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Tanners polternder Abgang

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Emotionaler Abschied für Ernst Tanner.
Emotionaler Abschied für Ernst Tanner. © sampics

München – Der scheidende Juniorenleiter wirft den Löwen-Bossen Inkompetenz und Irreführung vor – Stoffers: „Selbstgefälliges Stammtisch-Gerede“

Wenn ein hochklassig besetztes Nachwuchsturnier ansteht wie der EnBW U 19-Cup in Pforzheim, darf einer wie Ernst Tanner natürlich nicht fehlen. Pfingsten auf Talentbörsen zu verbringen, ist für Tanner nichts Neues, das macht er seit 15 Jahren so. Neu war für ihn gestern nur, dass er die Talente nicht für 1860 sichtete, sondern für die TSG Hoffenheim, seinen neuen Arbeitgeber.

Zwei Tage zuvor war Tanner ein emotionaler Abschied bereitet worden. Am Rande des Saisonfinales der U 23 im Grünwalder Stadion überreichte Vizepräsident Franz Maget dem scheidenden Juniorenleiter einen Porzellanlöwen, Tanner winkte gerührt ins Publikum, 10 000 Fans feierten ihn. „Wenn ein Großer geht, bleibt Großes zurück“, stand auf Plakaten. „Danke, Ernst Tanner .“

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Hinterlassen hat Tanner allerdings auch einen großen Berg schmutziger Wäsche. Die SZ druckte ein ganzseitiges Interview ab, in dem der Teisendorfer kein gutes Haar an seinem Ex-Verein lässt. Unfähige Funktionäre, kein Konzept, falscher Umgang mit der Jugend. Auf diesen Nenner lassen sich Tanners Tiraden bringen, die überschrieben sind mit dem Zitat: „Bei Sechzig zählen nur Emotionen, keine Strategien.“ Auf die Frage, warum er einen derart polternden Abgang gewählt habe, sagte Tanner: „Mir war wichtig, dass die Leute wissen, warum ich gehe.“ Die Wahrheit, findet er, „gehört ans Licht“.

Bittere Wahrheit ist für Tanner, dass die Löwen-Führung „in den letzten fünf, sechs Jahren nicht viel richtig gemacht“ hat, was „auf Dauer tödlich“ sei. Talente seien verheizt oder „weit unter Wert“ verkauft worden, nicht wenige hätte die U 23 in schlechterem Zustand von den Profis zurückbekommen, „als wir sie hingegeben haben“.

Ganz konkret attackierte Tanner auch die aktuelle Doppelspitze. Miroslav Stevic hat nun auch schriftlich, dass der Neu-Hoffenheimer ihn für eine Fehlbesetzung hält („Mein Vorschlag war, dass man einen gescheiten Sportdirektor holt“), Manfred Stoffers muss sich gar den Vorwurf gefallen lassen, die Öffentlichkeit getäuscht zu haben. Der Geschäftsführer hatte auf einer Versammlung im März versprochen, der Jugendetat bleibe unangetastet, doch Tanner rechnet vor: „Wir hatten 1,8 Millionen Euro, dann 1,5, vergangene Saison 1,3 und jetzt noch eine Million.“ Was Stoffers vor 1000 Mitgliedern behauptet habe, sei „Schall und Rauch“.

Heftige Anschuldigungen sind das, und natürlich haben die Attackierten umgehend zur Gegenattacke ausgeholt. „Stillos“, wetterte Stoffers. Tanners Rundumschlag sei „Ausdruck von Bitterkeit und Frustration. Selbstgefälliges Stammtisch-Gerede.“ Von Kürzungen im Jugendbereich könne nicht die Rede sein, ganz im Gegenteil: „Wir wollen die Qualität weiter verbessern.“ Beleg dafür: Tanners Job wird künftig auf mehrere Schultern verteilt. Den organisatorischen Part übernimmt Ralf Greif (kommt aus der Behindertenhilfe), für den sportlichen wird noch ein kompetenter Mann gesucht. Voraussetzung: Er sollte bereit sein, Pfingsten auf Jugendturnieren zu verbringen – und möglichst keine Interviews geben.

von Uli Kellner

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