig erzählt: „In Berlin hab ich mal in einem Kinderhort gearbeitet.“ Sein Urteil: Hat Spaß gemacht. „Die Jungs wollten immer Fußball spielen, das war langweilig, aber mit den Mädels konnte ich gut. Die wollten meistens malen.“ Und dann, spielt er mit dem gängigen Waldorf-und Montessori-Klischee, „haben wir alle zusammen unsere Namen getanzt“.

Ob Ludwig bei den Löwen auch noch mal so richtig ausgelassene Zeiten erleben wird? Gut möglich, dass es auch mit dem Tabellenplatz zusammenhängt, dass er zu wenig Spaß empfindet. Oder eben doch: mit der Mentalität. Den Leuten in Waltershausen, Wechmar und Gotha, wo er aufgewachsen ist, würde er seine neue Wahlheimat kaum empfehlen. Nicht mal in einem 120-qm-Loft für einen halben Schein. „Thüringer“, glaubt Ludwig, „würden hier nicht leben wollen.“

Uli Kellner

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