1. Startseite
  2. Sport
  3. TSV 1860

Ein moderner Kahn

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

- München - Zu den vielen, ungeschriebenen Gesetzen des DFB-Pokals gehört auch diese Regelung: Dass in den ersten Begegnungen gegen unterklassige Gegner die Stunde der Ersatztorhüter schlägt. Beim TSV 1860 wird im Spiel bei Verbandsligist SV Germania Schöneiche "Pokal-Keeper" Timo Ochs zwischen den Pfosten stehen, was zwar schon vor der Saison so verabredet war, nun aber eine gewisse Brisanz birgt. Grund: Die Nummer 1, Michael Hofmann, hat nicht gut gehalten in den ersten beiden Ligaspielen und steht nun öffentlich in der Diskussion. Sollte der junge Ochs seine Sache gut machen, ist ein dauerhafter Wechsel nicht auszuschließen.

Der Mann, der Hofmann den Arbeitsplatz streitig machen will, ist zwar erst 22, doch er weiß, was er will - und vor allem: was er kann. Er konnte in der vergangenen Saison zwar nicht Osnabrück vor dem Absturz in die Regionalliga bewahren, doch ansonsten gelang dem langen Blonden mit der Zahnlücke ("mein Markenzeichen") allerhand: Er hat den ehemaligen Bayern-Profi Sven Scheuer aus dem Tor verdrängt, Burghausen beim 3:0 "zur Verzweiflung gebracht" (1860-Coach Rudi Bommer, damals Wacker), er hat den Sprung in den EM-Kader der U 21 geschafft - und sich durch seine Saisongesamtleistung für diverse Zweitligisten interessant gemacht.

Dass Ochs aus den vielen Anfragen das Angebot der Löwen ausgewählt hat, sagt einiges aus über sein Selbstbewusstsein. Bedenken, den Zweikampf mit dem bis vor kurzem unumstrittenen Michael Hofmann aufzunehmen, hatte er keine. Er sagt: "Ich habe einen Zweijahresvertrag unterschrieben, und mein Ziel ist es, am Ende der zwei Jahre die Nummer 1 zu sein." Spätestens. Und am liebsten dann in der ersten Liga. Ochs stand sieben Jahre bei Hannover 96 unter Vertrag, hat dort in der Saison 2002/2003 am großen Fußball geschnuppert und damals für sich beschlossen: "Geile Sache! Da will ich wieder hin."

Vom Talent her kann er das wohl schaffen. Peter Sirch, Torwarttrainer der Löwen, beschreibt den gebürtigen Göttinger als "selbstbewusst, super-professionell, ehrgeizig und verbissen", was den Vergleich mit dem jungen Oliver Kahn nahe legt. Damit braucht man Ochs aber nicht zu kommen. Er hat eine andere Auffassung vom Torwartspiel als Kahn und die anderen Old-School-Keeper. Auf der Linie stehen, ab und zu eine Parade machen und die Bälle "hoch und weit" nach vorne dreschen, das ist ihm zu wenig. Seine Philosophie ist: Er möchte einen Beitrag leisten zum Aufbauspiel, klug hinten rausspielen und Gefahren schon im Entstehen vereiteln. Daher steht Ochs konsequent drei bis vier Meter vor seinem Tor. Diesen Tipp hat ihm einst sein Jugendtrainer gegeben, wohl wissend um die Gefahren. "Ich bin zwar der Depp des Tages, wenn ich einen Heber aus 30 Metern kassiere", weiß Ochs, "aber wenn ich dafür pro Spiel 10, 20 Bälle ablaufe, hat die Mannschaft mehr davon." Er ist wohl, wenn überhaupt, ein moderner Kahn.

Und noch eine Sache unterscheidet den ehrgeizig und verbissenen Ochs vom ehrgeizig und verbissenen Kahn. Der junge Löwen-Profi hat auch, wie Torwarttrainer Sirch bestätigt, "diese gewisse Lockerheit". "Zu mir hat noch keiner gesagt, dass ich bekloppt bin", wehrt sich der nebenberufliche Sportmarketing-Student gegen das gängige Torhüter-Klischee. "Ich bin ganz normal."

Auch interessant

Kommentare