Der März ist das Ziel

- Alanya - Wenn die Spieler des TSV 1860 über die Trainingsplätze der türkischen Südküste gescheucht werden, schaut einer mit wehmütigem Blick zu. Der Chinese Jiayi Shao befindet sich in der Aufbauphase nach einem Kreuzbandriss und kann in den Tagen von Alanya nur ein Soft-Programm absolvieren. Das sieht weniger Ball-, dafür umso mehr Laufarbeit vor.

In seinem putzigen Deutsch sagt Shao, er komme sich vor "wie ein Malathonspielel". Er meinte natürlich Marathonläufer, doch die Aussage ist auch so deutlich geworden: Wie fast alle Fußballer findet auch Shao die Joggerei nicht besonders spannend. Er kramt in seinem Wortschatz und findet noch zwei passende Vokabeln: "Sehr langweilig".

Fünfeinhalb Monate ist es her, dass es in Shaos linkem Knie gekracht hat. Hinter den Löwen lag eine knüppelharte Vorbereitung, wie sie der Chinese noch nie erlebt hatte; bei seinem Heimatklub Guoan Peking ging es dem Vernehmen nach etwas entspannter zu. Kann sein, dass Shao müde im Kopf war, sein ganzer Körper war wahrscheinlich müde, jedenfalls ging an diesem unglückseligen 6. August - diesen Termin weiß er noch, als wäre es gestern gewesen - nicht nur das linke Kreuzband kaputt, sondern auch sein Traum, die erste komplette Saison in der deutschen Bundesliga zu spielen.

Er hatte sich so viel vorgenommen, doch anstatt die vielen schönen Stadien kennen zu lernen, sah sein Programm nun so aus: Operation, Reha, nochmalige Operation wegen eines Meniskusschadens, wieder Reha - und ab Ende November die leidige "Malathon"-Geschichte. Einziger Vorteil: "Ich konnte viel Deutsch lernen." Dafür, dass er erst seit einem knappen Jahr hier ist, kann er sich tatsächlich schon recht gut verständigen.

Shao teilt mit: "Doktor sagt: im März erstes Spiel." Sieben Monate Pause hätte er dann hinter sich. Eine lange Zeit für einen 23-Jährigen, der endlich zeigen will, was er kann, und der überdies einen sehr ungeduldigen Nationaltrainer hat: ",Wann bist du zurück? fragt er immer", berichtet Shao. Sein Vereinstrainer drängt ihn dagegen zu nichts. Falko Götz plant erst mal ohne den talentierten Offensivspieler, ihm ist nicht entgangen, dass Shao noch ein wenig gehemmt ist: "Er ist sehr ängstlich, aber wir wollen Jiayi und die Ärzte nicht unter Druck setzen."

Götz versteht Shaos Bedenken, schließlich gibt es genug Fälle, wo sich ein Kreuzbandpatient, kaum genesen, gleich wieder schwer verletzte. Wer diese mühselige Aufbauphase einmal miterlebt hat, will eine Wiederholung nach Möglichkeit vermeiden.
Seine fröhliche und offene Art hat sich der Chinese trotz der langen Leidenszeit bewahrt, er versucht halt, das Beste daraus zu machen. Shao sucht auch privat den Kontakt zur Mannschaft, hat ein Haus mit netten Nachbarn in Taufkirchen bezogen und fand zwischendurch sogar Zeit, die Schönheiten Bayerns zu erkunden. "Am Chiemsee war ich schon und in Schwansee." Schwansee? Neuschwanstein meinte er, wie sich nach einigen Rückfragen herausstellt. Da hatte er zwar noch nie was von gehört, "aber meine Freunde in der Heimat haben immer gesagt: Da musst du hingehen, das ist weltbekannt. So was wie Disneyworld."


Das Märchenland Bundesliga wird er auch noch früh genug richtig kennen lernen, schließlich läuft sein Vertrag bis 2007, und er hat nicht vor, Deutschland so schnell zu verlassen. Eine Sache gibt es, die schätzt er am meisten am beschaulichen Bayern: "Es ist überall so still." Nur beim täglichen "Malathonspiel" wird es ihm bisweilen zu ruhig.

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