Noor Basha
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Noor Basha, Statthalter von 1860-Investor Hasan Ismaik.

29-Jähriger auf allen Ebenen präsent

Noor Basha: "Das Geld ist da. Und Hasan ist bereit"

  • Armin Gibis
    VonArmin Gibis
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München - Noor Basha ist beim Fußball-Zweitligisten TSV 1860 seit drei Jahren als Stellvertreter des mächtigen Mehrheitsgesellschafters Hasan Ismaik im Einsatz. Im Münchner Merkur spricht er über Ismaiks Eigenheiten und sein Vertrauen in Gerhard Poschner.

Der 29-Jährige, der inzwischen fließend Deutsch spricht, ist auf allen Ebenen präsent: Vom Präsidenten über die Geschäftsführer, Trainer, Spieler bis zum Platzwart und den Fans. „Die drei Jahre waren für mich wie drei Jahrzehnte“, sagt der aus Jerusalem stammende Jordanier über seine Münchner Erfahrungen. Seine Hauptaufgabe ist, den Kontakt mit seinem Cousin Hasan Ismaik aufrechtzuerhalten, mit ihm alle wichtigen Themen zu besprechen und dessen Interessen zu vertreten. Im Interview mit dem Münchner Merkur äußerte sich Basha über Ismaiks Eigenheiten, über sein Vertrauen in Sportchef Gerhard Poschner, die noch offene Trainerfrage und die Perspektiven der Löwen nach glücklich überstandener Relegation.

Noor Basha, nach der 2:1-Rettung gegen Kiel schien es, Sie würde vor Freude explodieren. Was ging da in Ihnen vor?

Noor Basha: Ich hatte wahnsinnigen Druck. Druck von außen, von den Fans. Wir hatten in dieser Saison viel riskiert. Wir waren in einer sehr schwierigen Situation. Aber ich habe immer an unsere Geschäftsführung geglaubt, an unsere Spieler. Und es hat funktioniert. Ich war natürlich unglaublich erleichtert und sehr emotional.

Funktioniert? 1860 wäre fast abgestiegen. Das groß angekündigte Konzept ist doch gescheitert.

Noor Basha: Man darf nicht vergessen: Jeder im Verein wollte dieses Konzept, alle haben es unterstützt. Das Präsidium hat „ja“ gesagt, unser Geschäftsführer Marketing hat „ja“ gesagt, ich habe im Namen von Hasan Ismaik „ja“ gesagt. Und auch bei der Verpflichtung von Gerhard Poschner als Geschäftsführer Sport haben alle gesagt: Das ist unser Mann. Die Ausgangslage war doch die: Unter Trainer Friedhelm Funkel wurde dieser Beton-Fußball gespielt, dieses Defensiv-System. Das hat niemandem gefallen. Alle – natürlich auch die Fans – wollten endlich attraktiven Fußball haben. Und dafür haben wir eine Vision aufgestellt, in jedem Bereich des Vereins gab es massive Veränderungen. Wir haben den kompletten Umbruch gewagt.

Es hat aber überhaupt nichts gebracht. Im Gegenteil: Die Mannschaft hat miserabel gespielt, wäre um ein Haar in der Dritten Liga gelandet...

Noor Basha: Das stimmt. Es sind viele Dinge schief gelaufen. Aber so ein Weg braucht Zeit und dafür gibt es nicht nur in der deutschen Bundesliga genügend Beispiele.

„Aktionismus im Fußball bringt gar nichts, jetzt einen neuen Sportdirektor zu holen, ist keine Lösung.“

Die Verantwortung dafür trägt in erster Linie Sportdirektor Gerhard Poschner mit seiner gescheiterten Personalpolitik.

Noor Basha: Natürlich trägt er die Verantwortung, aber mir gefällt das Wort gescheitert nicht – nicht nach einem Jahr!

Trotzdem: Warum ist Poschner immer noch Sportchef?

Noor Basha: Mir ist schon klar: Wenn ich Poschner entlasse, dann bin ich der Held. Aber wir glauben an unser Konzept, an unseren Weg, und wir glauben an Poschner. Wir geben ihm Zeit.

Was spricht für ihn?

Noor Basha: Grundsätzlich ist es so: Aktionismus im Fußball bringt gar nichts, jetzt einen neuen Sportdirektor zu holen, ist keine Lösung. Ein neuer Mann bräuchte doch mindestens sechs Monate, um diesen hochkomplizierten Verein und sein komplexes Umfeld zu verstehen. Da würde ich nur viel zu viel Zeit verlieren. Wir müssen doch jetzt schleunigst für die kommende Saison planen. Da arbeite ich lieber mit einem zusammen, den ich schon kenne. Und bei Poschner weiß ich, wie er tickt. Er weiß ja selber, dass er Fehler gemacht hat. Und wenn ich sage: Ich stehe hinter Poschi, dann heißt das nicht, dass ich hinter seinen Fehlern stehe. Sondern ich stehe hinter der Kontinuität. Die braucht 1860 nämlich dringend. Und ich stehe hinter Poschners starker Persönlichkeit, hinter seiner Philosophie und seiner Unabhängigkeit. Er hat eine zweite Chance verdient. Man darf auch nicht vergessen: Der Transfer von Julian Weigl zu Borussia Dortmund war sein Königstransfer. Wenn wir in die Dritte Liga abgestiegen wären, hätte uns das die Lizenz gerettet (Weigl brachte angeblich drei Millionen Ablöse ein/Anm. d. Red.). Und die sogenannten Poschner-Verpflichtungen haben für mehr als zwei Drittel der erzielten Treffer und Assists gesorgt.

Sie und somit auch Hasan Ismaik halten also an Poschner fest?

Noor Basha: Ganz klar: Poschners Ablösung ist für uns kein Thema.

Wie steht es denn grundsätzlich um die Bereitschaft von Hasan Ismaik, sich weiter für 1860 zu engagieren? Es geht das Gerücht um, er wolle seine Anteile verkaufen.

Noor Basha: Das ist Unsinn. Er denkt nicht daran, seine Anteile zu verkaufen. Es hat auch nie ein Angebot gegeben.

In der vergangenen Saison war Ismaik ein einziges Mal im Stadion. Und er hat dabei einen auffällig desinteressierten Eindruck gemacht...

Noor Basha: Das täuscht. Hasan ist da eigen, er zeigt keine Emotionen – außer wenn er sauer ist.

„Hasan war oft sauer. Aber intelligent sauer.“

Dazu hatte er im zurückliegenden Jahr wohl einige Male guten Grund?

Noor Basha: Natürlich.

Völlig losgelöst: Noor Basha feiert die Rettung des TSV 1860 in der Allianz Arena.

Er war oft sauer. Aber intelligent sauer. Und so hat er sich in dieser Saison ganz ruhig verhalten, keinen Stress gemacht. Das war intelligent von ihm. Und als es dann in die Relegation ging, hat er einfach an unser Schicksal geglaubt. Ismaik ist für einen Europäer nicht leicht zu verstehen, man muss ihn halt so nehmen, wie er ist. Ich bin jetzt seit drei Jahren sein Stellvertreter in München, aber er hat nur ein einziges Mal „danke“ zu mir gesagt.

Wie hat Ismaik denn das 2:1 gegen Kiel mitverfolgt?

Noor Basha: Ich habe in der ersten Halbzeit ungefähr 20 SMS-Nachrichten von ihm bekommen. Das hat richtig genervt (lacht dabei). Nach dem Spiel haben wir miteinander telefoniert. Er hat gesagt: „Unser Schicksal ist positiv. Aber jetzt musst du weiter arbeiten.“ Ich habe daraufhin gemeint: „Kann ich Urlaub haben?“ Er hat nur geantwortet: „Nein.“

Vor vier Jahren, als Ismaik bei 1860 die Investorenrolle übernahm, hat er als Ziel ausgegeben, die Löwen sollten in einigen Jahren „auf Augenhöhe mit dem FC Barcelona“ kommen. Das ist – nicht ganz unerwartet – eine Illusion geblieben. Wie konnte er sich so täuschen?

Noor Basha: Ganz einfach. Für einen Jordanier ist Deutschland die Nummer eins in der Welt. Deutschland ist für uns: Mercedes, VW, Porsche. Und die Fußball-Bundesliga. Hasan dachte anfangs: Das ist alles hochprofessionell bei 1860. Aber er kannte die Struktur des Vereins nicht richtig. Nach außen schaut das bei 1860 alles ganz toll aus: großer Verein, große Tradition, großes Potenzial, große Stadt. Die Realität ist aber anders. 1860 ist ein ganz normaler Verein. Wir schwimmen in Schulden, wir schwimmen zwischen Problemen und Instabilität und oft kontraproduktive Politik.

Ist das der Grund, warum Ismaik bislang nur zögerlich in den Kader investiert hat?

Noor Basha: Bei 1860 fehlen die Sicherheiten. Hasan glaubt an das Projekt, an die Marke, an das Potenzial. Aber wenn jemand richtig Geld investieren will, dann muss das Projekt solide, stabil sein. Das Problem ist: Bei Sechzig haben viele etwas zu sagen. Der Präsident spricht, der Verwaltungsrat spricht. Es gibt viele Einflüsse von außen. Wir sind einfach nicht Red Bull oder Hoffenheim oder Ingolstadt. Wie soll ein gutes Unternehmen funktionieren mit solch einer Atmosphäre?

„Unser erster Ansprechpartner in der Trainerfrage ist Torsten Fröhling“

Eine weitere wichtige ungelöste Personalie ist der Trainer. Gibt es schon eine Tendenz?

Noor Basha: Wir haben noch keine Entscheidung getroffen. Unser erster Ansprechpartner ist Torsten Fröhling. Man kann seine Quote nicht ignorieren. Unter seiner Leitung hat die Mannschaft im Abstiegskampf 22 Punkte in 15 Spielen geholt. Er ist in einer sehr schwierigen Zeit gekommen, hatte mit vielen Problemen zu tun – und hat die Rettung geschafft. Torsten hat ein großes Herz, er ist in jedem Fall eine Option.

Seit Wochen kursiert praktisch in allen Münchner Medien die Meldung, dass der Verein in aussichtsreichen Verhandlungen mit Trainerstar Felix Magath steht...

Noor Basha: Es ist für mich immer wieder interessant, was für Gerüchte in den Zeitungen stehen. Aber Felix Magath war und ist für uns kein Thema, wirklich nicht. Eine schöne Erfindung von Medien für Medien.

Wie sehen Sie nun die Perspektive für 1860? Was ist für die kommende Saison zu erwarten?

Noor Basha: Wir dürfen unsere Fans nicht mehr enttäuschen. Wir dürfen nicht mehr den Fehler von unserem früheren Trainer Ricardo Moniz machen, der vor der letzten Saison gesagt hat: „Wir müssen Meister werden.“ Unser künftiger Trainer, egal ob es Fröhling oder XY ist, muss klar ein Ziel formulieren, das wir auch erreichen können. Wir könnten jetzt zum Beispiel sagen: Wir wollen mindestens Fünfter werden. Wir wollen attraktiven Fußball spielen – mit Dampf und Kampf.

Gemessen an der vergangenen Horrorsaison klingt das schon wieder sehr optimistisch...

Noor Basha: Ich bin immer sehr optimistisch und jeder weiß das. Wir haben doch zuletzt das Potenzial gesehen. Da sind 125 000 Zuschauer in zwei Spielen gekommen. Wir haben es endlich ein bisschen geschafft, unsere Marke attraktiv zu machen, wir haben es geschafft, Talk of the Town zu werden, Stadtgespräch. Jeder Münchner hat gehofft, dass 1860 nicht absteigt. Auf diesen Momenten müssen wir aufbauen. Mit unseren Leuten – und einigen guten Transfers.

Ist Ismaik überhaupt willens, weiteres Geld in diese Mannschaft zu stecken?

Noor Basha: Das Geld ist da. Und Hasan und wir sind bereit – sollte es Sinn machen.

Das Interview führte Armin Gibis

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