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„Völlig meschugge . . .“

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Manfred Stoffers
Manfred Stoffers © getty

München – Ewald Lienen ließ sich das heikle Schriftstück reichen, setzte die Lesebrille auf – dann wurde es still im Medienhaus der Löwen.

Sekundenlang studierte der 1860-Coach das Vorwort des Stadionmagazins, in dem sein Vorgesetzter Manfred Stoffers trotzig vom Aufstieg fabuliert hatte („Wer kein Ziel mehr hat, versinkt in frustrierter Belanglosigkeit“). Als Lienen fertig war und seine Gedanken sortiert hatte, blickte er in eine zur neugierigen Mitschrift bereite Reporterrunde und sagte sinngemäß: Der Geschäftsführer hat völlig recht, wenn er trotz eines Rückstandes von 12 Punkten auf den Relegationsplatz solche Ziele formuliert; er hätte aber genauso recht, wenn er behauptet hätte, das Ziel gegen Aufsteiger Düsseldorf am Sonntag müsse sein, möglichst nicht zweistellig zu verlieren. Mit anderen Worten: Der Chef kann sagen, was er will, es steht dem Angestellten nicht zu, das zu kommentieren. Der „Fußfalle“, wie Lienen den Hinweis auf die Zeilen des 1860-Bosses nannte, war er klug ausgewichen. „Koordinativ und dribbelstark war ich schon immer“, sagte der Trainer triumphierend. Jetzt halt mit Worten.

Als Thomas Riedl vor zehn Jahren Löwen-Geschichte schrieb

Kaum ein Verein ist rhetorisch so gut aufgestellt wie 1860. Lienen beweist das jede Woche bei seinen Presseauftritten – Stoffers alle 14 Tage, wenn ein Heimspiel ansteht und er sich, anders als frühere Chefs, selber hinsetzt, um ein paar einstimmende Sätze an die „lieben Löwenfans“ zu richten. Häufig, hat er mal erzählt, kommt ihm die Inspiration zu seinen Texten „nach einem guten Abendessen“ (mit einer Flasche Wein?) – „das schreibe ich dann so beiläufig auf eine Serviette“.

Einleitend steht diesmal auf der Serviette resp. im Vorwort: „Auch wenn Sie mich jetzt für völlig meschugge halten . . .“. Stoffers ist sich offenbar im Klaren darüber, dass er da ein relativ heißes Eisen anpackt. Dass man ihm seine Sätze als Größenwahn auslegen könnte. Schmerzfrei, wie er bisweilen wirkt, dürfte ihm das jedoch egal sein. „Halbe Sachen gehen hier nicht“, verteidigt er das ursprüngliche Saisonziel. Seine Begründung: „Wer in der Zweiten Liga spielt und nicht in die Erste will, der sollte sich gleich aus dem Profi-Fußball abmelden und eine Thekenmannschaft gründen.“

Die besten Stoffers-Sprüche

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Stoffers, so scheint es, hat aus den Fehlern der früheren Führung gelernt. War Stefan Reuter und Marco Kurz nicht immer vorgeworfen worden, dass sie Ziele formuliert haben, die keine sind („Besser abschneiden als letzte Saison . . .“)? Andererseits: Wenn das Heimspiel gegen Düsseldorf in die Hosen geht und die Löwen auf Relegationsplatz 16 rutschen, fliegen einem solche Aussagen auch mal schnell um die Ohren.

Man sollte die Sache nicht zu ernst nehmen. Mit Sicherheit sind Stoffers’ Aussagen nicht dazu geeignet, eine Zielvorgabe für Lienen abzuleiten. Der Trainer überspielte seine Überraschung über die Veröffentlichung zwar mit einem Witz („Sie sehen, wir arbeiten manchmal so viel, dass wir gar keine Zeit haben, uns auszutauschen“), und grundsätzlich findet er, dass „Absichtserklärungen“ im Sport nicht weiterhelfen. Aber: „Der Text enthält keinen einzigen Punkt, an dem ich Herrn Stoffers widersprechen würde.“ Kurzfristig zählt für Lienen jedoch nur „harte, ehrliche, konzentrierte, kompetente Arbeit“. Der Coach überlegt, wie sich die Ausfälle kompensieren (Felhi hat Angina, Aigner ist gesperrt) – und die „sehr spielstarken“ Fortunen knacken lassen. Die „langfristigen Ziele“ überlässt er den Herren im 3. Stock. Und noch mal zu Stoffers: „Es ist etwas, was er machen darf – und auch machen muss.“

Er ist eben ein PR-Profi, der frühere Festina-Chef, der mal Psychologie studiert hat. Erreicht Stoffers mit seinen Worten, dass nur ein paar 100 Fans aus ihrer Lethargie gerissen werden und ins Stadion gehen, hat sich der Einsatz (10 Minuten grübeln, eine beschmierte Serviette) gelohnt.

Uli Kellner

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