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Reifeprüfung für die Rasselbande

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- Gelsenkirchen - Es wirkte wie ein Faschingsgag, doch die Verkleidung der Löwen am Samstag hatte wohl mal wieder mit Psychologie zu tun. Mit Farbpsychologie. Nach sieben sieglosen Auftritten in den vertrauten Auswärtsklamotten (orange oder dunkelblau) liefen die Spieler des TSV 1860 mit neuer Montur in der Arena AufSchalke ein: Gelbe Trikots, schwarze Hosen, gelbe Stutzen - eine Kombination, die jedem Königsblauen ein Dorn im Auge ist. Gelb-Schwarz steht in Gelsenkirchen für den Erzfeind, und der kommt aus Dortmund.

Schrecken hat bei den Schalkern aber weniger das BVB-Kostüm ausgelöst, sondern die Art und Weise, wie sich die Gäste vor ihrem eigenen Tor verschanzten. Jupp Heynckes beklagte sich hinterher über einen "ultradefensiven Gegner", doch das 0:0 gibt seinem Münchner Trainerkollegen Recht. "Wir haben einen Punkt mitgenommen", freute sich Falko Götz, "das ist nicht nur sehr, sehr wichtig für die Tabelle, sondern auch für die Moral."

Es war ja keine einfache Situation, die seine Löwen zu meistern hatten. "Uns fiel in der vergangenen Woche ein Innenverteidiger nach dem anderen aus", erinnerte der Coach, "und die Hiobsbotschaften setzten sich am Spieltag fort." Stranzl vor und Schwarz kurz nach dem Anpfiff (siehe Text unten) reihten sich in die Liste der verhinderten Defensivleute - Fernando, Hoffmann, Cerny - ein, was zur Folge hatte, "dass wir improvisieren mussten" (Götz). A-Jugendspieler Christoph Janker fand sich plötzlich als einziger Verteidiger auf der Reservebank wieder, auf dem Platz versuchten Roman Tyce und Matthias Lehmann, die entstandenen Lücken zu schließen. "Wir mussten mit dem spielen, was da war", meinte Andreas Görlitz schicksalergeben, er selbst bildete das rechte Glied eines neu kreierten Abwehrverbundes: der Fünferkette. Das Besondere an dieser Strategie: Auch die fünf Spieler davor halten sich überwiegend in der eigenen Hälfte auf. So zumindest interpretierten sie die Löwen.

Ähnlich verbissen wie im Spiel ihr Tor verteidigten sie hinterher die aus der Not geborene Taktik. "Schalke hat das sicherlich nicht gefallen, aber darauf konnten wir keine Rücksicht nehmen", warb Sportdirektor Dirk Dufner um Verständnis. "Genau genommen hatten wir keine Torchance." Geschäftsführer Karl-Heinz Wildmoser jr. fand: "Das kann heute auch nicht unser Ziel gewesen sein." Ziel der Löwen war ein 0:0, das haben sie bekommen, "und da freuen wir uns riesig drüber _ mehr als über manchen Sieg" (Dufner).

Gewinner gab es ja trotzdem. Die vereinseigene Rasselbande um Lehmann und Daniel Baier hat gezeigt, dass sie auch in einer feindlichen Umgebung wie der dröhnend lauten SchalkeArena ihren Mann stehen kann. Fünf Spieler, die 22 oder jünger waren, kamen am Samstag zum Einsatz und wurden hinterher von allen Ü 40-Jährigen im Verein nur so mit Lob überschüttet. Wildmoser jr. sprach von einer "etwas älteren A-Jugend", die sich bravourös gewehrt habe, Wildmoser sen. sagte: "Ich bin stolz auf unseren Kindergarten." Auch Gerhard Poschner (34) lobte: "Das sind freche kleine Jungs - und die haben ihre Aufgabe super gelöst."

Der einzige, der am Samstag auch ein paar kritische Worte fand, war der trotz seiner weißen Weste enttäuschte Michael Hofmann. "Wir haben im Endeffekt nur lange Bälle gespielt", meckerte der Torhüter, "auf Dauer macht das keinen Spaß." Hofmann schlug vor, mal wieder "kontrolliert zu spielen", andernfalls könne es schon am kommenden Sonntag ein böses Erwachen geben. "Dortmund", schwant ihm, "wird 'ne harte Nuss."

Andere genossen erst mal den Augenblick. Götz flog vergnügt zur Trainertagung in Berlin, Poschner nach Spanien, und Wildmoser sen. schwebte auf Wolke sieben. Beim Verlassen der Arena rief der Präsident ein paar versprengten Schalke-Fans eine markige Kampfansage zu: "Nächstes Jahr, wenn unsere Jungs 19 sind statt 18", übertrieb er, "dann gibt's richtig Feuer." Wie zu hören war, wollen die Löwen dann auch mal aufs Tor schießen.

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