Der Neue verschafft sich schnell Respekt

- Alanya - Die Partie war eine gute Stunde alt, und Nijmegens Björn van der Doelen, ein wilder Typ, der nicht viel von deutsch-holländischer Freundschaft zu halten scheint, hatte sich schon so ziemlich mit jedem Spieler des TSV 1860 angelegt. Das war ein Fehler. Löwen-Neuzugang Fernando wartete einen günstigen Moment ab, nahm Anlauf - und grätschte Nijmegens Nummer 17 in die Beine, dass den Zuschauern der Atem stockte. "Wenn jemand meine Kollegen angreift, greift er auch mich an", verteidigte der Brasilianer seinen Einsatz. "Es war Zeit, sich Respekt zu verschaffen und ihm zu zeigen: Hey, hier bin ich der Chef!"

Die Szene erklärt, warum die Münchner den Millionenmann verpflichtet haben und Falko Götz schon vor dem ersten Pflichtspiel festlegt: "Fernando ist gesetzt." Der Innenverteidiger mit der furchteinflößenden Statur - 1,92 m, Schultern wie ein Türsteher - verkörpert all das, was das zahme Löwen-Team in der Hinrunde vermissen ließ: Er strotzt vor Selbstbewusstsein, lässt sich nichts gefallen und zeigt Mitspielern wie Gegnern, wo's lang geht auf dem Platz. Er sagt: "Ich war schon immer ein Leader." Nicht ohne Grund trug er schon mit 23 Jahren die Kapitänsbinde beim Spitzenklub Flamengo Rio de Janeiro.

Rund um Rio war Fernando nach Auskunft seines Managements eine große Nummer. Ein regionaler Star mit Selecao-Ambitionen, einer, der Fernsehwerbung machte, eine Persönlichkeit eben. Berater Efraim Linck sagt: "Er ist ein Typ wie Effenberg." Nicht nur wegen des Tiger-Tattoos, das Fernandos rechten Bizeps schmückt (zudem hat er die Christus-Statue von Rio und den Namen seiner verstorbenen Mutter eintätowiert), sondern auch, weil er mit Flamengo schon in jungen Jahren einiges erreicht hat. Unter Trainer Mario Zagallo räumte er 2001 sämtliche Titel ab, die es in Brasilien zu gewinnen gibt, er bildete mit Leverkusens Juan ein kongeniales Abwehrduo ("Er war der Techniker, ich mehr der kopfballstarke Kämpfer") und durchlief sämtliche Jugendnationalteams. "Ein Rohdiamant, den man nur noch schleifen muss", schwärmt Falko Götz.

Warum so einer ausgerechnet bei 1860 landet? Die Löwen erklären es so: Flamengo brauchte Geld und verkaufte den Jungstar an ein Investoren-Konsortium. Dieses darf laut Fifa-Bestimmungen keine Transferrechte halten, also parkte es Fernando bei einem uruguayischen Zweitligisten (El Tanque Sisley). Ein Glücksfall für 1860. Sportdirektor Dirk Dufner: "Brasilianische Klubs rufen in der Regel utopische Summen auf. Mit dieser Gruppe konnten wir ganz andere Konditionen aushandeln." Zum Beispiel eine Ratenzahlung. Fernandos Vertrag läuft bis 2007, bis dahin sind jedes Jahr geschätzte 250 000 Euro fällig, vielleicht sogar mehr. "Wir sind für ihn über unsere Schmerzgrenze hinausgegangen", bekennt Geschäftsführer Karl-Heinz Wildmoser jr., "eigentlich wollten wir ihn erst im Sommer holen, aber damit ihn uns keiner wegschnappt, haben wir den Transfer auf den Winter vorgezogen."

Für Fernando bedeutet das: Deutschland statt Dynamo Kiew, das ihn ebenfalls holen wollte. Dass er großes Heimweh haben würde, wusste er schon vorher, doch die Integration läuft nach Plan. Landsmann Costa weicht ihm kaum von der Seite, mit Zimmerpartner Poschner ("Sein Sohn heißt auch Lucas") spricht er spanisch, in München wird Berater und Dolmetscher Linck bei ihm wohnen, bis seine Freundin nachkommt.

"Wunderdinge dürfen wir anfangs nicht erwarten", hat Götz vorsichtshalber gesagt, und auch das: "Wir wollen keinen Deutschen aus ihm machen." Das würde auch gar nicht gelingen. Fernando sagt, wie die meisten Brasilianer sei auch er "immer fröhlich". Nur auf dem Platz ist mit ihm nicht zu spaßen.

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