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Petar Radenkovic auf einem Archivbild von 1999.

Petar Radenkovic: Kultfigur in goldener Zeit

Petar Radenkovic, die Münchner Torwart-Legende, feiert seinen 75. Geburtstag. Der Grandseigneur besucht immer noch die Spiele des TSV 1860.

Der lange Kerl mit der Torwartmütze fuchtelt wie wild mit der rechten Hand in Richtung Schiedsrichter, fordert brüllend einen Abseitspfiff, doch noch während er sich grimmigen Gesichts beklagt, zuckt er blitzartig mit der anderen Hand hoch und wehrt einen scheinbar aus dem Nichts kommenden Scharfschuss ab. Mit der Rechten reklamieren, mit der Linken parieren – diese Szene sah aus, als sei sie für einen Fußball-Slapstick gestellt worden. Doch sie passierte tatsächlich während eines Fußballspiels, lief immer wieder als Schmankerl in den Sportsendungen der 60er Jahre. Im Mittelpunkt stand dabei ein Mann, der berühmt dafür war, das Spielfeld auch zur Bühne seiner Verrücktheiten zu machen: Petar Radenkovic.

Spaßmacher, Showman und Temperamentsbolzen

Der aus Belgrad stammende Hüne war einst nicht nur einer der weltbesten Ballfänger; seine besondere Kunst bestand vielmehr darin, sich gleichzeitig als Spaßmacher, Showman und charmanter Temperamentsbolzen zu entfalten. „Mein Stil war attraktiv, die Zuschauer haben sich nie gelangweilt“, sagt Radenkovic. Seine große Zeit hatte der Serbe in der Meistermannschaft des TSV 1860. Er war ihr Inbegriff, die Kultfigur eines glorreichen Teams. „Wir hatten eine Weltklassemannschaft – und das in der goldenen Zeit des deutschen Fußballs“, meint Radenkovic. Lange ist das her, heute wird der Radi, so sein Künstlername, 75 Jahre alt.

Trauer um seine Frau Olga

Sein Nachruhm aber ist stabil geblieben. In den Wochen vor seinem Geburtstag gab es Interviewwünsche wie in seinen besten Tage. Zuletzt schaltete er sein Handy ganz aus. „Das ist Stress für mich“, meinte er zum aktuellen Medieninteresse. Radenkovic ist ohnehin überhaupt nicht nach Trubel. Gefeiert wird nur im engsten Kreis. Noch immer erfüllt ihn ein Gefühl der Trauer. Im Januar ist seine Frau Olga nach 53 Jahren Ehe gestorben. Es sei nicht leicht „so einen tollen Menschen zu verlieren“, sagt er, „das muss man erst verkraften.“

Tour durch das Grünwalder Stadion

Bilder

Wie es mit ihm weiter gehen wird, weiß Radenkovic nicht so genau. Voraussichtlich wird er sein Haus in Unterhaching verkaufen, fürs Erste zu einer seiner beiden Töchter in München ziehen. Möglicherweise kehrt Radenkovic, der immer noch Delegationsleiter der serbischen Fußball-Nationalmannschaft ist, nach Belgrad zurück. München aber werde er nie ganz aufgeben.

„Ich werde immer ein Sechziger sein“

Seine Töchter sind hier geboren, hier wohnt er seit 1962, hier wurde er zum Star und zur Legende, „das verbindet, ich fühle mich, als wäre ich hier geboren“, sagt er. Und außerdem: „Ich werde immer ein Sechziger sein.“

Die Erinnerung an seine Großtaten als Sechziger hält Radenkovic auch mit einem Poster in Schwarz-Weiß fest, das im Keller seines Unterhachinger Hauses hängt. Darauf ist der Dortmunder Lothar Emmerich zu sehen, wie er aus zwei Metern Entfernung den Ball aufs Tor hämmert – von links fliegt Radenkovic herbei. Es war der vorletzte Spieltag der Saison 1965/66. Die Löwen traten beim punktgleichen Tabellenführer an, Borussia Dortmund, eben erst Europacup-Sieger geworden, war Favorit. Doch Radenkovic hielt den scheinbar unhaltbaren Schuss von Emmerich, 1860 gewann 2:0 und errang den ersten und bis heute einzigen deutschen Meistertitel. Ein damaliges Interview mit dem Löwen-Keeper trug den Titel: „Bestes Torwart von Welt.“

Dauerfehde mit Max Merkel

Radenkovic fiel aber nicht nur durch seine Glanzparaden auf. Seine Spezialität war es, wie ein Feldspieler über den Platz zu laufen und zu dribbeln. Sein südländisches Temperament entlud sich zudem in komödiantisch hochwertigen Diskussionen mit Schiedsrichtern. Mit Trainer Max Merkel, seinem Intimfeind, lieferte er sich eine Dauerfehde, die 1966 zu Merkels Sturz führte. „Er war ein Zyniker gegenüber Menschen, er hat einzelne Spieler terrorisiert“, sagte er über den ebenfalls legendären Coach.

Sogar zum Schlagerstar brachte es der serbo-bajuwarische Alleinunterhalter und stürmte mit dem musikalischen Selbstporträt „Bin i Radi, bin i König“ 1965 die Hitparaden. In Bayern verdrängte er die Beatles („Ticket to ride“) von Platz 1 der Charts. Radi trat in den großen Fernsehshows auf, mit Roy Black ging er auf Tournee.

„Im Stadion leide ich schon lange“

Nach seiner Sportkarriere, die 1970 mit dem Abstieg des TSV 1860 endete, wurde Radenkovic zum Geschäftsmann, arbeitete als Repräsentant einer Textilfirma, handelte mit Spirituosen („Radi-Slibowitz“), betrieb ein Wienerwald-Lokal, eine Disko, ein Hotel und die Kneipe „Radis Treffpunkt“. Dem TSV 1860 ist er dabei immer treu geblieben, auch als Kritiker. „Im Stadion leide ich schon lange“, sagt Radenkovic. Seinen Wunschtraum beschreibt er so: „Vielleicht gibt es wieder ein Derby, in dem wir eine Chance haben, den FC Bayern zu schlagen.“ So recht scheint er aber nicht daran zu glauben: „Hoffentlich dauert es nicht, bis ich 100 bin.“

von Armin Gibis

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