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“Wir haben auch heute noch nicht in allen Punkten Übereinstimmung erzielt, wie der geschlossene Vertrag in der Praxis mit Leben zu erfüllen ist“, sagte Präsident Dieter Schneider am Montagabend auf der Delegiertenversammlung in Planegg bei München.

Delegiertenversammlung: Schneider kontra Ismaik

München - Knapp fünf Monate nach der Rettung des TSV 1860 gibt es mächtig Ärger zwischen der Vereinsführung und dem arabischen Investor Hasan Ismaik. Das wurde auf der Delegiertenversammlung am Montagabend deutlich.

Eigentlich hatte der Tag beim TSV 1860 verheißungsvoll begonnen, nämlich mit einer erfreulichen Nachricht.

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Gegen Mittag meldete der Verein das schon länger erhofft und zuletzt auch Erwartete: Kevin Volland, so war einer Rundmail zu entnehmen, bleibt den Löwen bis zum Saisonende erhalten. Mit 1899 Hoffenheim, das die Transferrechte am jungen Stürmer besitzt, sei diese für alle Beteiligten „gute Lösung“ gefunden worden. Das war’s dann aber auch schon mit positiven Meldungen, denn am Abend stand ein traditionell schwieriger Termin auf dem Programm: die alljährliche Delegiertenversammlung.

Nach gewohnt launiger Einführung durch Vize Franz Maget („Wer die roten Stimmkarten angeschafft hat, möge sich bittschön melden“) und Klärung der Formalitäten wurde es schon beim ersten Wortbeitrag ernst. Im halbstündigen Bericht von Präsident Dieter Schneider zeigte sich, dass der heimelig-bayerische Rahmen im Planegger Wirtshaus Heide Volm trügerisch war. Die Gegenwart des Traditionsvereins ist vielmehr geprägt von kühlem Machtgerangel zwischen den neuen, ungleichen Partnern.

Nach nur fünf Monaten Zusammenarbeit herrscht Eiszeit zwischen dem Giesinger Mutterverein, den arabischen Miteigentümern und dem niedersächsischen Geschäftsführer Robert Schäfer, der sich frühzeitig und einigermaßen dreist auf die Seite der Investoren geschlagen hatte. Dem jungen KGaA-Chef wirft Schneider vor, gezielt Informationen zurückgehalten zu haben. In Richtung Hasan Ismaik und seinem Partner Hamada Iraki wetterte Schneider, sie würden auf skrupellose Weise nach noch mehr Macht und Einflussnahme streben.

Schon kurz nach der Vertragsunterzeichnung, blickte Schneider zurück, „haben sich die unterschiedlichen Auffassungen über die weitere Zusammenarbeit immer mehr herauskristallisiert“ – und zwar auf fatale Weise. Dies habe zur Folge gehabt, so Schneider, „dass ich auch seitens der Geschäftsführung vom Informationsfluss abgeschnitten wurde“. Nur auf „sehr genaues Nachfragen“, und meist mit erheblicher Verspätung, sei das Präsidium an wichtige wirtschaftliche Auskünfte gelangt.

Bilder von der Delegiertenversammlung

Ärger auf der Delegiertenversammlung: Schneider schießt gegen Investor

Ärger auf der Delegiertenversammlung: Schneider schießt gegen Investor

Die (Des-)Information des Geschäftsführers ist für Schneider das eine Übel. Mindestens so schwer wiegt für ihn das Feilschen der arabischen Partner um jeden Cent. Zum Beispiel in der Frage nach Wintertransfers, über die sich beide Parteien ausnahmsweise einig sind. Laut Schneider steht seitens der Investoren „die ganz klare Forderung im Raum“, dass der Verein neue Kredite aufnehmen möge (natürlich bei Ismaik). Das, so Schneider „geht aber an der Realität vorbei“. Die Löwen sind zwar wieder in der Lage, ihren Delegierten eine Halbe Bier und eine Leberkassemmel zu spendieren. Sich neuerlich zu verschulden, will man sich aber nicht leisten. „Denn dann“, so Schneider, „würde uns ganz schnell wieder das Insolvenzrecht einholen.“

Wie nicht anders zu erwarten war, wurde Präsident Schneider mit überwältigender Mehrheit im Amt bestätigt (bei nur vier Nein-Stimmen und sechs Enthaltungen). Das alte Präsidium Beeck, Hasenstab, Maget, das das Ausmaß der Finanzmisere zu spät erkannt hatte, wurde dagegen mit 43 Nein-Stimmen abgewatscht. Es war deutlich zu sehen, wem die Sympathien gehören. Bestimmt trug dazu auch die bitte Erkenntnis bei, die Schneider in aller Offenheit eingeräumt hatte. „Der Investor hat sich nicht aus Mitleid eingekauft oder weil wir so schöne blaue Augen haben“, sagte er. Sondern weil 1860 ein „außergewöhnlich attraktiver Traditionsverein“ sei, mit dem sich gutes Geld verdienen lasse.

Der Klammergriff durch die arabischen Investoren blieb das beherrschende Thema des Abends, doch trotz Alkoholausschanks im Saal kochte die Stimmung nicht über. Anders als bei früheren Versammlungen gab es keine Anfeindungen und keinen offen ausgetragenen Streit, selbst Iraki und Schäfer, die mit fast zweistündiger Verspätung dazustießen, wurden mit höflichem Beifall begrüßt. Man kritisiert sich, aber zerfleischt sich nicht. Wenn man so will, eine weitere positive Erkenntnis des gestrigen Tages.

Uli Kellner

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