1. Startseite
  2. Sport
  3. TSV 1860

Mit Gebrüll in bessere Zeiten

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Uli Kellner

Kommentare

Ein Heißsporn packt an: Der Portugiese Pereira bei seiner ersten Trainingseinheit im Dienst des TSV 1860.
Ein Heißsporn packt an: Der Portugiese Pereira bei seiner ersten Trainingseinheit im Dienst des TSV 1860. © Rauchensteiner

In Ermangelung von Neuzugängen ist Vitor Pereira der größte Blickfang beim Löwen-Start in die Wintervorbereitung. Der portugiesische Coach bringt ein vielköpfiges Team mit, gibt zackige Kommandos auf Englisch und weckt die Zuversicht des Meisterlöwen Peter Grosser: „Schlechter als bisher kann’s ja nicht werden.“

München – Das „Jahr der Veränderungen“, das Hasan Ismaik ausgerufen hat, beginnt gleich mal mit einem Stresstest. Wintereinbruch in der Nacht, Fanansturm am Vormittag, doch siehe da: Ismaiks Investitionen tragen erste Früchte, sie ermöglichen einen reibungslosen Start in die Rückrundenvorbereitung des TSV 1860. Die neue Rasenheizung sorgt erstmals seit Jahren für professionelle Bedingungen inmitten eines verschneiten Klubgeländes. Gemeinerweise streikt dafür die in vielen harten Wintern bewährte Kaffeemaschine von Stüberl-Wirtin Christl. Entsprechend ist die Laune der älteren Dame. 400 Fans können es verschmerzen. Sie sind vor allem gekommen, um sich ein Bild vom Trainer Vitor Pereira zu machen.

In Ermangelung von Neuzugängen ist der Portugiese zugleich der größte Blickfang. Es gibt freundlichen Applaus, als der 48 Jahre alte Pereira um 10.40 Uhr hinter Daniel Adlung, Jan Mauersberger und anderen altbekannten 1860-Profis den Platz betritt. „Pack ma’s“, ruft ein Fan, der zu einer Minderheit gehört, die nicht mit Smartphone über dem Kopf ein erstes Livevideo dreht. Auch Peter Grosser, 78, reiht sich brav ins Spalier der Zaungäste ein, Vita und erste Kampfansagen des weitgereisten Trainers („We go to the top“) haben die Neugier im Kapitän der Meistermannschaft geweckt. „Er hat ja sehr optimistische Aussagen gemacht“, sagt Grosser mit einem tiefgründigen Lächeln: „Daran muss er sich jetzt messen lassen.“

Und die ersten 85 Minuten unter Pereiras Leitung verlaufen durchaus so, dass sich ein kritischer Geist wie Grosser damit identifizieren kann. Wildes Gebrüll auf dem Platz, zu dem auch ein vielköpfiger Trainerstab beiträgt. Übungen, die so zackig durchgeführt werden, wie es dem Naturell des portugiesischen Heißsporns entspricht. „Er muss ja viel brüllen“, sagt Grosser lapidar: „Reden kann er ja nicht.“ Zumindest (noch) nicht in Deutsch. Dass die Grundsprache jetzt auch auf dem Platz Englisch ist, unterbrochen von lautmalerischem Portugiesisch („Tak! Tak! Tak!“), findet Grosser unbedenklich: „Fußball braucht kein großes Vokabular. Man sieht ja bei den Übungen, dass es geklappt hat.“ Grossers Grundhaltung ist positiv. „Schlechter als bisher kann’s ja nicht werden“, sagt er: „Man sieht ja in der 1. Liga, wie schwer es ist, gute deutsche Trainer zu finden.“

Der von den Fans gefeierte Pereira beendet seinen ersten Arbeitstag ohne offizielles Antritts-Interview. Anweisung von Geschäftsführer Anthony Power. Äußern dürfen sich nur die beiden Kapitäne. „Viel kann man noch nicht sagen, aber er macht einen ehrgeizigen Eindruck“, sagt Stefan Aigner: „Man merkt gleich, dass Aggressivität sein oberstes Ziel ist.“ Vize Jan Mauersberger ergänzt: „Der erste Eindruck ist sehr gut. Er ist sehr ambitioniert und hat klare Vorstellungen – die wollen wir in den nächsten Wochen umsetzen.“

Neben Ribamar und Rodnei, die nach alter brasilianischer Tradition verspätetet einfliegen, fehlen beim Auftakt nur drei Profis: Ivica Olic hat Magen-Darm-Grippe, Sascha Mölders muss aus unbekannten Gründen zum Arzt, Andrade kuriert einen Kreuzbandriss aus. Erfreulich dagegen: Krisztian Simon, der fast vergessene Ungar, meldet sich vorsichtig zurück. Erstmals nach zwei Kreuzbandrissen kann er wieder in der Nähe seiner Teamkollegen ein paar Bälle treten.

Ein insgesamt lockerer Aufgalopp war das für die Profis. Richtig ernst wird es erst heute, wenn die Löwen für 16 Tage nach Portugal fliegen, ins längste Trainingslager der Vereinsgeschichte. „Ich freue mich, dass es in die Sonne geht“, sagt Aigner und fügt weise hinzu: „Aber wir fahren da sicher nicht hin, um Urlaub zu machen und am Strand zu liegen. Wir sind in keiner guten Situation. Jetzt heißt es hart arbeiten, um da unten rauszukommen.“

Es ist dem energischen Pereira zuzutrauen, dass die 16 Tage im Mourinho-Camp nicht zur Lustreise werden.

Auch interessant

Kommentare