Was lange währt . . . Stefan Aigner.
+
Was lange währt . . . Stefan Aigner.

Rechtsaußen mit langem Anlauf

München – Stefan Aigner hat über die Umwege Burghausen und Bielefeld den Aufstieg von der Löwen-Jugend in die erste Mannschaft geschafft

Die Fahrten begannen am frühen Morgen, sie gingen über Kassel und Fulda, südwärts nach Schweinfurt und Würzburg, hinüber nach Nürnberg und dann immer geradeaus. Nach viereinhalb Stunden war Stefan Aigner am Ziel seiner Reise angekommen. In Fröttmaning verließ er die A 9, parkte sein Auto, besuchte ein Heimspiel des TSV 1860 und machte sich gleich wieder auf den Rückweg. Am Abend war er zurück in Bielefeld.

Ein halbes Dutzend mal hat der junge Offensivspieler in den letzten anderthalb Jahren seinen trainingsfreien Tag auf der Autobahn und in der Allianz Arena verbracht. 1200 Kilometer war er dafür unterwegs, und ein Vergnügen waren die Vorstellungen der Löwen auch nicht so oft. Wer dennoch immer wieder kommt, dem muss eine Menge liegen an dieser Mannschaft. Nicht ganz überraschend nennt Aigner (21) die Blauen sein „Ein und Alles“.

Fotostecke: Die Rekordtransfers des TSV 1860

Fotostrecke

Selbst für die Sechziger, die in den letzten Jahren reihenweise Spieler zurückgeholt haben, ist er ein extremer Fall. Als er kurz vor Weihnachten einen Vertrag bis 2011 unterschrieb, endete eine Reise, die im Sommer 2006 begonnen hatte und deren Start und Ziel nah beieinander lagen. Aufgebrochen war Aigner vor zweieinhalb Jahren als 18-jähriger Nachwuchsspieler, der in der Jugend der Löwen alle Mannschaften durchlaufen hatte. Doch statt schnurstracks aufzusteigen zu den Profis, musste er erst mal einen Umweg einschlagen und sich in der Ferne beweisen. Im ersten Jahr als Jungprofi bei Wacker Burghausen gelang das so gut, dass am Saisonende 28 Zweitligaspiele und fünf Tore zu Buche standen. Selbst Wackers Abstieg schadete dem Mittelfeldspieler nicht. Im Sommer 2007 kam er bei Arminia Bielefeld unter.

Dem Ostwestfalen wird nicht nachgesagt, vor Weltoffenheit zu strotzen, aber das muss nichts heißen. Ein Abtasten gibt es überall, auch in Bayern, und überhaupt kann sich Aigner nicht beklagen: „Die Leute sind okay.“ Dass er in Bielefeld trotzdem nicht so richtig glücklich wurde, hatte andere Gründe. Diverse Verletzungen (ein Meniskuseinriss und ein Muskelfaserriss) erschwerten die Integration, als sei die bei einem Stammgast im Tabellenkeller nicht schon kompliziert genug. Als Aigner jetzt seinen Vertrag auflöste, standen lediglich fünf Einsätze zu Buche. Keiner davon länger als 18 Minuten.

Bei 1860 hat er ein anderes Standing, nicht nur wegen der innigen Beziehung zum Verein. Schwerer wiegt, dass Aigner als Rechtsaußen Qualitäten besitzt, die in München lange vermisst wurden. Über Notlösungen ist Marco Kurz in den letzten Jahren auf dieser Position selten hinausgekommen, ob er nun Josh Wolff, Timo Gebhart, Fabian Johnson oder Markus Thorandt aufstellte. Mit Aigner erhofft sich der Trainer mehr Schwung: „Er ist dynamisch und sehr hungrig.“

Sein neuer Schützling ist erst einmal froh, wieder zuhause zu sein („Man redet Bayerisch“), auch wenn er genau genommen so richtig ja gar nicht weg war. Als Arminia-Profi hat er nicht nur Löwen-Spiele besucht, sondern auch das Training, wenn es die Zeit erlaubte. Er hielt immer den Kontakt zu Ernst Tanner, dem Nachwuchsleiter, und sein Berater informierte umgehend die Löwen, als sich die Freigabe abzeichnete.

Umgekehrt hält er auch jetzt, wo das Kapitel Bielefeld beendet ist, die Verbindung nach Ostwestfalen. „Die haben mehr Schnee als wir“, hat er dabei kürzlich erfahren. Das Fernweh hat ihn deshalb aber noch nicht erfasst.

von Marc Beyer

Stefan Aigner im Interview mit Merkurtz.tv

"Ich bin kein Gebhardt-Ersatz"

Auch interessant

Kommentare