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Richard Neudecker: „Noch viel Luft nach oben“

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Von: Uli Kellner

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Bessere Stimmung, mehr Ruhe: Richard Neudecker (hier mit Kapitän Sascha Mölders) fühlt sich noch wohler bei 1860 als in seiner ersten Zeit an der Grünwalder Straße. 2016 hatte er den Verein für vier Jahre verlassen.
Bessere Stimmung, mehr Ruhe: Richard Neudecker (hier mit Kapitän Sascha Mölders) fühlt sich noch wohler bei 1860 als in seiner ersten Zeit an der Grünwalder Straße. 2016 hatte er den Verein für vier Jahre verlassen. © Stefan Matzke / sampics

Richard Neudecker ist aus dem Mittelfeld der Löwen seit diesem Sommer nicht mehr wegzudenken. Im Interview lobt er sein Team nun über den grünen Klee.

München – Das Fachmagazin „Kicker“ sortiert ihn in der gestern veröffentlichten Rangliste auf Platz 7 ein, Position „offensives Mittelfeld“, Kategorie „Auffällig“. Unauffällig ist er auch wahrlich nicht, der „KampfzwergRichard Neudecker, 24, wie er sich selbst beschreibt. Nach drei Jahren bei St. Pauli und einem Jahr in Holland ist der Mühldorfer seit Sommer zurück bei seinem Ausbildungsverein – und auf Anhieb eine Fixgröße: Stammspieler, Antreiber, Schütze spektakulärer Tore, mal per Hacke (Lübeck), mal mutig aus 30 Metern (Köln). Unser Interview mit dem Rückkehrer.

Richard Neudecker, in jedem der 19 Spiele auf dem Platz, drei Tore, fünf Vorlagen. Der Wiedereinstand bei 1860 hätte schlechter laufen können, oder?

Um ehrlich zu sein: Ich bin damit nicht ganz so zufrieden. Ich freue mich riesig, dass ich der Mannschaft helfen konnte und gesund bin – toi, toi, toi. Ich denke aber, es ist noch viel Luft nach oben. Ich erwarte schon noch einmal einen Schub von mir.

TSV 1860: Richard Neudecker will mehr Tore

In welchem Bereich?

Ich will noch mehr am Spiel beteiligt sein, den Übergang von der Verteidigung zum Angriff noch besser leiten. Und natürlich möchte ich auch noch weiter an meiner Statistik arbeiten: Es sollen schon noch einige Tore und Vorlagen dazukommen.

Sie sagten im Sommer, sie seien im Mittelfeld praktisch überall einsetzbar, auf der Sechs, Acht und Zehn. Wie würden Sie jetzt Ihre Rolle beschreiben?

Ich denke, dass wir als Team anders Fußball spielen als die meisten Vereine in der Liga. Wo ich spiele, als Part einer Doppel-Acht, kommt es auf Präsenz an. Dass man nicht über uns drüber spielt, sondern dass wir unsere Positionen aktiv bespielen und unsere Kreativität einbringen.

Wie erleben Sie denn generell die 3. Liga, die ja Neuland war für Sie?

Von außen wird die 3. Liga immer ziemlich schlechtgeredet. Da wird ja nur gehackt, sagen die einen. Kampf, Kampf, Kampf, sagen andere. Beides kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Mich hat das Niveau sehr positiv überrascht – und auch bei 1860 wurde früher schon anders Fußball gespielt.

Richard Neudecker: „Können Situation noch besser lösen“

Platz drei zur Halbzeit ist eine erfreuliche Zwischenbilanz. Oder sehen Sie das auch wieder kritischer?

(lacht) Ich denke, dass wir eine wirklich ordentliche Hinrunde gespielt haben, auf jeden Fall. Wenn uns das am Anfang jemand gesagt hätte, wären wir sicher alle glücklich damit gewesen. Tabellarisch passt alles, spielerisch könnten wir sicher viele Situationen noch besser lösen.

Jetzt, da Sie ein halbes Jahr wieder hier sind: Was hat sich geändert seit Ihrem Abschied 2016?

Vor allem ist der Verein ruhiger geworden. Das hat sich sehr zum Positiven verändert. Das habe ich schon am ersten Tag meiner Rückkehr gespürt: Da war eine ganz andere Energie, alles viel positiver. Es wird auch allgemein viel mehr gelacht überall.

Dabei gibt es ja praktisch kaum noch Kontakt zu den Fans. Wie sehr fehlt das?

Jeder weiß, dass wir eine einmalige Fankultur haben. Das dann nicht mitzuerleben, tut extrem weh. Ich denke auch, dass in engen Spielen noch mehr gegangen wäre, wenn uns die Fans auf den Rängen gepusht hätten, da spreche ich für die ganze Mannschaft. Es fehlt uns unglaublich – und es nervt auch.

TSV 1860 München eine „sehr offene Mannschaft“

Eine Corona-Krise ist sicher nicht ideal, um sich in eine neue Mannschaft einzugliedern, sie auch mal abseits des Platzes kennenzulernen. Wie weit sind Sie, was das angeht?

Das lief bei mir sehr, sehr gut. Weil wir aber auch eine sehr offene Mannschaft haben. Alle sind unheimlich nett und korrekt. Das merkt man auch am Merv (Biankadi) – wie wohl der sich schon nach wenigen Wochen fühlt. Wir haben alle das Ziel, erfolgreich Fußball zu spielen, und da nehmen wir jeden gerne auf. Corona macht es sicher für keinen leichter, aber ich kann nicht sagen, dass ich einen schweren Start hatte.

Und wie lief sonst die „Wiedereinbayerung“? Sind Sie oft in Mühldorf, Ihrer Heimat? Essen Sie wieder Weißwürste statt Labskaus und Hering?

Beides. Ich hab zwar eine Wohnung in Perlach, wo auch der Haini wohnt (Hachings Stephan Hain, der Ex-Löwe). Ansonsten bin ich tatsächlich viel bei meinen Eltern. Jahrelang haben wir ja fast nur telefoniert.

Genießen Sie das noch mehr, nachdem Sie ja schon mit 13 Ihr Elternhaus verlassen haben.

Auf jeden Fall. Das ging schon los, als in Holland die Fußballsaison unterbrochen wurde und wir volle drei Monate lang gar nichts machen durften. Da hab ich dann gefühlt ein Jahr von meiner Jugend nachgeholt. Das war wirklich etwas Besonderes.

Richard Neudecker: „Was kommt danach?“

Sie haben im Sommer auch mit Ihrem Bruder und einem Kumpel eine Fußballschule gegründet. Schon mit Blick auf die Zeit nach der Karriere?

Ich hab zwar einen Realschulabschluss, aber ich mache mir immer wieder Gedanken: Was kommt danach? Was kann ich jetzt schon tun, um später nicht in ein Riesenloch zu fallen? Das Camp hilft mir da enorm, wobei für uns nicht der Kommerz im Vordergrund steht, sondern eindeutig der Spaß.

Mehr nach Ernst als nach Spaß klingt das anstehende Programm: Meppen, Magdeburg, Zwickau. Drei Spiele in acht Tagen, bei denen die Messlatte hoch hängt: Sieben Punkte gab es da zum Saisonstart.

Boah, daran denken wir gar nicht. Natürlich schauen wir von Spiel zu Spiel, und da wäre es der größte Fehler, Meppen am Sonntag zu unterschätzen. Die haben eine sehr robuste und starke Mannschaft, über die läuft man nicht mal so eben drüber.

Und was ist generell drin in der Rückrunde?

Ich sag’s mal so: Wir wissen, dass wir eine gute Platzierung erreichen können, wir wissen aber auch, dass wir nicht ein Prozent nachlassen dürfen. Man hat schon viele Mannschaften erlebt, die oben mitspielen wollten – und am Ende waren sie im Niemandsland. Das soll uns nicht passieren.

Interview: Uli Kellner

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