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Noch 14 Auftritte im Schaufenster

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In München angekommen – aber schon bald wieder weg: BVB-Leihgabe Rukavina, hier nach seinem ersten Tor.
In München angekommen – aber schon bald wieder weg: BVB-Leihgabe Rukavina, hier nach seinem ersten Tor. © dpa

München – Mit Rukavina hat 1860 endlich einen fähigen Rechtsverteidiger, aber nur auf Zeit: Dortmund freut sich schon auf ihn.

Bei dieser Frage würden selbst eingefleischte 1860-Fans den Telefonjoker einsetzen, vermutlich müsste sogar Michael Hofmann passen, die wandelnde Daten-Festplatte des Vereins: Bei der Frage nach dem besten Rechtsverteidiger, der jemals seinen Schweiß ins Löwen-Trikot gesetzt hat.

Versucht haben sich viele auf dieser für den modernen Fußball so wichtigen Position. Seit dem Abstieg vor fünf Jahren waren es 16 Spieler, und schon die hohe Anzahl an Experimenten belegt: Keiner hat sich so richtig unentbehrlich gemacht. Es gab so genannte Experten wie den fülligen Fabian Lamotte. Es gibt wiederkehrende Verlegenheitslösungen mit Torben Hoffmann, der Manndecker gelernt hat. Getüftelt wurde mit Mittelfeldspielern, die mangels Alternativen zurückversetzt wurden, wobei Daniel Baier den widerwilligsten Probanden gab. Nicht zu vergessen die Einmal-und-nie-wieder-Versuche mit Talenten wie Julian Baumgartlinger. Geht man noch weiter zurück, stöbert man Andreas Görlitz auf (jetzt KSC), der sich im Abstiegsjahr relativ achtbar schlug – und noch ein paar Archivseiten zuvor, wir befinden uns bereits im Bundesliga-Pleistozän, endet die Recherche abrupt. Dann landet man beim veralteteten Spielsystem mit Libero, Manndeckern und Fünfer-Mittelfeld. Die Frage nach dem besten Rechtsverteidiger der Löwen ist eine Fangfrage, denn die Antwort müsste korrekterweise lauten: Es gab nie einen richtig guten.

Merkurtz.tv

Antonio Rukavina: "Ich will spielen"

Marco Kurz: "Das war keine Glanzleistung"

Umso erfreulicher für die Löwen, dass ihnen Sportchef Miroslav Stevic zum Einstand nun den serbischen Nationalspieler Antonio Rukavina in den Kader gepflanzt hat. Rukavina, die Leihgabe aus Dortmund, gilt nämlich nicht nur als Spezialist für diese hochkomplexe Position, der 25-Jährige spielt auch so. Bereits bei seiner Debütvorstellung in Mainz flitzte er mit Sinn und Verstand die rechte Außenbahn vor und zurück, bereitete mittels herrlicher Flanke Lauths Kopfballtreffer zum 2:2 vor. Am Sonntag nun, beim Heimsieg gegen Ahlen (2:1), bestätigte Rukavina den ersten, viel versprechenden Eindruck. Hinten ließ er nichts anbrennen, vorne schloss er eine Kombination über Schäffler, Rösler und Aigner überlegt zum 2:0 ab. Es war sein erster Treffer im deutschen Profifußball, den er dem Anlass entsprechend feierte. Rukavina kletterte auf den Zaun zu den Fans, jubelte, als wäre es das für den Aufstieg entscheidende Tor gewesen, und dass er für diese Aktion die Gelbe Karte sah, war nicht mehr als ein Schönheitsfehler. „Ich kannte diese Regel nicht“, wunderte er sich noch am Tag danach.

Das Münchner Publikum kennt er jetzt. Die Tatsache, dass er Küsschen Richtung Nordkurve schickte, kann als Beleg dienen, dass er bei 1860 angekommen ist. Und auch andersrum verläuft die Integration gut. Keiner vermutet mehr, dass Rukavina nur hier ist, weil er ein Landsmann von Stevic ist. Ähnlich flink, wie der Serbe die rechte Außenbahn entlang flitzt, erschließt sich Beobachtern, warum Borussia Dortmund vor einem Jahr 2,5 Millionen Euro an Partizan Belgrad überwiesen hat. Chefcoach Marco Kurz, der wie die Jungfrau zum Kind zu einem Klassespieler gekommen ist (Stevic fragte nicht, er handelte einfach), sagt inzwischen voller Anerkennung: „Er hat eine Qualität, die uns weiterhilft. Vor allem seine Vorstöße sind immer gefährlich.“

Wahrscheinlich dürfen sich Kurz und die Löwen-Fans aber nur noch 14 Mal an Rukavinas Dynamik erfreuen. Der Serbe ist bis zum Sommer ausgeliehen, ab da ist er wieder vertraglich an Dortmund gebunden (wo er 900 000 Euro verdient haben soll). Dass der klamme Zweitligist ihn darüber hinaus halten kann, ist eher fraglich. Zum einen, weil die Sache mit dem Investor nach wie vor ungeklärt ist – auch wenn Schwarzer die Leihgebühr für Rukavina und Gulan derzeit stundet. Zum anderen, weil sich das Interesse des Spielers mit dem des BVB deckt. Das Thema ist: Spielpraxis im Schaufenster 1860 sammeln. Diese soll Rukavina ab Sommer gegen Patrick Owomoyela verwenden, der momentan rechts in Dortmunds Viererkette spielt.

Rukavina sucht zwar eine Wohnung in München für sich und seine Frau, macht aber keinen Hehl daraus, dass er seine Zeit bei 1860 als Intermezzo ansieht. Er sagt: „Ich werde mental gestärkt nach Dortmund zurückkehren.“ BVB-Boss Hans-Joachim Watzke bestätigt: „Wir planen mit ihm. Er kommt im Sommer zurück.“ Für die kleinen Sechzger ist der international erprobte Serbe (15 Länderspiele) wie eine gemietete Edelkarrosse: Probefahren, bisschen damit protzen, dann möglichst ohne Gebrauchsspuren zurückgeben.

Die Löwen müssen sich ab Sommer wohl oder übel einen neuen Rechtsverteidiger suchen – oder wieder improvisieren. Gibt ja genug Thorandts und Hoffmänner, die auf dieser Position schon ausgeholfen haben. Vielleicht nutzt der eine oder andere die restlichen 14 Rukavina-Auftritte dazu, sich ein bisschen was abzuschauen.

von Uli Kellner

Rechte Experimente

beim TSV 1860 seit 2004 (nach Einsätzen in der Anfangself):
Thorandt34
Lamotte22
Johnson18
Lanzaat16
Ghvinianidze, Hoffmann15
Burkhard8
Cerny, Meyer6
Frühbeis4
Baier, Janker, Tyce3
Rukavina2
Baumgartlinger, Ledgerwood1

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